DLV-Speerwerfer bei der EM Die drei Könige der Lüfte

Das Speerwerfen der Männer ist zur Paradedisziplin der deutschen Leichtathletik geworden. Bei der EM in Berlin streben die Männer des DLV sogar alle drei Podestplätze an.

Von , Berlin


Wer sich einmal im Leben daran versucht hat, einen Speer möglichst weit zu werfen, weiß um die Kompliziertheit dieser Sportart. Einer Sportart, die so leicht aussieht, wenn der Speer fast durch das gesamte Leichtathletikstadion segelt, von einem Ende zum anderen, bevor er sich noch bebend und zitternd von der Wucht des Abwurfs in den Rasen bohrt.

Aber ihn so zu schleudern, das bedarf höchster Technik, Koordination, das Synchronisieren der Anlaufschritte mit den Bewegungen des Wurfarms - das braucht jahrelange Übung. Es ist eine Sportart für Tüftler, Herumprobierer, Bastler. Eine Sportart für Thomas Röhler.

Röhler, 26 Jahre alt, im allerbesten Leichtathletenalter, Olympiasieger in Rio de Janeiro 2016, fest verwachsen mit seinem Heimat-, Lebens- und Trainingsort Jena, gehört zu den Vorzeigeathleten des Deutschen Leichtathletik-Verbands. Der DLV hat im Vorfeld der Heim-EM in Berlin ein paar knackige PR-Videos produziert, Röhler erzählt darin, dass er "schon immer gerne geworfen" hat, als Kind schon "Steine an der Küste". Hauptsache, möglichst weit - und nichts anderes macht er im Grunde bis heute.

Drei Favoriten - alle aus dem eigenen Lager

Am Mittwoch starten die Speerwerfer mit der Qualifikation in die Europameisterschaft. Das Speerwerfen der Männer ist die Paradedisziplin der deutschen Leichtathletik geworden. Im Grunde gibt es nach den bisherigen Saisonleistungen drei große Favoriten auf den EM-Titel, und alle kommen aus Deutschland: Röhler, der Olympiasieger, Johannes Vetter, der Weltmeister und deutsche Rekordhalter, und Andreas Hofmann, der Deutsche Meister.

Johannes Vetter
DPA

Johannes Vetter

Das Trio führt die Weltjahresbestenliste an: Vetter ist der Erste mit 92,70 Metern, Hofmann der Zweite mit 92,06 Metern, Röhler folgt mit 91,78 Metern. Die drei liegen so eng beieinander, eine Prognose für das Finale am Donnerstag ist unmöglich. Es kann so viel passieren in einem Endkampf, das Wetter, der Wind, im Speerwurf kommt es auf so vieles an.

Auch bei der WM im Vorjahr reisten sie als Medaillenphalanx an. Vetter wurde dem gerecht, aber zwei Tschechen bestritten den Wettkampf ihres Lebens und sicherten sich Silber und Bronze, Röhler blieb Platz vier. "Ich kann gut mit Niederlagen umgehen", hat Röhler der "Berliner Zeitung" gesagt. Nach dem vierten Platz von London hat er noch ein bisschen mehr getüftelt, schon vorher hat er sich mit Wissenschaftlern der Uni Jena kurzgeschlossen, er beschäftigt sich mit Magnetfeldern, mit der Berechnung von Flugkurven, es muss doch aus dem Speerwurf noch ein paar Meter mehr rauszuholen sein. Röhler sagt: "Die 100 Meter sind drin", es müsse Schluss sein "mit dem limitierten Denken im Speerwurf".

100 Meter - das ist das Ziel

Sein Teamkollege Vetter hat 2017 den Deutschen Rekord auf fast 95 Meter nach oben geschraubt, fünf Meter fehlen noch zu der magischen Marke, fünf Meter sind im Speerwerfen eine Menge, aber es ist nicht unmöglich. Röhler, Vetter und Hofmann haben sich in den Vorjahren um mehr als fünf Meter gesteigert.

Andreas Hofmann
Bongarts/Getty Images

Andreas Hofmann

100 Meter, das hat schon einmal ein deutscher Speerwerfer geschafft. DDR-Werfer Uwe Hohn warf das Gerät 1984 beim Olympischen Tag im Berliner Jahnstadion auf die unglaubliche Weite von 104,80 Metern. Aber das war ein anderer Speer, und das waren andere Zeiten. So steht der Weltrekord heute mit dem neuen, veränderten Speer bei 98,48 Metern des Tschechen Jan Zelezny. 152 Zentimeter unter den 100 Metern.

Es gehört zu den Geheimnissen des Erfolgs, dass sich die drei Siegwerfer auch privat gut verstehen. Wenn sie beim DLV bei Bundestrainer Boris Obergföll sind, unternehmen sie auch privat Dinge gemeinsam. "Wir können auch mal über Gott und die Welt reden, nicht nur über Speerwurf", sagt Hofmann. Die drei Musketiere des Speerwurfs, das ist natürlich auch Marketing, das verkauft sich gut, aber alle Beteiligten beteuern, dass es mehr als das ist. "Wenn wir nicht in der Lage sind, in Teams zusammenzuarbeiten, auch mal mehr preiszugeben, könnte das über kurz oder lang auch unser Untergang sein", sagt Röhler. Und er meint das nicht nur aufs Speerwerfen bezogen.

Am Donnerstag wollen die deutschen Speerwerfer ihren Heimvorteil nutzen, das Olympiastadion wird ausverkauft sein, es soll das Highlight der Titelkämpfe aus deutscher Sicht werden. Röhler, Vetter, Hofmann - alle drei können Europameister werden. Röhler sagt: "Jeder weiß, dass der Andere gewinnen kann. Damit können wir alle respektvoll umgehen." Man glaubt ihm das sogar.



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