SPIEGEL ONLINE Exklusiv Handball-Bundesliga diskutiert Reduzierung auf 16 Teams

Verglichen mit den Handballern sind Fußballprofis Weicheier. Sie absolvieren viel weniger Spiele, dafür lamentieren sie mehr. Nun regt sich Widerstand in den Reihen der Handballer. Die Bundesliga soll verkleinert werden, um die Belastung etwas zu verringern.

Von , Basel


Die 7. Europameisterschaft, die derzeit in der Schweiz stattfindet, gilt als das spektakulärste und physisch härteste Turnier der Welt. Der Gewinner wird, wenn er den Pokal am Sonntagnachmittag in Empfang nimmt, acht Partien binnen elf Tagen in den Knochen haben. Als äußerst strapaziös gilt dabei die am Dienstag beginnende Hauptrunde, in der Titelverteidiger Deutschland am Nachmittag auf die Ukraine (15.15 Uhr, live in WDR und NDR) trifft; die nächsten Gegner heißen am Mittwoch Slowenien und Polen einen Tag später. Die Profis müssen also drei Spiele in drei Tagen absolvieren. Sarkasten frotzeln: Am Ende gewinnt dasjenige Team, das im Finale noch laufen kann.

Franzose Abalo, Deutscher Hens: "Mord an den Spielern"
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Franzose Abalo, Deutscher Hens: "Mord an den Spielern"

Von einem kalkulierten "Mord an den Spielern" spricht Uwe Schwenker, Manager des deutschen Meisters und derzeitigen Tabellenführers THW Kiel, angesichts des extrem dichten Terminkalenders. Da dieser jedes Jahr eine EM oder eine WM vorsieht, alle vier Jahre mit den Olympischen Spielen gar zwei Großereignisse, kommen die besten Profis überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Ein Nationalspieler wie Christian Zeitz vom THW hätte es im olympischen Jahr 2004 theoretisch auf 69 Pflichtspiele bringen können (34 Einsätze in der Bundesliga, 6 im Pokal, 1 im Supercup, 13 in der Champions League, 8 bei der EM und 7 bei den Olympischen Spielen).

Dazu kommen noch rund 20 Testspiele. Kein Wunder, dass sich speziell in Deutschland, wo die Konkurrenz in der besten Liga der Welt besonders ausgeprägt ist, die Verletzungen häufen. Deutschland fehlen im Rückraum mit Oleg Velyky (Kreuzbandriss, Kronau-Östringen), Holger Glandorf (Kniereizung, Nordhorn) und Markus Baur (Achillessehne, Lemgo) bei der EM drei Stammkräfte. Baurs Vereinskollege Daniel Stephan trat im November wegen chronischer Ellenbogenschmerzen aus der Nationalmannschaft zurück - auch eine Folge der fehlenden Regeneration.

Das Substanz raubende Programm ist dem schnöden Mammon geschuldet. Zu Beginn der neunziger Jahre änderte die in Basel ansässige Internationale Handball-Föderation (IHF) den bis dato gültigen WM-Turnus - statt alle viere Jahre kämpfen die Nationalteams nun alle zwei um die Weltmeisterkrone. Auch die 1991 gegründete Europäische Handball-Föderation (EHF), die von Wien aus operiert, trägt seit 1994 in diesem Rhythmus ihre Titelkämpfe aus. Dazu kopierte die EHF den Gruppenmodus der Champions League aus dem Fußball und vermehrte so die Zahl der Europapokalspiele. Das dahinter steckende Kalkül: mehr Spiele, mehr Geld.

Nur noch 16 statt 18 Bundesligisten

Als einige Funktionäre später merkten, dass unter der Masse der Spiele die Athleten immer stärker leiden und damit letztlich auch die Sportart, wurde ein Boykott der europäischen Wettbewerbe durch die deutschen Clubs erwogen. "Aber die Bundesliga wollte das nicht", erinnert sich DHB-Präsident Ulrich Strombach. Deswegen sei der heutige internationale Terminkalender, so Strombach zu SPIEGEL ONLINE, "nicht mehr zu ändern". Der DHB-Boss weiß auch, warum: "Es sind immer die anderen, die verzichten sollen." In der Tat gelten IHF und EHF als heillos zerstritten. Die Diskussionen über eine Reduzierung der Anzahl an Spielen blieben bislang ergebnislos. Als "unehrlich und scheinheilig" bezeichnet indes Strombach auch die Kritik einiger deutscher Clubs. Denn diese ließen ihre Spieler auch zu lukrativen Showturnieren antreten.

Um die körperliche Belastung zu verringern, diskutiert die Deutsche Handball-Liga (HBL) eine Reduzierung der höchsten Spielklasse von 18 auf 16 Vereine, wie SPIEGEL ONLINE erfuhr. Vier Ligapartien pro Saison würden so eingespart; zuletzt gab es in der Saison 1998/99 16 Oberhausclubs. Ein weiteres Duell könnte künftig dadurch wegfallen, dass die Bundesligaclubs im Pokalwettbewerb erst in der dritten und nicht wie bisher schon in der zweiten Hauptrunde einsteigen.

Verbände sollen für abgestellte Spieler zahlen

Da sich die internationalen Verbände derzeit nicht bewegen, bezeichnen einflussreiche Funktionäre wie Hans-Peter Krämer, Aufsichtsratschef des mit Nationalspielern gespickten Bundesliga-Zweiten VfL Gummersbach, diesen Vorschlag als "Ultimo Ratio". Kiels Manager Schwenker unterstützt diese Idee, über die bei der nächsten HBL-Vorstandssitzung am 14. Februar debattiert werden soll. Weil der Weltverband künftig auch noch Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele vorsieht (den Modus stellt die IHF am Donnerstag in Basel vor), gäbe es keine Alternative zur Reduzierung der Bundesliga, sagt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann: "Es sei denn, wir spielen den ganzen Sommer durch." Dies jedoch ist die einzige Pause, die der Terminplan den Aktiven noch gestattet.

"Die Diskussion ist es wert, geführt zu werden", betont DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier, der in Personalunion den Bundesligisten GWD Minden managt. Bundestrainer Heiner Brand, der die Belastungen seiner Spieler seit langem geißelt, fordert ebenfalls eine Debatte: "Man muss alles grundsätzlich neu durchdenken." Zusätzlich will HBL-Funktionär Bohmann IHF und EHF dazu zwingen, sich für die abgestellten Profis an den Kosten zu beteiligen. Der Weltfußballverband Fifa "schüttet ja auch aus, und nicht zu knapp", so Bohmann. Der aktuelle Zustand jedenfalls sei "für die Vereine finanziell nicht länger tragbar".



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