Sport-Szenen des Jahres Autsch, ins Aus!

Was bleibt vom Sportjahr 2015? Pokale, Geld und Ruhm für die Sieger, klar. Die wirklich besonderen Momente sind manchmal aber ganz andere. Schauen Sie mal.

Bolt in Peking: Von den Beinen geholt
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Bolt in Peking: Von den Beinen geholt

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Zu weich aufgepumpte Bälle für: Tom Brady

Von den großen Sportarten in den USA ist American Football die schnörkelloseste. Die Trainer überlegen sich zwar die ausgefeiltesten Spielzüge und geben ihren Athleten Bücher, die vollgeschrieben sind mit taktischen Manövern. Doch auf dem Platz ist für Feinheiten kein Platz mehr, so scheint es. Dort zählen allein Kraft und Geschwindigkeit. Es gibt keine Dribblings wie beim Basketball, keine kunstvoll angeschnittenen Bälle wie beim Baseball, keine läuferische Brillanz wie beim Eishockey. Im Football dominiert Härte, mehr ist immer besser, das verrät schon ein Blick auf die Muskelberge der Spieler.

Umso schöner war da die Geschichte um die schlappen Bälle, die unter dem Namen "Deflate Gate"in die NFL-Geschichte einging. Die späteren Super-Bowl-Sieger New England um Megastar Tom Brady sollen dem Spielgerät vor dem Halbfinale gegen die Indianapolis Colts Luft abgelassen haben, was verboten ist und letztlich zu einer Millionenstrafe für den Klub und zu einer Sperre für Quarterback Brady führte. Weichere Bälle sind leichter zu werfen und zu fangen.

New-England-Quarterback Brady: Harter Kerl mit Vorliebe für weiche Bälle
AFP

New-England-Quarterback Brady: Harter Kerl mit Vorliebe für weiche Bälle

Ein weiterer Karrierefrühling für: Dirk Nowitzki

Wer ihn in Testspielen vor der Europameisterschaft sah, konnte Angst bekommen, dass Dirk Nowitzki den Absprung verpasst hat. Der 37-jährige Basketballer, der da über das Feld schlich, schien nichts mehr mit dem NBA-Champion von 2011 gemein zu haben. Gerade im Vergleich mit dem blitzschnellen, 16 Jahre jüngeren Aufbauspieler Dennis Schröder fiel Nowitzki ab.

Doch bei der EM in Berlin zeigte der alte Mann, dass er es noch drauf hat: Er sprintete, er kämpfte, er traf. Die deutsche Nationalmannschaft schied zwar in der Vorrunde aus, drängte aber Top-Teams wie Serbien und den späteren Europameister Spanien an den Rand einer Niederlage. Und auch in der laufenden NBA-Saison überrascht Nowitzki: Seine Dallas Mavericks liegen auf Playoff-Kurs, Nowitzki ist als Beinahe-Rentner noch der Anführer des Teams und überholte jüngst in der ewigen Bestenliste den Punktesammler Shaquille O'Neal.

Basketball-Star Nowitzki: Starke Spiele für Deutschland
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Basketball-Star Nowitzki: Starke Spiele für Deutschland

Ein Sieg in der Niederlage für: Mardy Fish

Früher war Tennis alles für Mardy Fish, den 1,88-Meter-Mann aus Minnesota, der mit seinem Landsmann Andy Roddick erst im Doppel erfolgreich war und dann auch im Einzel immer besser wurde. 2011 hatte sich Fish mit seinem starken Allroundspiel bis auf Platz sieben der Weltrangliste vorgearbeitet. Doch dann begann seine Leidenszeit: Herzrasen, Atemnot, Panik. Tennis war zur Hölle geworden für Fish, der Druck von außen, vor allem aber der Druck, den er sich selbst machte, war zu groß geworden.

Im September 2012 war er unfähig, im Achtelfinale der US Open gegen Roger Federer anzutreten. Zwischen Ende August 2013 und Anfang März 2015 bestritt Fish auf der ATP-Tour kein einziges Einzel. Dann wagte er das Comeback, er hatte seine Angst überwunden. Als er bei den US Open in diesem Jahr ausschied, lächelte der damals 33-Jährige. Es war sein letztes Spiel als Profi, er hatte alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte.

Tennis-Profi Fish: Aufgehört ohne Angst
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Tennis-Profi Fish: Aufgehört ohne Angst

Ein Kameramann mit Kontrollverlust für: Usain Bolt

Die Gefahr, das weiß man, schleicht sich stets an, sie sprintet nicht. Usain Bolt hingegen schleicht nicht, er sprintet. Es ist daher nur menschlich vom Jamaikaner, der ansonsten eher für übermenschliche Leistungen bekannt ist, dass er an diesem 27. August nicht mit einer Gefahr gerechnet hat.

Bolt hatte in Peking gerade das Rennen über 200 Meter in der Weltjahresbestzeit von 19,5 Sekunden gewonnen, es war die zweite Goldmedaille für ihn bei der WM. Der Sprint war vorbei, der erste Jubel auch, barfuß schlenderte Bolt seine Ehrenrunde. So langsam, dass die Gefahr eine Chance bekam, sich anzuschleichen. Oder besser gesagt: heranzurollen, in Gestalt eines Kameramanns. Dieser näherte sich im Rücken des Superstars auf einem zweirädrigen Gefährt, touchierte eine Kameraschiene, kam ins Schlingern - und rauschte Bolt mit Tempo in die Hacken. Kameramann und Sprinter blieben unverletzt, Bolt rollte sich sogar elegant ab - und gewann anschließend noch Gold mit der 4x100-Meter-Staffel.

Eine abstürzende Drohne für: Marcel Hirscher

Eine Kamera wäre beinahe auch dem österreichischen Skifahrer zum Verhängnis geworden - ob ein Zusammenstoß allerdings ähnlich glimpflich abgelaufen wäre, darf man bezweifeln. Beim Slalom im italienischen Madonna di Campiglio krachte eine Kameradrohne direkt hinter Marcel Hirscher auf die Piste und zerbarst in ihre Einzelteile. Schuld könnte ein schlapper Akku gewesen sein. Hirscher blieb unverletzt und wurde sogar noch Zweiter. Im Ziel sprach er von einer "Frechheit", später machte er bei Facebook schon wieder Witze über den Vorfall. Da es aber auch deutlich schlimmer hätte ausgehen können, beschäftigt der Fall nun den internationalen Ski-Verband.

Ski-Fahrer Hirscher: Knapp der Drohne entkommen
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Ski-Fahrer Hirscher: Knapp der Drohne entkommen

Ein Gegentor als Finderlohn für: Lukas Nottbeck

Lukas Nottbeck ist gut erzogen. Wenn man etwas findet, was einem nicht gehört, bringt man es zurück. Das beherzigte der Spieler vom Regionalligisten Viktoria Köln in der 2. DFB-Pokalrunde gegen Bayer Leverkusen. Belohnt wurde er dafür nicht, im Gegenteil.

Schiedsrichter Benjamin Cortus hatte die Rote Karte im Kölner Strafraum verloren, Nottbeck wollte behilflich sein und dem Unparteiischen die Karte zurückbringen. Unglücklicherweise segelte im gleichen Augenblick ein langer Ball in Richtung Kießling, den Nottbeck - womöglich wegen der Ablenkung - nicht im Blick hatte. Kießling traf zum 5:0, Nottbeck warf die Pappe wütend auf den Rasen. "Da sehe ich natürlich etwas blöd aus", sagte Pechvogel Nottbeck danach SPIEGEL ONLINE.

Köln-Spieler Nottbeck (Nummer 13): Für Karten-Bringdienst nicht belohnt worden
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Köln-Spieler Nottbeck (Nummer 13): Für Karten-Bringdienst nicht belohnt worden

Ein Jahr wie eine Riesenwelle für: Mick Fanning

Besonders die zweite Jahreshälfte war eine, die der Australier Mick Fanning wahrscheinlich nie vergessen wird, leider nicht nur wegen freudiger Momente. Im Juli saß er gerade im Line-up des Wettkampfes von J-Bay in Südafrika und wartete auf eine gute Welle. Es war das Finale gegen Julian Wilson, Fanning lag zurück, er brauchte Punkte, um sich den Sieg noch erkämpfen zu können. Doch stattdessen kämpfte er plötzlich um sein Leben. Ein Hai hatte den auf seinem Brett sitzenden Fanning attackiert oder zumindest sehr neugierig angestupst. Fanning reagierte blitzschnell und verpasste dem Tier einen Fausthieb auf den Rücken, tatsächlich ließ der Hai von dem Surfer ab.

Anfang Dezember dann hatte sich Fanning mit dem Rest der Surf-Elite an den Stränden der Hawaii-Insel O'ahu eingefunden, um für das Pipeline Master zu trainieren, den traditionellen Abschluss des Turnierjahres. In den gewaltigen Wellen stürzte US-Surfer Evan Geiselman von seinem Brett und schaffte es anschließend nicht, sich zurück an die Oberfläche zu retten. Woge um Woge brach auf ihn ein, Geiselman verlor das Bewusstsein und überlebte nur, weil der Bodyboarder Andre Botha die Situation erkannte und zu Hilfe eilte. Fanning half mit, Geiselman an Land zu bringen. Dann lief der Wettkampf und Fanning hatte noch die Chance, zum vierten Mal in seiner Karriere den WM-Titel zu gewinnen.

Vor dem Viertelfinale erfuhr er, dass sein ältester Bruder in Australien ums Leben gekommen war. Fanning trat trotzdem an und gewann. Im Halbfinale unterlag er aber dem Vorjahreschampion Gabriel Medina, der im Finale gegen seinen Landsmann und neuen Weltmeister Adriano De Souza verlor. Der Sieger der Herzen aber, da waren sich alle Beteiligten einig, war nach diesem unglaublichen Jahr Mick Fanning. Sein Kommentar nach der Niederlage: "Mir ist es am Wichtigsten, dass ich glücklich aus dem Wasser steigen kann. Und das habe ich heute getan."

Surfer Fanning (Mitte, nach der Hai-Attacke): Jahr der Extreme
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Surfer Fanning (Mitte, nach der Hai-Attacke): Jahr der Extreme

Einen Triumph gegen alle Wahrscheinlichkeiten für: Roberta Vinci

Es gab in diesem Tennisjahr Außenseiterinnen, krasse Außenseiterinnen und es gab Roberta Vinci. Seit 1999 ist die Italienerin auf der Profitour unterwegs, 2013 schaffte sie es bis auf Platz elf der Weltrangliste. Ihren meistbeachteten Erfolg aber feierte sie in diesem September bei den US Open. Im Halbfinale traf sie auf Serena Williams, die zuvor die anderen drei Grand-Slam-Turniere des Jahres hatte gewinnen können. Den Grand Slam perfekt gemacht hatte zuletzt Steffi Graf im Jahr 1988. Nun trafen sie aufeinander, die wenig glamouröse Vinci und der Superstar, der als unaufhaltsam galt, Wettquote für einen Sieg der Italienerin: 300:1. Doch am Ende galten nur diese Zahlen: 2:6, 6:4, 6:4 gewann Vinci das Match, mit dem sie sich für alle Zeit in die Tennis-Historie eingetragen hat. Auch, weil sie das anschließende Finale gegen ihre Landsfrau Flavia Pennetta 6:7 und 2:6 verlor.

Tennis-Spielerin Vinci (l., mit S.Williams): Schlechte Quote, gutes Spiel
AFP

Tennis-Spielerin Vinci (l., mit S.Williams): Schlechte Quote, gutes Spiel

Mitarbeit: Marcus Krämer und Christian Krämer

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Seite 1
soschautsaus2014 01.01.2016
1. Da fehlt doch was
Wie kann es sein, dass ein Sportjournalist das drittgrößte Sportereignis der Welt nach Fußball-WM und Olympia vergisst: die brilliante Rugby-WM. Das dafür die "Weltsportart in Deutschland" American Football in so einem Jahr ganz vorne steht ist ja wohl ein Witz. Schwach.
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