Manipulation in Westdeutschland : "Irgendwann ist jede Tasse Kaffee Doping"

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Minister Friedrich, Ausschussvorsitzende Freitag: "Es gab kein Staatsdoping"

Die Studie der Humboldt-Universität zum West-Doping hat im Bundestag zu heftigem Streit geführt. Im Sportausschuss wurden den Autoren schwere Mängel vorgeworfen. Innenminister Friedrich hält das Thema für überbewertet: "Es war eben eine andere Zeit."

Doping im Osten - Achselzucken, das ist doch jedem bewusst, dass es das gab, das regt auch fast niemanden mehr auf. Aber die Tatsache, dass auch in der alten Bundesrepublik Dopingmittel eingesetzt wurden, weckt offenbar starke Emotionen.

Die Studie der Berliner Humboldt-Universität, in der an sich lange Bekanntes zum West-Doping zusammengestellt worden ist, war ein hochgradiger sportpolitischer Aufreger dieses Sommers, in allen Medien wurde das Thema diskutiert - und der aufgeregte Streit setzte sich am Montag bei der Sondersitzung des Sportausschusses im Bundestag zu diesem Thema fort.

Dabei ging es weniger darum, ob und in welchem Ausmaß im Westen gedopt wurde, noch viel weniger wurde geredet über das, was man tun könne, um Leistungsmanipulation effektiver zu bekämpfen - vielmehr tobte die Debatte um den wissenschaftlichen Wert der Humboldt-Studie. Oder wie der CDU-Obmann Klaus Riegert süffisant behauptete: "Hier wurde mangelnde wissenschaftliche Akribie durch rege Pressearbeit ersetzt." Ohnehin versuchten die Kritiker der Studie, die Sitzung zum Großangriff auf die Arbeit der Humboldt-Universität zu nutzen.

"Dopingbegriff aus dem Bauch heraus"

Speziell der Sportmediziner Klaus-Michael Braumann von der Universität Hamburg, einer der am Montag geladenen Sachverständigen, erhob schwere Vorwürfe gegen das Berliner Forscherteam um Studienleiter Giselher Spitzer. Wenn es nach der Studie gehe, "dann ist irgendwann jede Tasse Kaffee Doping", ereiferte sich Braumann, der zu dem wissenschaftlichen Beirat gehörte, der die Studie im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB fachlich begleiten sollte.

Spitzer und sein Team hätten "einen Dopingbegriff aus dem Bauch heraus" geschaffen, beklagte Braumann. Vor allem die sogenannte Kolbe-Spritze, die in der Studie der Humboldt-Universität breiten Raum einnimmt, führte er als Beispiel für einen aus seiner Perspektive inflationär gebrauchten Dopingbegriff an. Die Spritze, die der Star-Ruderer Peter-Michael Kolbe vor dem Einer-Finalrennen der Olympischen Sommerspiele 1976 in Montreal erhalten hatte, sei ein "tausendfach verabreichtes gängiges Vitaminpräparat" gewesen und habe mit Doping gar nichts zu tun gehabt.

Spitzer selbst hörte sich die Kritik weitgehend ruhig und kommentarlos an, warf lediglich den Appell an die Politiker ein, "die Studie doch bitte schön genau zu lesen". Dann würde sich mancher Vorwurf erledigen. Rückendeckung erhielt er von der Grünen-Abgeordneten Viola von Cramon und von SPD-Obmann Martin Gerster, die dem Innenministerium vorwarfen, die Ergebnisse der Studie bewusst herunterzuspielen.

Dagegen waren Braumanns Ausführungen Steilvorlagen für die CDU- und FDP-Mitglieder im Ausschuss, die aus ihrer Skepsis gegenüber der Studie keinen Hehl machten. Dass Spitzer dem CSU-geführten Bundesinnenministerium vorgeworfen hatte, entscheidendende Akten vernichtet und die Forschungsarbeit behindert zu haben, hatten die Koalitionspolitiker ihm nicht verziehen.

Er weise "jeden Verdacht, es würde hier etwas verdunkelt, entschieden zurück", sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich im Ausschuss, und sein Staatssekretär Christoph Bergner sprang ihm bei: "Diese Bundesregierung hat nichts verschwiegen und vertuscht."

FDP verteidigt ihre alten Minister

Der Ostdeutsche Bergner formulierte dann auch die offizielle Linie: "In der alten Bundesrepublik hat es kein Staatsdoping gegeben." Dass im Westen trotzdem gedopt worden sei, müsse man auch "im historischen Kontext" sehen: "Das war mitten im Kalten Krieg. Es war eben eine andere Zeit, mit anderen Maßstäben", so Friedrich.

Eine Argumentation, die besonders den FDP-Mitgliedern im Ausschuss gefiel. Schließlich hatte die Studie angedeutet, dass die damaligen Bundesinnenminister Genscher und Maihofer in den siebziger Jahren Doping nicht nur geduldet, sondern teilweise geradezu verlangt hatten, um sportliche Erfolge vorweisen zu können. Beide gehörten der FDP an.

FDP-Obmann Joachim Günther beeilte sich denn auch hinzuweisen: "Damals stand West gegen Ost, jeder wollte den ersten Preis." In der Rückschau sei es daher "wenig hilfreich zu schauen, wer damals verantwortlich war".

Sachverständiger Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Doping-Prävention in Heidelberg, hielt das aber sehr wohl für gegeben: "Doping ist im Westen von der Basis her gewachsen", sagte er und machte den Fachverbänden im organisierten Sport heftige Vorwürfe: "Die Selbstheilungskräfte des Sports haben versagt." Er sei überzeugt, dass "in 20 Jahren wieder so eine Kommission zusammensitzen wird und sich fragt, warum man 2013 nicht mehr gegen Doping getan hat".

Vorwürfe, die Friedrich und DOSB-Generalsekretär Michael Vesper so nicht stehen lassen wollten: "Deutschland steht heute an der Spitze der Anti-Doping-Bewegung", frohlockte der Minister. Und Vesper, der den bereits in Buenos Aires beim IOC-Kongress weilenden Präsidenten Thomas Bach vertrat, betonte: "Ohne das Engagement des DOSB gäbe es die Humboldt-Studie überhaupt nicht."

Vesper schloss seine Ausführungen mit der Formulierung: "Wir finden alles positiv, was uns wirklich hilft."

Wenn es um Doping geht, hat solch ein Satz allerdings eine gewisse Doppeldeutigkeit.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. Friedrich: "Es war eben eine andere Zeit"
ostborn 02.09.2013
Ist das eine verlogene und opportune Bande.
2. ...
Newspeak 02.09.2013
Man glaubt ja oft, es kann nicht schlimmer werden, aber Friedrich ist nun wirklich der Unfähigste aller Innenminister, die wir je hatten. Was macht der Mann eigentlich in seinem Job?
3. Lehrbeispiel für den Umgang mit unangenehmen Sachverhalten
walter_e._kurtz 02.09.2013
Stufe 1 dementieren und den Ahnungslosen geben Stufe 2 Deutungshoheit nutzen und verkürzen/umformulieren/verharmlosen Stufe 3 Experten für Gegendarstellung engagieren Stufe 4 (und da tut mir Spitzer jetzt schon Leid) die Verfasser der Studie persönlich diskreditieren Irgendwann sind die Bürger dermaßen genervt, daß ihnen das Thema nur noch auf den Senkel geht und sich totläuft. Altbewährtes Schema, daß man immer dann beobachten kann, wenn´s moralinsauer wird. Frei nach Pofalla: Friedrich, ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.
4. Wenn es nicht so traurig wäre . . .
bs2509 02.09.2013
ist der Heimplatz von Gustl Mollath nicht grad freigeworden ? Und diesmal würde es auch keinen "Unschuldigen" treffen . . .aber es wäre auch eine 3er WG dort vorstellbar mit Seehofer, Merck und Friedrich ;-)
5. es wird immer widerlicher
reinero59 02.09.2013
das Rechtsverständnis unseres Innenministers Friedrich kann einem nur eisige Schauer über den Rücken jagen. Die Zeit des kalten Krieges ist also Rechtfertigung für schwere Körperverletzung, für Betrug, für billigend in Kauf nehmen das Sportler an den verabreichten Medikamenten sterben. So jemand ist also für die innere Sicherheit unseres Landes zuständig. Wer so ein abstruses Verständnis für Recht und Gesetz aufbringt, für den erscheint es auch logisch, das man die Sicherheit der Menschen am besten dadurch gewährleistet indem man die Freiheit und Demokratie langsam aber sicher abschafft. Überwachung durch die USA und GB ist deshalb kein Thema für Hr. Friedrich. Das sich die Politiker der FDP um die Gesundheit junger Sportler nicht kümmern ist auch nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt das es die FDP ernsthaft in Erwägung zog, Sex mit Kindern zu legalisieren, solche Politiker finden dann logischerweise auch nichts darin die Gesundheit der Sportler kaputt zu spritzen. Wer jetzt immer noch im September diese Bande von Verbrechern( schwarz-gelb) wiederwählt gehört eigentlich wegen der Unterstützung einer kriminellen Vereinigung lebenslang ins Gefängnis geworfen.
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