SPIEGEL ONLINE: Wie beobachten Sie den derzeit prominentesten mutmaßlichen Dopingfall im deutschen Sport, den Fall Claudia Pechstein? Haben Sie sich dazu schon eine abschließende Meinung gebildet?
Freitag: Abschließend insofern, als dass wir ohne den indirekten Dopingbeweis künftig überhaupt nicht auskommen können. Blutprofile und alle Ableitungen daraus sind unverzichtbar. Wichtig ist: Die Aussagen müssen belastbar sein, die aus solchen Profilen gewonnen werden. Wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, dann gehört jemand gesperrt, der abweichende Blutwerte hat.
SPIEGEL ONLINE: Das hat ja jetzt auch das Schweizer Bundesgericht bestätigt und Pechsteins Eilantrag abgelehnt. Sie bestreitet weiterhin jedes Vergehen. Haben Sie ihre Argumente manchmal zum Nachdenken gebracht?
Freitag: Nein. Pechsteins Argumentation ist nicht schlüssig. Wenn es gesundheitliche Ursachen für die anormalen Blutwerte gäbe, wären sie längst festgestellt worden. Für mich bleibt die einzige Schlussfolgerung: Diese abweichenden Werte sind durch Manipulation entstanden. Es hätte diese Diskussion um den indirekten Dopingbeweis vermutlich nicht gegeben, hätte es nicht eine Athletin getroffen, die durch ihre großen Erfolge bei ihren Fans schon einen gewissen Status erlangt hat.
SPIEGEL ONLINE: Wobei man schon den Eindruck gewinnt: Wer Erfolg hat, wird weniger streng verfolgt. Der aus DDR-Zeiten dopingbelastete Trainer von Diskuswurf-Weltmeister Robert Harting, Werner Goldmann, darf für den Deutschen Leichtathletik-Verband - in dem Sie Vizepräsidentin sind - weiterarbeiten. Gehören solche Trainer wirklich noch in den Sport?
Freitag: Nein. Aber die Entscheidung, diese Trainer aus Steuermitteln zu finanzieren, ist vor 20 Jahren gefallen. Die Verbände haben seitdem Arbeitsverträge mit diesen Personen, die sie nicht ohne Weiteres kündigen können. Eine Klage vorm Arbeitsgericht verlieren sie in Bausch und Bogen.
SPIEGEL ONLINE: Im Fall Goldmann hat der DLV kleinlaut einen Rückzieher gemacht.
Freitag: Der DLV hat vor dem Arbeitsgericht versucht, sich von Goldmann zu trennen. Und man musste erkennen: Das wird nicht funktionieren. Man hätte vor 20 Jahren einen klaren Schnitt machen müssen. Das ist nicht geschehen. Ich würde mir sehr wünschen, dass die dopingbelasteten Trainer von sich aus sagen: Lasst uns offen darüber reden, was damals passiert ist. Aber eine solche Haltung kann man nicht verordnen. Eine echte Aufarbeitung kann es nur zwischen den direkt Betroffenen geben. Aber ob es dazu kommt - ich glaube ehrlich gesagt nicht mehr daran.
SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Sport hatte nach der Wiedervereinigung auch kein Interesse am großen Schnitt. Der DDR-Sport war viel zu erfolgreich gewesen.
Freitag: Na klar, man sah sich ja schon weltweit unschlagbar. Sicher, es hat Kommissionen und Empfehlungen gegeben. Aber letztlich ist man doch sehr großzügig mit den Erkenntnissen umgegangen. Das gilt für Verbände und die Politik gleichermaßen.
SPIEGEL ONLINE: Unbefriedigend ist auch die Aufarbeitung, wenn es um den Wettskandal im deutschen Fußball geht. Hier hat man das Gefühl: Eher wird aus dem Sport heraus - wie von der Deutschen Fußball-Liga - die Staatsanwaltschaft attackiert, als gegen die Täter in den eigenen Reihen vorzugehen.
Freitag: Insbesondere wohl weil es um viel Geld geht. Ich kann nicht erkennen, dass es Gründe gibt, das Vorgehen der Staatsanwaltschaft zu kritisieren. Ich glaube auch nicht, dass da am Ende so wenig übrigbleibt, wie die DFL mutmaßt. Genug jedenfalls, um das Vertrauen in die Strukturen zu einem gewissen Teil zu erschüttern. Da ist der Ruf nach einer weiteren Kommerzialisierung des Wettmarktes aus meiner Sicht nicht wirklich sinnvoll.
SPIEGEL ONLINE: Wie sähe eine Lösung aus, wie Sie es sich vorstellen? Gehört Betrug nicht zum Sport irgendwie dazu?
Freitag: Wir wissen doch, dass sich Wettskandale nicht auf den Fußball beschränken. Es wird ja auch bei Sportarten wie Tennis gemutmaßt, dass vergleichbare Dinge passiert sind. Im Fußball sind die Manipulationsmöglichkeiten größer, weil dort das Angebot größer ist. Eine Ausweitung des Wettmarktes wird nach meiner Überzeugung dazu führen, dass die Gefahr besteht, dass noch mehr Menschen spielsüchtig werden. Die einen verdienen an der Kommerzialisierung. Die unerwünschten Folgen - wie Spielsucht mit den dadurch entstehenden Kosten - werden aber auch von den Krankenkassen und damit deren Beitragszahlern getragen. Politik hat die Aufgabe, mehr im Auge zu haben als nur die finanziellen Interessen des organisierten Sports.
SPIEGEL ONLINE: Ein Mega-Sportjahr steht uns und dem Fernsehen bevor - die Fußball-WM wird wohl alles überstrahlen, selbst Olympia verblasst dahinter. Viele andere Sportarten tauchen mittlerweile im Fernsehen kaum noch auf. Gibt es überhaupt noch so etwas wie eine sportliche Grundversorgung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?
Freitag: Ich habe mir bei diesem Thema schon einen Rüffel vom ZDF für meine Kritik eingefangen. Auf der einen Seite übertragen die Öffentlich-Rechtlichen viel Sport. Sieben Stunden Wintersport am Stück am Wochenende sind im Moment fast normal. Aber ich bleibe dabei: Es ist auf der anderen Seite für viele Verbände immer schwerer geworden, Übertragungszeiten für deutsche Meisterschaften zu bekommen. Es geht nicht um mehr Sendezeit für den Sport, sondern um mehr Vielfalt.
SPIEGEL ONLINE: Deutschland startet derzeit wieder einen Anlauf, Olympia ins Land zu holen. München 2018 - glauben Sie daran?
Freitag: Grundsätzlich finde ich es gut, hochkarätige Sportveranstaltungen nach Deutschland zu holen. Es darf aber kein zweites Desaster wie bei der damaligen Olympia-Bewerbung in Leipzig geben. Noch ist ja unklar, wie sich die Gemengelage in Bayern selbst entwickelt. Mir ist bekannt, dass es Widerstände von Naturschützern, auch von den Grünen in Bayern, gibt. Man muss aber auch wissen: Gegen Großveranstaltungen regt sich immer Widerstand. Das ist noch kein Grund, per se darauf zu verzichten.
Das Interview führte Peter Ahrens
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