Sportförderung in Deutschland Maximal 1100 Euro pro Monat

Wohin führt der Weg des deutschen Spitzensports? Die Reform des DOSB lässt weiter auf sich warten, auch weil die Athleten sich nicht vertreten fühlen. Es geht vor allem um eine angemessene Bezahlung.

Johannes Rydzek
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Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi waren ein Wendepunkt im deutschen Sport. Acht Gold-, sechs Silber- und fünf Bronzemedaillen wurden vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) als Tiefpunkt angesehen. Der Anschluss an die Weltspitze drohte nach Meinung des DOSB verloren zu gehen, und die Sotschi-Bilanz wurde auch als Bestätigung rückläufiger Ausbeute bei Sommerspielen gesehen.

Was folgte, war ein mehr als zweijähriger Prozess, in dem der DOSB gemeinsam mit dem für Sportförderung zuständigen Bundesinnenministerium (BMI) eine Spitzensportreform auf den Weg brachte, die nach der Vorstellung 2016 schnell auf Kritik stieß und deshalb immer noch nicht eingeführt wurde. Mittlerweile ist klar, dass das Konzept frühestens nach den Sommerspielen 2020 in Tokio greifen wird.

Der DOSB hatte sich auf die Fahne geschrieben, die Athletinnen und Athleten sowie deren Trainer und Betreuer in den Mittelpunkt der Reform zu stellen. Doch genau das ist laut Athletensprecher Maximilian Hartung nicht geschehen (hier lesen Sie das Interview mit Hartung und seiner Stellvertreterin Silke Kassner). "Was mich stört, ist die mangelhafte Kommunikation mit den Sportlern", sagt Hartung im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Zentralisierung am Athleten vorbei gedacht

Der Fechter betont, dass der DOSB auch wichtige Punkte angepackt habe. Zu den Kernpunkten der neuen, "potenzialorientierten" Förderung gehört eine Zentralisierung basierend auf der Reduzierung der Olympiastützpunkte (von 19 auf 13) und der Bundesstützpunkte (von 204 auf etwa 160).

"Die Mittel auf einige wenige Standorte mit Weltklasseniveau zu konzentrieren, ist sinnvoll - solange die Nachwuchsförderung in den Bundesländern erhalten bleibt und auf Freiwilligkeit gesetzt wird", sagt Hartung: "Wenn jemand alleine im Wald trainiert und am Ende schneller läuft als der Beste auf der neuesten Tartanbahn, dann sollte er auch zu den internationalen Wettkämpfen fahren dürfen."

Die Athleten wehren sich zudem gegen die vom DOSB geplante zeitliche Umsetzung der Reform. Die Sportler werden in der Frage der Zentralisierung vor vollendete Tatsachen gestellt", sagt Kassner: "Wir fordern, dass man den Athleten die Chance gibt, wenigstens ihren laufenden Lebensabschnitt vernünftig abzuschließen."

DOSB-Präsident Alfons Hörmann
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DOSB-Präsident Alfons Hörmann

Im Mittelpunkt der Kritik steht jedoch die fehlende finanzielle Perspektive für olympische Spitzensportler, die nicht im Militär, bei der Polizei oder beim Zoll angestellt sind. Bisher ist es so, dass die Stiftung Deutsche Sporthilfe pro Jahr rund 13 Millionen Euro ausschüttet und Athleten - das betrifft aber nur Sportler mit Eliteförderung - mit maximal 1100 Euro pro Monat gefördert werden. Die in der Reform ursprünglich verankerte Aufteilung in "Exzellenzcluster", "Potenzialcluster" und "Cluster mit wenig oder keinem Potenzial" würde daran wenig ändern. Eine Basisförderung liegt derzeit bei 300 Euro im Monat - auch deshalb geht in Deutschland in vielen Sportarten der Nachwuchs verloren.

"Für Sportler, die bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mitmachen wollen", sagt Hartung, "verursachen Förderungen unter 1500 Euro im Monat prekäre Lebensverhältnisse." Hartung und Kassner zweifeln an einer langfristigen Verbesserung der finanziellen Mittel der Sporthilfe und gründeten gemeinsam mit anderen Sportlern im vergangenen Jahr den Verein "Athleten Deutschland", der mit hauptamtlichen Mitarbeitern die finanzielle Förderung mehr in den Vordergrund stellen möchte. Und wie soll das finanziert werden? "Der Staat trägt Verantwortung für die Sportler, die für ihn antreten. Dennoch ist das Ziel, die Privatwirtschaft zu mobilisieren."

Wie werden Spitzensportler in anderen Ländern gefördert?

Ein Blick ins europäische Ausland zeigt, dass es in der Spitzensportförderung keinen Königsweg gibt:

  • In Großbritannien gab es mit den Spielen 1996 in Atlanta ebenfalls einen Tiefpunkt. Seitdem wird sich mithilfe einer Lotterie auf erfolgreiche Sportarten konzentriert - verbunden mit einer Direktzahlung an die Athleten.
  • In Frankreich sticht die Zentralisierung auf das Institut national du sport, de l'expertise et de la performance (INSEP) in Paris hervor, zudem werden Sportler mit hohen Medaillenprämien motiviert.
  • Schweden profitiert von einer starken Breitensportförderung, der Sportbund arbeitet regierungsunabhängig, und finanziert werden die Spitzensportler über Glücksspiele und der von der Privatwirtschaft geförderten AG "Olympiateam".
Max Hartung bei den Sommerspielen 2016 in Rio
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Max Hartung bei den Sommerspielen 2016 in Rio

Hartung blickt noch weiter über den Tellerrand: "Ich möchte mit keinem meiner ausländischen Konkurrenten tauschen. Ich bin als deutscher Athlet sehr frei, ich konnte studieren, das würde ich für kein Geld der Welt eintauschen wollen." Der 28-Jährige will Erfolg, aber nicht um jeden Preis. "Andere Sportsysteme, die erfolgreicher sind, verschleißen auf dem Weg eine große Menge junge Leute - sowohl körperlich als auch in ihrer persönlichen Entwicklung."

Eine andere Sorge einiger Sportverbände ist die "erfolgsorientierte Bewertung der Zukunftschancen" innerhalb der Spitzensportförderung. Randsportarten wie Curling oder Bogenschießen könnten in der Versenkung verschwinden, wenn der DOSB in einer Einzelfallbetrachtung nicht eine Ausnahme festlegt. "Wir wollen ganz klar die Vielfalt im deutschen Spitzensport erhalten", sagt Kassner.

Der olympische Sport in Deutschland muss laut Hartung einen eigenen Weg finden: "Wir werden uns in Zukunft im Medaillenspiegel nicht mit China messen können, aber das ist auch okay."



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diderot_2013 07.02.2018
1. Eine angemessene finanzielle Förderung
betrüge 0,00 €. Unterhaltszahlungen für wandelnde Apotheken gehören nicht zu den Aufgaben eines Staates.
Jimmy.B. 07.02.2018
2.
Die Förderung des Sp(r)itzensportes aus Steuergeldern sollte ohnehin auf Null zurückgefahren werden. Mehr gefördert sollte der Breitensport werden, aber hier die schulischen Sporthallen die nach Schulschluss ja auch den lokalen Vereinen zur Verfügung stehen (dito bei Schwimmhallen und Sportplätzen).
dergrosseonkel 07.02.2018
3. Warum
soll ich mit meinen Steuern der Frau Kassner und dem Herrn Hartung nebst sportelnden Kollegen ihr Hobby bezahlen? Welchen Mehrwert (gemessen in €) bringen uns Profiathtleten? Die Kohle gehört in den Breitensport!
Planquadrat 07.02.2018
4. Schaut man sich
die Erfolge oder auch Nicht-Erfolge bei den großen Sport Ereignissen wie WM oder Olympischen Spielen der vergangenen Jahrzehnte an, dann sieht man eine Tendenz und diese führt nach unten. Beispiel Olympische Winterspiele, nach Medaillen in Turin noch Platz 1 in Sotschi nur noch Platz 6. Bei den Sommerspielen 1992 noch Platz 3 in Rio Platz 5. Oder bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2017 lagen wir nur noch auf Platz 10 noch 2 Plätze hinter Polen. Ich sehe dafür 2 Ursachen. 1. Sportunterricht und Sportförderung findet an Schulen und Universitäten so gut wie gar nicht mehr statt, da der politische Wille, Geld und Infrastruktur fehlen. 2. Ursache liegt nach meiner Meinung in einem ausufernden Funktionärs(un)wesen, wo es nur um Posten und Geld geht, während die Sportler auf der Strecke bleiben. Da wird zu viel Geld ausgegeben, das eigentlich die Sportler erreichen sollte, die aber selbst schauen müssen, wie sie Einkommen generieren und dabei Leistungssport auf Welt-Niveau betreiben können. Allerdings wäre es auch an den Sportlern, gegen dieses verfilzte System anzugehen, aber kaum einer erhebt einmal seine Stimme und übt Kritik wie z.B. ein Robert Harting. Die Sportler sollten sich organisieren und mit aller Härte, auch mit Streik, gegen das herrschende System angehen. Aber leider fehlt hier die Geschlossenheit, jeder macht nur sein Ding.
Furchensumpf 07.02.2018
5.
Zitat von Jimmy.B.Die Förderung des Sp(r)itzensportes aus Steuergeldern sollte ohnehin auf Null zurückgefahren werden. Mehr gefördert sollte der Breitensport werden, aber hier die schulischen Sporthallen die nach Schulschluss ja auch den lokalen Vereinen zur Verfügung stehen (dito bei Schwimmhallen und Sportplätzen).
Na vielleicht mal nachdenken? Wenn Deutschland den Leistungssport mehr fördern würde, hätte das Auswirkung auf die Jugend, die dann ebenfalls mehr Sport treiben würden. Wie stand es um den Tennissport vor Becker und Graf? Und jetzt schreiben Sie noch mal etwas von wegen Förderung einstellen.
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