Sportjahr 2018 Seien wir naiv! Lassen wir uns enttäuschen!

Olympia in Korea, Fußball-WM in Russland: Für den Sport wird 2018 wieder ein schwieriges Jahr. Kann man daran wirklich noch seinen Spaß haben?

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Was soll man von diesem Sportjahr 2018 schon erwarten? Die Olympischen Winterspiele im Februar werden in einem Gebiet ausgetragen, das zu den politischen Krisenherden dieser Welt gehört. Pyeongchang liegt gerade 80 Kilometer von der Demarkationslinie entfernt, die Nord- und Südkorea voneinander trennt. Am Start sind russische Athleten, die man aber nicht so nennen darf, weil Russland eigentlich ausgeschlossen ist. Heitere Spiele stellt man sich anders vor. Ganz anders.

Im Sommer geht es in dieser Tonart weiter: dann ist die Fußballwelt in Putins Russland zu Gast. In einem Land, das Demokratie auf sehr eigenwillige Weise interpretiert. In einem Land, das wegen des Dopingthemas auch sportpolitisch längst am Pranger steht. Siehe oben.

Das Jahr beginnt mit der Schnellschach-WM in Saudi-Arabien, bei der Teilnehmer aus Israel nicht willkommen sind. Der Titelverteidiger der Tour de France ist soeben durch einen Dopingtest gerasselt, Fifa-Funktionäre stehen wegen Korruption vor Gericht, der FC Bayern fährt wie jeden Januar in der Winterpause nach Katar, als wäre nichts gewesen.

Beim Thema sexueller Missbrauch im Sport hat gerade erst die Recherche begonnen, was über Jahrzehnte geschehen ist. Über die Rekord-Ablösesummen im Profifußball wird im Sommer noch genug lamentiert werden. Die Leichtathletik-EM findet in Berlin statt, man darf also jetzt schon Wetten abschließen, was dort nicht funktionieren wird.

Unter einer Dunstwolke aus belastenden Stoffen

Der Weltsport liegt derzeit wie unter einer Dunstwolke aus belastenden Stoffen: Doping, Korruption, Geldgier, Machtmissbrauch, das Ignorieren von Menschenrechten - was die Frage aufwirft: Darf man sich auf so ein Sportjahr überhaupt freuen?

Eindeutige Antwort: Ja und Nein.

Nein, weil all die Missstände eben nicht nur Missstände oder Auswüchse sind, sondern den Spitzensport mittlerweile maßgeblich prägen. Die alles dominierende Werbung, das Millionenspiel Fußball - das ist Alltag geworden, ohne ihn sind Großereignisse nicht mehr denkbar. Man ist längst dazu übergegangen, sich an das zu gewöhnen, an was man sich nicht gewöhnen sollte. Und die Gefahr ist immer da, das Negative zu verdrängen, weil doch das Fußballspiel so mitreißend ist. Und die Löw-Elf so erfolgreich.

Ja, weil Sport immer noch Sport ist. Trotz IOC und alldem. Freude an den Siegen, Mitleiden bei den Niederlagen hat in den Zeiten des Kommerz-Sports, der großen Show, etwas kindlich Naives. Aber sich genau das dennoch zu erhalten, das ist nichts Sträfliches, das hat nichts Verwerfliches. Nur weil man es noch besitzt, kann man vom Sport auch immer wieder aufs Neue enttäuscht werden. Weil man von ihm immer noch etwas erwartet. Und weil man, wenn es gut läuft, auch etwas bekommt.

Ein Sensationssieg als Herzenswärmer

Man darf sich ja auch noch über Weihnachten freuen. Trotz all des klebrigen Kommerz-Kitschs rund ums Fest, trotz des Jingle-Bells-Schreckens und der Glühweinseligkeit. Trotz alldem und um all dies wissend ist eine Christmette am Weihnachtsabend immer noch eine anrührende Gelegenheit. Für die Mehrheit jedenfalls.

Eine Fußball-WM in Russland - daran kann und soll man keinen ungeteilten Spaß empfinden, wenn man den Sport ernst nimmt und nicht die Mär weiterstrickt, Sport und Politik sollten voneinander getrennt betrachtet werden und hätten nichts miteinander zu schaffen. Aber ein sensationeller Sieg des Super-Außenseiters Panama in der Gruppenphase gegen die Engländer oder Belgier, der Erfolg von ganz klein über ganz groß, wie es ihn im Sport ab und zu noch gibt, das würde trotzdem das Herz erwärmen.

Panamas Fußballnationaltrainer Hernán Darío Gómez
REUTERS

Panamas Fußballnationaltrainer Hernán Darío Gómez

Oder ein Erfolg des deutschen Tennis-Sonnyboys Alexander Zverev in Wimbledon. Oder wenn einer in Pyeongchang Olympiasieger wird, den jetzt noch kein Mensch kennt und der sein Glück selbst nicht fassen kann. Oder wenn der FC Basel im Champions-League-Achtelfinale den Top- und Scheichklub Manchester City raushaut. Es sind die Oder-Momente, die den Sport immer wieder retten.

Der Sport wird es uns auch 2018 nicht leicht machen, ihn zu lieben. Aber wer sagt, dass es leicht sein muss?



insgesamt 4 Beiträge
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doubletrouble2 01.01.2018
1. Sport ist Zivilisation.
Wettkämpfe finden seit der Antike zu Ehren der Götter statt. Politiker aller Nationen erhöhen sich gewohnheitsmäßig mindestens zu Halbgöttern und schauen aus ihren Palästen mit müdem Blick herab zu den Sterblichen, die sie für ihr Eigentum halten. Dabei verbindet sie, trotz aller Feindschaft zu den Halbgöttern aus rivalisierenden Palästen, ein gemeinsamer Gedanke : " Die Armut dieser sterblichen Arbeitssklaven widert mich an. Hoffentlich nur mich ! " Um die Mittellosen davon abzulenken und zum Gaudi der Halbgötter, werden sportliche Spektakel veranstaltet in denen sich der sterbliche Pöbel mit unfairen Mitteln abstrampelt und bekämpft, anstatt die Halbgötter in der Loge und auf dem Podium zu bekämpfen. Sport kanalisiert destruktive Impulse, die unvermeidlich aus Frustrationen entstehen. Was geschieht, wenn diese Kanalisierung nicht gelingt, kann man in den Failed States dieses Planeten beobachten, oder auch zu Füßen von G 20 - Gipfeln selbst erleben. Daher ist Sport kein edles Ringen reiner Geister, sondern unabdingbarer Garant von Herrschaft auf der Basis von Macht und zugleich deren maßlose Selbstdarstellung. Fiele der Sport als Massenphänomen weg, wie etwa in Afghanistan, bliebe nur der bewaffnete Kampf in seiner rohesten und ungeregelten Form als Druckventil. Das kann kein zivilisierter Mensch wollen. Darum ein Lob auf den Sport, so menschlich verkommen er, zumindest an der Spitze, auch sein mag. Denn jeder der Sport treibt, leistet damit einen Beitrag zum Fortbestand seiner Zivilisation und erweist den selbsternannten Göttern einen unfreiwilligen Dienst.
aopoi 01.01.2018
2. Habs nicht gelesen
Aber ich wette, dass es Seitenhiebe auf alle gab, die der autoritären Weltherschaft der USA und deren Brückenjüngern, früher waren das Nazis, entgegenstehen.
vestago 01.01.2018
3. Naivität besitzen die Menschen in diesem Land mehr als genug
Wenn man sich die Entwicklung dieses Landes anschaut, kann man alles Mögliche fordern, aber eine Steigerung der hier herrschenden Naivität wäre dann doch etwas viel verlangt.
mactruth81 03.01.2018
4. Also ich freu mich
Jedenfalls auf die Fußball WM. Einzig die Vorberichte werde ich mir sparen, kein Bock mehr auf das Bashing. Olympia, oder wie man es mittlerweile nennen will, boykottiere ich. Auch wäre mir der Sieg von ManCity lieber, denn sie spielen den besseren und schöneren Fußball als Basel. Und, nichts gegen Zverev, aber ein Sieg des Djokers bei Wimbledon, solte das Comeback klappen, wäre auch ganz fein.
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