Sportmalerei Fallrückzieher in Farbe

Heute ist Sport selbst in der Kunst allgegenwärtig. Von abstrakt bis sehr bildhaft reicht das Spektrum der Künstler, von Fußball bis Turmspringen. SPIEGEL ONLINE stellt vier Maler vor.

Von Felix Seidel


Hamburg - Bei Tobias Mohr stoßen Waden, Oberschenkel und Stollenschuhe auf große Beachtung. Der 31-Jährige ist aber kein Fußballer, er ist freischaffender Künstler. "Die Ästhetik auf dem grünen Fußballrasen ist ein Phänomen. Unglaublich, was da schon ohne Zutun des Künstlers für Bilder entstehen", sagt der 31-Jährige.

Mit noch höherem Pulsschlag erzählt Mohr, der 2000 in Koblenz den Kunstpreis der Sport-Toto GmbH Rheinland-Pfalz erhielt, allerdings von seiner Ausstellung "Wahre Helden" in der Hamburger Galerie Feinkunst Krüger, die 2001 in die Zeit der Aufstiegsfeier des damaligen Zweitligisten FC St. Pauli fiel. "Einladungen für den Besuch meiner Ausstellung wurden in die Menge geschmissen. Der Zulauf war enorm, die Gespräche mit den Fans bleiben unvergessen", schwärmt Mohr, der vom 9. Juli bis 27. August in der Berliner Galerie "VVM" (Choriner Straße 51) seine Werke zeigt.

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Kunst und Sport: Atelier als Spielfeld

Mit Öl auf Holz hat der bekennende Fußball-Junkie seine ganz persönlichen Idole verewigt. In seiner Sammlung finden sich Porträts deutscher Nationalspieler, die 1974 den Weltmeistertitel holten, aber auch die Köpfe der im Finale unterlegenen Akteure aus den Niederlanden. "Und natürlich die Lauterer Helden Horst Eckel sowie Ottmar und Fritz Walter", ergänzt der FCK-Fan.

Vom Anfertigen aktueller Porträts sieht Mohr ab: "Es fehlen die Figuren. Die Typen sind heute alle viel zu stromlinienförmig geföhnt und für mich uninteressant." Längst hat der Pfälzer sein Augenmerk daher auf die Unterkörper der Fußballer gelegt. "Ich versuche die Ausschnitte in meine Sichtweise zu transferieren und sehe statt Spiel- eher Ballettszenen", sagt Mohr und erklärt damit auch, wie er auf den Titel "Fußballballett" für seine Serie kam, die mittlerweile rund 40 Bilder umfasst.

"Eigenes Gebrechen mit dem Sport bekämpfen"

Nicht zum FCK, sondern zum 1. FC Köln hält Wolfgang Friedrich. "Früher habe ich selbst jahrelang gegen das runde Leder getreten. Jetzt sind meine Knochen kaputt, aber malen kann ich noch", sagt der 47-jährige freischaffende Künstler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Auch er hat ein Faible für das Anfertigen von Sportbildern.

Sowohl die Olympischen Sommerspiele 1972 und 1976 als auch die Paralympics im vergangenen September hatten den Kölner inspiriert. "Das Ereignis ist jedoch zweitrangig. Mir geht es in erster Linie um die Dynamik. Ich versuche stets, die Bewegungsabläufe auf den Punkt zu bringen", sagt Friedrich. "Zumeist bin ich auf eine Farbe fixiert, nutze Fotos als Unterlagen und arbeite viel mit Acryl, Pigmenten, Sand und Spachtelmasse. Meine Bilder sind keinesfalls glatt und eben."

Das können die Professoren und Studenten der Deutschen Sporthochschule Köln bestätigen. Statt trister Wände wirken gemalte Turner, Turmspringer, Schwimmer und Sprinter auf sie ein. "Durch die Verschönerung innerhalb des Gebäudes bin ich so richtig auf den Geschmack gekommen. Von daher freut es mich besonders, dass seit Februar meine Bilder mit Motiven aus dem Behindertensport ebenfalls dort ihren Platz finden", sagt Friedrich, "ich finde es spannend, wie die Athleten ihr eigenes Gebrechen mit dem Sport bekämpfen."

Keine Fallrückzieher im Studio

Der Fußball hat es auch Lothar Götter angetan. Allerdings mehr als Ideengeber für seine Acrylmalereien auf Leinwand. "Ich selbst bin gar kein richtiger Fan. Mich interessieren lediglich die Ikonen", sagt der in München lebende Künstler SPIEGEL ONLINE. Bayern-Legende Karl-Heinz Rummenigge ist eine dieser Ikonen, denen Götter in seinen Bildern Tribut zollt. "Rummenigge beugt sich wie eine Schutzmantel-Madonna über einen Torschützen", beschreibt er sein Werk aus den achtziger Jahren.

Während der durchschnittliche Stadionbesucher Zweikämpfe und Torschüsse wahrnimmt, erblickt Götter in Spielszenen kunsthistorische Traditionen: "Da gibt es dramatische Positionen. Engelsstürze wie in der Sixtinischen Kapelle und Schlachtenreihen wie zu Zeiten Alexanders." Doch nicht nur auf dem grünen Rasen, sondern auch im Atelier wird mit vollem Körpereinsatz zu Werke gegangen. "Ich versuche mich beim Malen so hinzustellen, wie das Modell auf dem Foto, das ich als Vorlage benutze. Das heißt aber nicht, dass ich in meinem Studio rumbolze. Auch von Fallrückziehern sehe ich ab", so der 50-Jährige.

Genau betrachtet hat Götter das Tor des verstorbenen deutschen Nationalspielers Fritz Walter, das dieser 1956 im Leipziger Zentralstadion erzielte. Auf insgesamt drei Bildern hielt Götter den legendären Hackentreffer fest - als Serie "Tor des Jahrtausends". In der Münchner Künstler-Werkstatt "Wiedefabrik" (Rambaldistr. 27) ist er vom 7. bis 10. Juli als Gast bei der "Sommerausstellung 2005" dabei.

Hochzeitsgeschenk für Guido Buchwald

Die Auseinandersetzungen mit den Arbeiten des bekannten Sportmalers Fritz Genkinger ließen Ulrich Zeh zu Buntstiften und Ölfarben greifen. "In seinen Werken war nie die schmerzvolle Seite des Sports zu sehen. Darüber habe ich mich so geärgert, dass ich beschloss, Anti-Genkinger-Bilder anzufertigen", berichtet der ehemalige Leichtathlet von seinen Anfängen im Jahr 1969. Doch die einstigen Protest-Malereien sind längst zu gefragten Zeichnungen geworden.

"Ich habe für die Olympiabewerbung Leipzig Werke gemalt und werde das auch für die WM 2006 tun", sagt Zeh, der sich noch genau an sein erstes Fußballbild erinnert: "Das war ein Hochzeitsgeschenk für den ehemaligen deutschen Nationalspieler Guido Buchwald." In den neueren Motiven des 59-Jährigen steht die Faszination von Bewegung und Dynamik im Vordergrund. "Wenn ich ins Stadion gehe, dann ist es ein Fest der Farbe", schwärmt der Künstler.



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