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Sprint-Siege bei der Tour: "Die Deutschen haben gute Beine"

Sprinter Kippel (r.), Greipel: "Außerordentliches Talent" Zur Großansicht
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Sprinter Kippel (r.), Greipel: "Außerordentliches Talent"

Drei Etappen der Tour de France haben deutsche Sprinter schon gewonnen, weitere könnten folgen. Im Interview spricht Iwan Spekenbrink, Team-Manager von Doppelsieger Marcel Kittel, über die Erfolgsgründe, sein Vorbild Bayern München und Probleme im Kampf gegen Doping.

Mont-Saint-Michel - Deutsche Radsportfans haben dieser Tage regelmäßig Grund zum Jubeln. Vier Etappensiege sind bislang an Fahrer aus Deutschland gegangen, drei davon haben Marcel Kittel und André Greipel ersprintet. Auf den flachen Etappen bis einschließlich Samstag ist sogar noch mehr drin. Wie ist es zu erklären, dass der Sprint zur neuen Paradedisziplin der Deutschen zu werden scheint?

Der Niederländer Iwan Spekenbrink ist Manager des Rennstalls Argos-Shimano, für das Kittel und auch Tour-Neuling John Degenkolb derzeit beste sportliche Werbung machen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Spekenbrink, was die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Sprinter sind, wo der Radsport vor allem beim Training noch viel lernen kann - und warum der Kampf gegen Doping lange nicht gewonnen ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Spekenbrink, die deutschen Sprinter sorgen gerade dafür, dass Sie äußerst erfolgreiche Tage bei der Tour erleben: Zwei Etappen hat Marcel Kittel für Ihr Team schon gewonnen, John Degenkolb einen Sieg nur knapp verpasst.

Iwan Spekenbrink: Ja, die Deutschen haben im Sprint gerade gute Beine. Aber nicht nur meine Fahrer, auch André Greipel vom Lotto-Rennstall hat ein Teilstück gewonnen. Bis Samstag könnte für die drei noch das eine oder andere dazukommen.

SPIEGEL ONLINE: Der letzte große deutsche Sprinter war Erik Zabel, er hat Doping zugegeben. Was macht die neue Generation der Sprinter so schnell?

Spekenbrink: Dass mit Marcel, John und André drei der erfolgreichsten Sprinter der Tour ausgerechnet aus Deutschland kommen, ist nicht mehr als ein netter Zufall. Die drei haben ein außerordentliches Talent und sich auf die richtige Disziplin spezialisiert. Aus einem mäßigen Sprinter wird nie ein herausragender, denn es hängt vor allem von den Genen ab, wie explosiv die Muskulatur arbeiten kann.

SPIEGEL ONLINE: Marcel Kittel betonte nach seinem zweiten Etappensieg mehrfach, dass er den Erfolg seinem Team zu verdanken hat. Es kann also nicht nur das gute Erbgut sein.

Spekenbrink: Natürlich ist die Taktik innerhalb der Mannschaft wichtig, sonst wäre ein Tempo von über 70 Stundenkilometern bei einem Massensprint gar nicht möglich. Im Fußball hat man das schon lange begriffen, im Radsport lernen wir immer noch dazu. Mit jedem Rennen wissen wir ein bisschen besser, wohin sich welcher Fahrer zu verschieben hat, und irgendwann weiß jeder im Team, wann welche Wege nötig sind, um den Schnellsten ganz nach vorne zu bringen. So wie beim FC Bayern jeder verinnerlicht hat, wie er sich bewegen muss, damit der Ball im Tor landet.

SPIEGEL ONLINE: Kittel und Degenkolb kennen sich als Kollegen aus ihrer Zeit beim Team Thüringen Energie, sie sind gut befreundet. Hilft das bei teaminternen Absprachen?

Spekenbrink: Die beiden sind es schon lange gewohnt, im Team zu arbeiten, auch während des Trainings. Das ist im Radsport nicht selbstverständlich, viele Profis sind Einzelkämpfer und kommen nur an rund 60 Renntagen im Jahr mit ihren Mannschaften zusammen. Um wieder den Vergleich anzustellen: Fußballer stehen jeden Morgen auf dem Trainingsplatz ihres Vereins. Das gibt es bei uns nicht, der Trainingsalltag ist ausgelagert. Als Teammanager sieht man oft erst das Endergebnis eines Trainingsprozesses. Doch genau das ist unser Ansatz, das möchten wir anders machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das anstellen?

Spekenbrink: Ich kann zwar nicht zu 100 Prozent garantieren, dass jeder meiner Fahrer sauber ist. Aber ich kann ihnen das bestmögliche Umfeld schaffen, mit Experten für Trainingsbetreuung, Ernährungsberatung, mentalem Coaching. Unser Rennstall versucht, für jeden Athleten immer ansprechbar zu sein und so ein richtiges Team zu formen.

SPIEGEL ONLINE: Sind das nicht allesamt Maßnahmen, die im Profisport selbstverständlich sein sollten?

Spekenbrink: Im Radsport waren sie es lange Zeit nicht. Vor allem in den neunziger Jahren, in der Epo-Ära, sah das Training komplett anders aus. Epo verschafft dem Sportler einen Leistungszuwachs von zehn bis 15 Prozent, das ist enorm. Natürlich trainierten die Radfahrer damals auch, aber weniger auf sportwissenschaftlichen als auf medizinischen Erkenntnissen basierend. Das hat sich geändert, professionelles Training ist heute unverzichtbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen also, dass tatsächlich ein Wandel in der Mentalität stattgefunden hat?

Spekenbrink: Der Radsport hat einige sehr problematische Jahre hinter sich, von denen er sich gerade erholt. Doch gesund ist er noch nicht. Das größte Problem ist, dass viele Fahrer und Verantwortliche die nötigen Veränderungen nicht aus Überzeugung angehen, sondern weil sie es müssen, weil es heutzutage nicht mehr anders geht. Es gibt noch immer zu viele, für die einzig das Gewinnen zählt.

Das Interview führte Sara Peschke

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1. Gute Beine? So kann man es auch nennen...
onkendonk 11.07.2013
Gute Dopingstrategie, so wäre es wohl realistischer. Wenn man weis, was heute alles auf dem Drogen-Markt erhältlich ist, und wonach bei der Tour-de-Dopage gesucht wird, könnte man weinen! Die Doper sind en Kontrolleuren 5 Jhare vorraus!
2.
mitchomitch 11.07.2013
Ich speichere mir den Bericht mal auf der Festplatte ab, um ihn mir beim nächsten Dopingskandal noch einmal schmunzelnd durchzulesen.
3. Leider hat Doping diesen Sport...
Trueless 11.07.2013
... nachhaltig kaputt gemacht. Zwar behauptet Spekenbrink, dass sich der Radsport langsam erholt, doch ich habe meinen Glauben und mein Interesse daran verloren. Die Ergebnisse der "Tour de Farce" kann man in jeder Apothekenrundschau nachlesen.
4. Die deutschen haben nicht wirklich gute Beine
orthos 11.07.2013
Vielmehr haben die die besten Ärzte, die das Doping am besten verschleiern können. Wir reden hier immernoch über die Tour de France, oder wie ich sie nenne; Tour de Doping!
5. 100 Jahre Tour de Dopp
Hans Peter Manfred 11.07.2013
Naja, die Tour feiert ihr 100 jähriges, da wären Doppingskandale fehl am Platz.
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Zur Person
Iwan Spekenbrink, 37, ist Besitzer und Manager des Radrennstalls Team Argos-Shimano. Unter Führung des Niederländers bekam das Team ab diesem Jahr eine World Tour Lizenz und stieg damit in die höchste Liga der Radsport-Teams auf. Bei der diesjährigen Tour de France holte der Deutsche Sprinter Marcel Kittel bislang zwei Etappensiege für das Team Argos-Shimano.
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100. Tour de France: Merckx, Indurain, Ullrich

Rekordsieger der Tour de France
Sieger Land Titel Zeitraum
Lance Armstrong USA 7* 1999-2005
Miguel Indurain Spanien 5 1991-1995
Bernard Hinault Frankreich 5 1978-1985
Eddy Merckx Belgien 5 1969-1974
Jacques Anquetil Frankreich 5 1957-1964
Greg LeMond USA 3 1986-1990
Louison Bobet Frankreich 3 1953-1955
Philippe Thys Belgien 3 1913-1920
*alle Titel wegen Dopings aberkannt

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