Sprint-Star Justin Gatlin Der Bolt-Jäger

Justin Gatlin war mal der schnellste Mann der Welt, dann kamen die Dopingskandale. Nun ist er zurück in der Weltspitze - und der Einzige, der Usain Bolt Gold streitig machen kann.

DPA

Von , Rio den Janeiro


Usain Bolts größter Rivale ist eigentlich viel zu alt, um ein ernsthafter Konkurrent zu sein. Mit seinen 34 Jahren gehört Justin Gatlin einfach nicht mehr auf die 100-Meter-Strecke. Solche Sätze bekommt der US-Amerikaner häufiger zu hören.

Wer Gatlin auf sein Alter anspricht, erhält ein Lächeln als Antwort. Man dürfe nicht vergessen, sagt er dann, dass er vier Jahre ausgesetzt habe. Vier Jahre ohne Verletzungen und Operationen.

In jenen vier Jahren saß Gatlin eine Dopingsperre ab. Eine, die er als Unschuldiger habe verbüßen müssen, wie Gatlin auch zehn Jahre später noch konsequent behauptet. 2006 wurde Testosteron in einer seiner Proben gefunden. Gatlin war damals aktueller Olympiasieger, Doppelweltmeister und hatte gerade mit 9,77 Sekunden den 100-Meter-Weltrekord eingestellt. In seiner Heimat hatten sie große Hoffnungen, dass der Name Justin Gatlin den damaligen Dopingskandal um die US-amerikanischen Sprinter vergessen machen würde.

Am Telefon schrie er, er sei nun tot

Als die nationale Anti-Doping-Agentur Gatlin die Nachricht des positiven Befundes am Telefon mitteilte, habe er geschrien, dass er nun tot sei, erinnert sich Mutter Jeanette. Es war nach 2001 das zweite Dopingvergehen ihres Sohnes und hätte normalerweise eine lebenslange Sperre zur Folge gehabt. Doch Gatlin kooperierte mit den Untersuchungsbehörden und musste nur vier Jahre aussetzen. So verpasste er wohl die Hochzeit seiner Karriere.

Gatlin dachte anfangs nicht an ein Comeback. Er suchte Alternativen, fand aber keine. "Ich habe viele dumme Sachen gemacht", sagt er rückblickend. "Betrunken Auto gefahren, zum Beispiel." Wenn sein Leben in einem Autowrack an einem Baum endete, wer würde ihn schon vermissen, dachte Gatlin. Doch dann kamen die Sommerspiele 2008. Er verfolgte vor dem Fernseher den Aufstieg von Usain Bolt zum Megastar und wusste: "Ich komme zurück."

Gatlin wollte das Duell mit dem Übersprinter, wollte neben ihm am Startblock stehen, gegen ihn rennen und vor ihm die Ziellinie überqueren. Aber sein Weg zurück war schwer. Als die Dopingsperre im Sommer 2010 endete, war Gatlin 28 - für Sprinter ist das der Herbst der Karriere. Die Organisatoren der großen Events hatten kein Interesse an ihm, wollten ihre Veranstaltungen nicht mit einem Doper beflecken. So ging Gatlin in die Provinz, lief seine ersten Rennen in Estland und Finnland.

Noch nie war jemand in seinem Alter so schnell

Bei den Sommerspielen in London holte der Amerikaner über die 100 Meter Bronze, es folgten zwei Silbermedaillen bei den Weltmeisterschaften 2013 und 2015. Im Vorjahr war Gatlin so dicht an Bolt dran wie keiner, den die Amerikaner seit 2008 gegen den Jamaikaner aufgeboten hatten. Er unterlag um die Winzigkeit einer Hundertstelsekunde.

In Rio tritt Gatlin als Weltjahresbester an. Seine persönlichen Bestzeiten über die 100 Meter (9,74 Sekunden) und 200 Meter (19,57) lief er nicht in den frühen Zwanzigern, sondern als 33-Jähriger im vergangenen Jahr. Noch nie war jemand in seinem Alter so schnell. Und zwangsläufig kommt die Frage auf: Ist das ohne unerlaubte Mittel überhaupt möglich?

Das US-Magazin "Time" wandte sich an Professor Roger Pielke Jr. Er hat 2015 an der Universität von Colorado die zehn schnellsten 100-Meter-Sprinter der Welt untersucht. Alle, so Pielke, hätten sich "so ab dem Alter von 25 Jahren" nicht mehr verbessert. Als Bolt bei der WM 2009 in Berlin den aktuellen Weltrekord lief (9,58 Sekunden), stand er wenige Tage vor seinem 24. Geburtstag.

Sein Landsmann Asafa Powell und der Amerikaner Tysan Gay gehörten viele Jahre zu Bolts härtesten Gegnern. Sie haben sichtlich abgebaut, wurden langsamer und 2013 wegen Dopings gesperrt. Und beide sind einige Monate jünger als Gatlin. Der hingegen ist schneller denn je. Wie macht er das?

Gatlins Technik ist "beispielhaft"

Gatlin begründet seine Zeiten mit gewissenhafter Ernährung - keine Süßigkeiten mehr, viel Gemüse, ausreichend Schlaf - und seiner verbesserten Technik. Die Schritte sind etwas kürzer, dafür ist die Hüfte ein klein wenig höher, um so mehr Kraft zu generieren. Ato Boldon, 1996 und 2000 Olympia-Dritter und nun als TV-Experte tätig, ist von Gatlins Technik beeindruckt. Vor allem die Phase direkt nach dem Start sei "beispielhaft". Wenn er ein Lehrvideo drehen würde, sagt Boldon, dann wäre Gatlin auf dem Cover.

Gatlin hat sich daran gewöhnt, dass er angezweifelt wird und dass die Leute skeptisch sind. Er ignoriert sie genauso wie Bolts Mätzchen vor dem Rennen. "Ich habe nicht vier Jahre ausgesetzt und bin zurückgekommen, um mich von ein paar Worten umhauen zu lassen", sagt er.

Wenn Bolt in der Nacht auf Montag siegt (3:25 Uhr MESZ, Live-Ticker SPIEGEL ONLINE), hätte er Historisches geschafft und als Erster dreimal nacheinander bei Olympia über die 100 Meter triumphiert. Gewinnt Gatlin Gold, wäre er der älteste Olympiasieger über diese Distanz. Die Qualifikation zum Finale schloss er als Schnellster ab. Doch so schnell Gatlin auch sein mag, dem Dopingverdacht kann er nicht davonlaufen.

Dafür vielleicht Usain Bolt.

insgesamt 28 Beiträge
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frenchhornplayer85 14.08.2014
1.
gutes essen und viel schlaf....wie oft hat man das schon gehört? kommen sich die sportler nicht blöd vor wenn sie die immer gleichen, oft wiederlegten ausreden bringen?
skeptikerjörg 23.10.2017
2. Schlimm,
dass dieser Mehrfachdoper überhaupt antreten darf. Klar, niemand weiß, ob Bolt wirklich sauber ist, aber immerhin ist er niemals erwischt worden und muss deshalb als sauber gelten. Insgesamt ist die Sprinterszene jedoch genauso unter Verdacht, wie afrikanische Langstreckler oder Radfahrer. Und solange das IOC nicht dahin kommt, jeden einmal überführen Doper für alle Zeiten von Olympia auszuschließen, wird sich daran auch nichts ändern.
saftfrucht 14.08.2016
3. Einmal Doper, immer im Vorteil
Jeder der sich schon einmal mit der Biologie hinter Muskulatur und Steroiden beschäftigt hat weiß, dass aufgrund der Nukleuseignschaften von Muskelzellen diese einmal (auch durch Doping) erlangte Eigenschaften nicht vergessen und durch einen Memory-Effekt leicht auch ohne Doping in den Zustand beim Doping zurückversetzt werden können, sofern es sich nicht um absolute Absurditäten handelt wie bei Mr. Olympia Bodybuildern. Deshalb ist jeder, der einmal gedopt hat, immer im Vorteil - und sollte lebenslang gesperrt werden. Natürlich dopt auch Usain Bolt, das dürfte sonnenklar sein. Deshalb kann Gatlin von mir aus auch gerne mitlaufen. Möge der beste Doper gewinnen.
Leser161 14.08.2016
4. Daumendrück
Ja dann drücke ich ihm die Daumen das er dieses Jahr seine Medikation gut im Griff hat. Sprich unter dem Radar fliegt und trotzdem schneller ist als Bolt. Okay gelogen. Eigentlich möchte ich das beide umkippen und ein ungedopter Sportler gewinnt. Ich weiss, frommer Wunsch.
crazy_swayze 14.08.2016
5.
Ganz ehrlich, was sucht so einer noch bei den olympischen Spielen. 2x gedopt und jetzt auf einmal der alternde Wunderknabe. Wer's glaubt wird selig. Raus mit dem!
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