Sprinter mit Prothese "Der Schnellste auf keinen Beinen"

Oscar Pistorius hat zwei Unterschenkelprothesen. Trotzdem läuft der Südafrikaner 400 Meter in knapp 46 Sekunden. Mit dieser Zeit könnte der 20-Jährige im Staffel-Team seines Landes an Olympischen Spielen teilnehmen. Doch das lassen die Bestimmungen des Internationalen Leichtathletik-Verbandes nicht zu.

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Hamburg – Er ist schnell, sehr schnell. "Ich bin der Schnellste auf keinen Beinen", sagt der junge Mann mit den kurzen, blonden Haaren. Und Oscar Pistorius hat ein großes Ziel. Der Südafrikaner möchte als erster Sprinter mit Prothesen bei Olympischen Spielen an den Start gehen. Im Sommer 2008 in Peking. Dieser Wunsch stößt beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) jedoch auf Widerstand. Der italienische IAAF-Entwicklungsdirektor Elio Locatelli äußert in der "New York Times" die Befürchtung, dass High-Tech-Prothesen Pistorius einen unfairen Vorteil gegenüber Athleten mit natürlichen Beinen verschaffen könnten. Zudem untersage eine Regel des Verbandes Läufern den Start, wenn sie "Hilfsmittel" einsetzten.

Sprinter Pistorius (3. v. l.): "Ich kann noch wesentlich schneller laufen"
AFP

Sprinter Pistorius (3. v. l.): "Ich kann noch wesentlich schneller laufen"

Oscar Pistorius ist ohne Zehen, Fußballen und Wadenbeine geboren worden. Im Alter von elf Monaten werden ihm beide Unterschenkel amputiert. "Ich kenne keinen anderen Zustand. Ich sehe mich selbst nicht als behindert", sagt der 20-Jährige. Bereits im Kindesalter ist er sportbegeistert, spielt Wasserball und später Rugby. Nach einer Knieverletzung beginnt er Anfang 2004 als 17-Jähriger mit der Leichtathletik. Bereits ein halbes Jahr später gewinnt Pistorius bei den Paralympics in Athen den 200-Meter-Lauf und holt über 100 Meter die Bronzemedaille. "Ich kann noch wesentlich schneller laufen", sagt er damals.

In den vergangenen Wochen hat Oscar Pistorius Weltrekorde für behinderte Läufer über 100 Meter (10,91 Sekunden), 200 Meter (21,58 Sekunden) und 400 Meter (46,34 Sekunden) aufgestellt. Zum Vergleich: Der Weltrekord über 200 Meter steht bei 19,32 Sekunden. Der US-amerikanische Olympia-Sieger Jeremy Wariner lief 2004 in Athen eine Zeit von genau 44 Sekunden über 400 Meter.

Gerade die lange Sprintdistanz liegt Pistorius besonders. Oft läuft er seinen Kontrahenten nach dem Start zunächst hinterher. Die extra für ihn angefertigten Prothesen, vom Hersteller "Gepard" genannt, benötigen mehr als 30 Meter, um Energie aufzuladen und den Sprinter in seinen Rhythmus kommen zu lassen. Seine 100- und 200-Meter-Zeiten würden daher für eine Olympia-Qualifikation nicht ausreichen. Bei den südafrikanischen Landesmeisterschaften ließ Oscar Pistorius über 400 Meter aber beinahe die gesamte nicht behinderte Konkurrenz hinter sich und belegte Platz zwei. Damit wäre er ein ernsthafter Kandidat für die 4x400-Meter-Staffel seines Heimatlandes.

Ein gewisser Handlungsspielraum im nationalen Verband erklärt, warum Pistorius mit seinen Karbonfüßen bei den Landesmeisterschaften antreten durfte. Im Deutschen Leichtathletik-Verband gebe es eine "Kann-Bestimmung", sagt DLV-Sprecher Peter Schmitt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So könne der Veranstalter entscheiden, ob Athleten mit Prothese starten dürfen. Wojtek Czyz aus Kaiserslautern, oberschenkelamputiert und dreifacher Sieger bei den Paralympics in Athen (100 Meter, 200 Meter und Weitsprung), konnte bei Sportfesten bereits häufiger den Wettkampf mit nicht Behinderten suchen. "Damit kann ich zeigen, dass auch Behinderte Leistungssport betreiben", sagt er. Vordere Platzierungen sind dann zwar außer Reichweite, aber wichtig ist für Czyz, überhaupt dabeizusein.

Ein Start bei Olympischen Spielen kommt für Wojtek Czyz nicht in Frage. "Dazu bin ich von diesen Leistungssphären zu weit entfernt", sagt er. Oscar Pistorius kann im Gegensatz zu ihm zwei eigene Knie einsetzen und damit mehr Kraft auf die Tartanbahn bringen. Zudem erlaube die beidseitige Amputation einen flüssigeren Laufstil, erläutert Czyz. Beide Athleten sind daher in verschiedene Schadensklassen eingeteilt und im Wettkampf noch nicht gegeneinander angetreten. Dennoch verfolgt Wojtek Czyz die Entwicklung von Oscar Pistorius mit großem Interesse. "Die IAAF-Regel ist eine klare Diskriminierung. Er arbeitet hart und setzt alles daran, an Olympischen Spielen teilzunehmen. Und obwohl er die Leistung bringt, soll er nicht starten dürfen", sagt Czyz SPIEGEL ONLINE.

Täglich viereinhalb Stunden für den Traum

Die größte Befürchtung des Internationalen Leichtathletik-Verbandes ist, dass Pistorius mit Prothesen länger sein könnte, als er es mit seinen natürlichen Beinen wäre. Das würde für bessere Hebelverhältnisse sorgen und seinen Schritt auf unfaire Art und Weise verlängern. "Wenn sich jemand Raketenbeine unterschnallt, dann ist klar, dass er nicht laufen darf", sagt Wojtek Czyz. Das sei bei Oscar Pistorius aber nicht der Fall - schon weil Prothesen nie zu 100 Prozent die Funktion der Beine übernehmen könnten.

Als Medaillenkandidat würde Pistorius, der in Pretoria Wirtschaft studiert, nicht nach Peking reisen. Möglicherweise gibt es deshalb auch einige Stimmen in der IAAF, die dem Südafrikaner einen Start erlauben möchten. Der Vorsitzende der Medizin- und Antidoping-Kommisson, Juan Manuel Alonso, sieht keine wirklichen Argumente für ein Verbot. Für ein abschließendes Urteil hätte der Spanier allerdings gerne "mehr Informationen und biomechanische Studien". Die endgültige Entscheidung der IAAF soll im August fallen. Bis dahin wird Oscar Pistorius weiter trainieren, etwa viereinhalb Stunden täglich. "Und wenn es 2008 nicht klappt, dann eben 2012", sagt er.



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