Stammzellen-Doping "Eine Leistungssteigerung ist äußerst fragwürdig"

Gendoping im Land der Olympischen Spiele? Ein ARD-Beitrag über Dopingpraktiken in China besorgt Experten, die solche Methoden im Sport noch nicht erwartet hatten. Zwar wird der leistungssteigernde Effekt bezweifelt - die gesundheitlichen Risiken sind jedoch gewiss.


Hamburg - "Es dauert zwei Wochen. Ich empfehle vier intravenöse Verabreichungen: 40 Millionen Stammzellen, vielleicht auch das Doppelte, je mehr, desto besser", erklärt der Arzt. Er wird dabei gefilmt, mit versteckter Kamera. In der Reportage "Olympia im Reich der Mittel" über illegale Gendoping-Therapien zeigte die ARD am Montagabend einen chinesischen Mediziner, der einem Reporter, der sich als Schwimmtrainer ausgab, eine Behandlung mit Nabelschnur-Stammzellen zur Leistungssteigerung anbot.

Dopingutensil Spritze: Stark gesundheitsgefährdende Methode
DPA

Dopingutensil Spritze: Stark gesundheitsgefährdende Methode

24.000 Dollar sollte die Kur kosten. Viel Geld für eine Methode, deren leistungssteigernde Wirkungen Mario Thevis, Leiter des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule in Köln, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als "äußerst fragwürdig" einstuft.

"Diese Methode wurde in der Forschung bislang lediglich angedacht", so Dopingforscher Thevis. "Für eine Einführung im Markt hat es jedoch noch nicht gereicht." Vergleichbare Versuche wurden bereits bei herzkranken Patienten durchgeführt - bislang ohne Erfolg. Auch die Behandlung von Parkinson-Kranken ist noch in der Experimentierphase.

Dass die Reporter, die in China gezielt nach Gendoping-Angeboten gesucht haben, fündig wurden, ist dabei lediglich auf den zweiten Blick korrekt. "Gendoping im eigentlichen Sinne ist die Ermittlung von Erbsubstanz mit dem Ziel der Leistungssteigerung", erklärt Thevis. Das wäre bei der Stammzellen-Methode zunächst nicht der Fall. Lediglich die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada definiert sie in ihrem Code als Gendoping. "Für ein Dopingvergehen ist nicht nur relevant, ob die Methode oder die Substanz einen Leistungsvorteil bringt. Es geht auch um den Schutz der Gesundheit des Athleten", so Thevis.

Ein beruhigendes Zeichen ist für den Dopingforscher, dass der chinesische Arzt mit dieser Methode nach eigener Angabe zumindest im Sport bislang noch keine Erfahrungen gemacht habe. Dennoch sei die Behandlung sicher, es könne nichts passieren, beschwichtigt der Mediziner in der TV-Reportage.

Doch allein die Nachricht, dass ein solches Angebot überhaupt unterbreitet wird, sei erschreckend genug, so Thevis, da die Verabreichung von Stammzellen schwerwiegende gesundheitliche Konsequenzen haben könne, so der Dopingforscher. Wie bei einem Bienenstich kann die Methode heftige allergische Reaktionen hervorrufen, sollte der Körper gegen die Stammzellen Immunkörper bilden.

"Das übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen"

Gendoping-Experte Patrick Diel, wie Thevis an der Sporthochschule Köln angestellt, findet die Nachricht genau deshalb schockierend. "Ich war sehr erstaunt, das zu sehen. Ehrlich gesagt, übertrifft das meine schlimmsten Befürchtungen", sagte er der dpa.

Wada-Direktor David Howman sprach bei Ansicht des TV-Berichts von einem "fürchterlichen Gefühl. Es ist schrecklich zu sehen, dass es vielleicht jetzt angewendet wird in dem Land, wo die Spiele stattfinden werden", sagte der Neuseeländer.

fpf



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