Steffi Graf über Navratilova "Die beste Spielerin des Jahrhunderts"

Nach ihrem Karriere-Ende versucht sich Steffi Graf jetzt als Journalistin. Bei der Deutschen Presseagentur lieferte sie ein Porträt über Martina Navratilova ab, deren Nachfolge sie auf dem Tennisthron antrat.


Martina Navratilova
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Martina Navratilova

Hamburg - Martina Navratilova, gar keine Frage. Sie ist im Tennis meine unbestrittene Nummer eins. Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen, als mir die Frage nach der besten Spielerin dieses Jahrhunderts gestellt wurde. Die Konkurrenz ist zwar groß, man denke nur an Margaret Court, Billie Jean King oder Chris Evert. Doch Martina ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Sie hat das Damen-Tennis geprägt wie keine andere. Sie ist eine Klasse für sich.

Als erste hat sie erkannt, dass die Athletik auch im Damen-Tennis eine sehr große Rolle spielen wird. Und natürlich war Martina auch die erste, die ihre Fitness professionell durch den Aufbau ihrer Athletik in Verbindung mit einem gezielten Ernährungsprogramm herbeigeführt hat. Damit ist sie Vorreiterin des modernen Damen- Tennis.

Natürlich war sie aber nicht nur körperlich fitter als die meisten ihrer Konkurrentinnen. Ein Geheimnis ihres Erfolgs war ganz sicher auch, dass sie nie aufgehört hat, an sich und ihrem Spiel zu arbeiten. Von Jahr zu Jahr hat sie daran gefeilt und sich immer weiter verbessert. Unglaublich, wie lange sie sich in der absoluten Weltspitze gehalten hat.

Steffi Graf mit Navratilova in Tokio
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Steffi Graf mit Navratilova in Tokio

Als sie 1994 nach fast 20 Jahren im Welttennis zurücktrat, hatte sie 167 Turniere sowie 55 Grand-Slam-Titel gewonnen - 18 davon im Einzel - und konnte mit uns allen noch mithalten. Um ein Haar hätte sie in Wimbledon sogar noch ihren zehnten Titel geholt - nur knapp unterlag sie im Finale gegen Conchita Martinez. Auch menschlich habe ich sie als eine besondere Sportlerin kennen gelernt. Trotz des harten Konkurrenzkampfes an der Weltspitze ist sie immer kameradschaftlich und kollegial geblieben.

Dabei musste Martina vor allem nach ihrer Emigration aus der damaligen Tschechoslowakei in die USA schwere Zeiten durchmachen. Ihre Familie konnte sie jahrelang nicht sehen - vielleicht war ihr gerade deswegen die Rolle des unnahbaren Profis so fern.

Nachdem ich mir 1983 in Australien im rechten Daumen ein Band gerissen hatte und deprimiert im Hotel saß, bekam ich einen Brief von ihr, der mich unheimlich gefreut und aufgemuntert hat. "Du hast noch so viel Zeit", schrieb sie, "Deine Karriere liegt noch vor Dir. Mach' Dir nichts draus, Deine Zeit wird noch kommen."

Ich war damals 13 - also halb so alt wie sie. Und dieser Brief von der damals für mich so übergroßen Navratilova hat mich getröstet und darüber hinaus einen so nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht, dass ich ihn wohl niemals vergessen werde. Diese sportliche Fairness ohne jede Effekthascherei ist beispielhaft.

Es war nicht das einzige Beispiel für ihre Ehrlichkeit und Freundschaft: Als ich Martina 1986 in Berlin den Titel bei den German Open vor der Nase weggeschnappt habe, war sie unglaublich nett zu mir, hat mich umarmt, beglückwünscht und sich noch lange mit mir unterhalten. Und ich glaube, letztlich hat sie sich auch gefreut. Das hat mir geholfen zu begreifen, was eigentlich geschehen war. Denn richtig glauben konnte ich den Triumph nicht, es war für mich eine Riesenüberraschung, auch wenn es vielleicht nicht so gewirkt hat.

Komisch fand ich damals nur, dass Martina bei der Siegerehrung so emotional reagiert und geheult hat. Doch inzwischen kann ich solche Gefühlsausbrüche schon begreifen. Wahrscheinlich muss man dazu etwas älter sein und die Hochs und Tiefs einer Karriere durchlebt haben.

Navratilova: schenkte Graf ihren Talisman
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Navratilova: schenkte Graf ihren Talisman

Auf der Anlage am Hundekehlesee konnte ich meinen ersten Sieg gegen Martina feiern. Die erste Bekanntschaft habe ich mit ihr schon ein Dreivierteljahr vorher bei den US Open 1985 gemacht. Da war ich drei Jahre Profi, aber der Einzug in mein erstes Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier war doch überraschend. Statt mich zu freuen, hatte ich ziemliches Lampenfieber vor der Herausforderung durch Martina Navratilova. Mein Respekt war gehörig, und natürlich war ich schon vorher nervös. Das hat sich während des Spiels auch nicht gegeben.

Sie gewann wie selbstverständlich mit 6:2 und 6:3. Ich habe Martina immer wegen ihrer großen sportlichen Leistungen bewundert. Irgendwie hat sie mit ihrem Vorbild auch meine Karriere beeinflusst. Mein Idol war sie aber weder vor unserem ersten Match, noch wurde sie es danach. Denn eigentlich hatte ich nie irgendwelche Vorbilder.

Zwei Jahre nach diesem ersten Aufeinandertreffen war der Respekt noch immer vorhanden. Aber unsere Matchs wurden spannender. Obwohl wir Kontrahentinnen waren und uns auf dem Platz nichts schenkten, bekam ich 1987 ein Lederarmband von ihr. Es sollte ein Glücksbringer sein - und der wurde es schon wenige Monate später. In Wimbledon standen wir uns 1988 im Finale gegenüber. Es war das erste Mal, dass ich sie auf ihrem Lieblingsbelag schlagen konnte. Es war aber ein Gerücht, dass sie den Talisman anschließend zurück haben wollte. Verstanden hätte ich es allerdings.

Nach ihrem Karriere-Ende hat sich Martina auf den Tennisplätzen der Welt rar gemacht. Im vergangenen Herbst sollten wir einen Schaukampf in Fort Lauderdale gegen Jana Novotna und Anna Kurnikowa spielen. Ich hatte mich unheimlich darauf gefreut, zum ersten Mal zusammen mit Martina im Doppel anzutreten. In den USA wurde um den geplanten Vergleich über drei Gewinnsätze schon ein unheimlicher Wirbel gemacht. Deshalb war die Enttäuschung bei allen riesengroß, als die Veranstaltung in Florida kurzfristig abgesagt wurde. Aber vielleicht klappt es jetzt im Ruhestand doch noch einmal - irgendwann und irgendwo.



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