Straßenradsport Wenn die WM nur ein Event von vielen ist

Der Weltmeistertitel ist in vielen Sportarten der größte Erfolg, den ein Athlet erreichen kann. Im Straßenradsport ist das anders. Warum?

Jonathan Castroviejo
DANIEL KOPATSCH/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Jonathan Castroviejo

Von Eike Hagen Hoppmann


Welchen Stellenwert die Weltmeisterschaft im Radsport hat, hat man in den vergangenen drei Jahren immer dann gesehen, wenn Peter Sagan bei der Tour de France ins Grüne Trikot fuhr. Sagan, zwischen 2015 und 2017 dreimal in Folge Weltmeister im Straßenrennen, legte dann das Regenbogentrikot ab, das der WM-Sieger ein Jahr lang bei jedem Rennen tragen darf, und trug am nächsten Tag stattdessen das Grüne Jersey, das den besten Sprinter der Rundfahrt kennzeichnet. Das WM-Trikot kommt in der Rangfolge eben erst dahinter.

In den meisten Sportarten ist der Weltmeistertitel der prestigeträchtigste Erfolg. Im Straßenradsport ist das anders. Da kommt die WM in der Rangfolge erst hinter den großen Rundfahren und manchem Eintagesrennen.

Giro- und Tour-Sieger fehlen

So passt es ins Bild, dass zwei der besten Fahrer bei der gerade in Innsbruck stattfindenden WM gar nicht erst an den Start gehen. Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas bleibt ebenso zu Hause wie Giro-Gewinner Chris Froome. Beide seien nach einer anstrengenden Saison ausgebrannt, sagte Brett Lancaster, Sportdirektor ihres Teams Sky.

Auch die teilnehmenden Fahrer sind am Ende der Saison zum Teil nicht mehr in Topform. "Körperlich bin ich ein gebrochener Mann", sagte Topfavorit Tom Dumoulin, nachdem er beim Zeitfahren am Mittwoch mit 1:21 Minuten Rückstand auf Sieger Rohan Dennis als Zweiter ins Ziel gekommen war. Dumoulin ist in diesem Jahr den Giro d'Italia und die Tour de France gefahren.

Rohan Dennis, Weltmeister im Zeitfahren
REUTERS

Rohan Dennis, Weltmeister im Zeitfahren

Der Termin Ende September, kurz bevor die Saison zu Ende ist und viele Fahrer schon an den Urlaub denken, ist vielleicht das Hauptproblem für die sportlich geringe Relevanz der WM. So wird beim Straßenrennen der Frauen am Samstag und der Männer am Sonntag vermutlich die- oder derjenige mit den meisten Reserven gewinnen. Nur ein paar haben wirklich speziell auf die WM hin trainiert, andere nehmen sie eher noch mit.

Rundfahrten und Klassiker sind für die Teams interessanter

Die WM wirkt im Straßenradsport eher als ein Event von vielen im Kalender, aber nicht als das Rennen der Saison, bei dem man als Fahrer unbedingt dabei sein möchte. Das sind stattdessen die großen Rundfahrten wie die Tour de France oder Eintagesklassiker wie das Kopfsteinpflasterrennen Paris-Roubaix. Sie haben eine längere Geschichte, ziehen mehr Fans an den Bildschirm und die Strecke - und sind daher auch für die Teams interessanter. Das gilt zumindest für die Männer. Im Frauenbereich gehört die WM dagegen sogar zu den Veranstaltungen mit verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit.

Was die WM von anderen Radrennen unterscheidet, ist der Wettbewerb zwischen Nationen und nicht zwischen Privatteams. Ganz einheitlich ist das System dann aber doch wieder nicht, weil seit 2012 ein Mannschaftszeitfahren in den Privatteams gefahren wird. Das wird ab dem kommenden Jahr nun aber auch wieder abgeschafft, nachdem sich Teams über zu hohe Kosten beschwert hatten. Dass die WM für sie und ihre Sponsoren nicht attraktiv genug ist, sagt einiges aus.

Wenig förderlich für die Bedeutung ist auch die Tatsache, dass die WM jährlich und nicht nur alle zwei oder vier Jahre stattfindet. Was nur selten vorkommt, ist attraktiver. Das gilt nicht nur für das Sammeln von Briefmarken und Panini-Stickern, sondern auch für den Sport.

Daran ändert auch ein Regenbogentrikot wenig - vor allem dann nicht, wenn jemand wie Sagan lieber mit einem anderen Wertungstrikot fährt. Bei einem Blick aufs bunte Fahrerfeld wirkt es dann so, als würde die Weltmeisterschaft gar nicht existieren.

Mehr zum Thema


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
astrolenni 29.09.2018
1. Strecke
Dazu kommt noch die Strecken-Charakteristik, die Sprinter gar nicht erst anreisen ließ. Die Variabilität ist einfach zu groß. Man könnte noch eher eine Sprint-WM mit K.o.-System an 2-3 Tagen machen. 10km Anfahrt, dann Massensprint. Oder entsprechende kurze Bergrennen. Aber DEN Allrounder wird man selten an einem Tag küren können. Man lässt ja auch nicht 100m-Sprinter und 1500m-Spezialisten jedes Jahr eine andere Streckenlänge laufen...
scholli1983 29.09.2018
2. Ahnung vom (Rad)sport... nein Danke!
In den meisten Sportarten ist nicht ein WM-Titel sondern der Olympiasieg der größtmögliche Erfolg. Darüber hinaus hat der WM-Titel eine große Bedeutung für die Fahrer. Da Radsportler aber hoch spezialisiert sein müssen ist schon der Vergleich zwischen einer dreiwöchigen Du und einem Eintagesrennen wie der WM absurd. Und zu guter Letzt: es ist richtig, dass Wertungstrikots Vorrang vor dem WM-Trikot haben. Aber alleine die Tatsache, dass es ein WM-Trikot gibt, zeigt die Höhe Bedeutung der Veranstaltung. Darüber hinaus dürfen ehemalige Weltmeister während ihrer gesamten Karriere ihr "normales Trikot" mit den Regenbogenfarben des Weltmeisters schmücken.
Gottfried 29.09.2018
3. Auch Deutschland hatte einmal gute Alleskönner,
heute allerdings haben wir einen solchen Könner nicht mehr. Für die meisten Deutschen, ist bei Rundfahrten nach den Flachetappen, die Tour bereits zu Ende. Dann radeln die Meisten nur noch weit hinter her. Ein Radrennen wird aber erst auf unterschiedlichen Terrain interessant . Nach deutschen Vorstellungen sollte anscheinend die Rad WM auf einen flachen Kurs ausgetragen werden, da fahren sie die ersten 200 km alle zusammen und dann gewinnt der, der auf den letzten 500 Metern die dicksten Beine hat. Soll das etwa interessant sein ???
neusser555 29.09.2018
4. Die Alleskönner?
Die gibt es deswegen kaum noch, weil es kaum schwere Radrennen in Deutschland gibt, auch und vor allem im Nachwuchsbereich. Da müsste man schon ständig in die Nachbarländer fahren. Kriterien auf dem Dorf und Bahnrennen. Dementsprechend auch der Nachwuchs. Warum? Ist unattraktiv und vor allem recht teuer. Deswegen keine Sponsoren. Dann lieber den dritten oder fünften Fußballverein im Dorf unterstützen.
lancester 29.09.2018
5. Der Autor hat wohl wenig Kenntnisse von Radsport
Wenn ich als begeisterter Fan der Radsport Szene solche Artikel lese, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Der Autor hat scheinbar keine wirkliche Kenntnisse über den Sport. Dann wird ein Thema genommen und einfach Mal ein paar wirklich fragwürdige Theorien aufgestellt. Warum immer überall was schlechtes gesucht wird...vom Spiegel hätte ich ein höheres Niveau erwartet. Die WM hat einen hohen Stellenwert im Radsport. Nicht umsonst ist es eines der großen Ziele eines jeden Radsportlers, eine WM zu gewinnen. Und die gewinnt man nun Mal nicht einfach so. Es ist das einzige Event, wo überhaupt ein Trikot gewonnen werden kann, was danach in jedem Rennen getragen wird. Das Sagan bei der Tour das grüne Trikot trägt, liegt natürlich auch an den Sponsoren der tour der France...da Sagan sich dann in diesem Wettbewerb befindet, trägt er natürlich dieses Trikot. Allerdings hat er immer noch sichtbar die Regenbogenstreifen auf dem Trikot. Die Aussage von dumolin wurde auch total fehl interpretiert. Er wurde einfach in seiner Paradedisziplin mit deutlichen Vorsprung geschlagen, dass hat ihn hart getroffen! Ich könnte ihr noch ewig gegen die Argumentation des Autors diskutieren. Der Autor sollte vielleicht lieber Artikel schreiben, wo er auch Expertise hat. So wird ein schönes Sportereignis nur wieder schlechter dargestellt als es ist....echt Schade lieber Spiegel!!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.