Spitzensport in Westdeutschland Verschlussakte Doping

Anabolika, Testosteron, Epo: Auch in der Bundesrepublik Deutschland soll seit den siebziger Jahren systematisch gedopt worden sein. Aber welche Trainer und Athleten betrogen wissentlich? Und welche Funktionäre wussten davon? Die Namen sind bislang unter Verschluss - das will die SPD nun ändern.

Dopingprobe in der Sporthochschule: Wer wusste was?
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Dopingprobe in der Sporthochschule: Wer wusste was?


Hamburg - Doping in Deutschland, dieses Thema beschränkte sich in der öffentlichen Diskussion jahrzehntelang auf den Gebrauch von leistungssteigernden Mitteln in der DDR. Organisiert und überwacht von höchster Stelle des sozialistischen Staates. Doping in der Bundesrepublik? Gab es höchstens in Einzelfällen, so war lange Zeit die Annahme. Ein Irrtum.

"Doping in Deutschland von 1950 bis heute" heißt eine Studie der Humboldt-Universität (HU) Berlin, über die die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) in ihrer Samstagsausgabe ausführlich berichtet und die zu dem Schluss kommt: Auch in der BRD wurde spätestens seit Beginn der siebziger Jahre offenbar in zahlreichen Sportarten systematisch und organisiert gedopt. Was fehlt, sind konkrete Namen, und da beginnt das Problem mit der 800 Seiten umfassenden Studie.

Seit April dieses Jahres liegt der Abschlussbericht der Berliner Forscher vor. Dieser wurde bislang aber ebensowenig veröffentlicht wie die Studie selbst. Und es ist fraglich, ob die Öffentlichkeit jemals die Namen derjenigen erfährt - der Funktionäre, Trainer und Athleten - die hinter dem Dopingsystem standen.

Hintergrund ist ein Streit zwischen dem Forscherteam der HU und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), das dem Bundesinnenministerium (BMI) untersteht und die Studie in Auftrag gegeben hat. Die Initiative dazu kam vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), das Geld, 550.000 Euro, vom BMI.

Forschergruppe fordert Rechtsschutz vom BISp

Als die Forscher ihren Abschlussbericht vorlegten, bemängelte der BISp-Beirat, dieser würde gegen Datenschutzrichtlinien verstoßen, weil Namen von Ärzten und Funktionären darin genannt wurden. Die Forscher überarbeiteten daraufhin ihren Bericht und legten ihn erneut vor. Auf "SZ"-Anfrage teilte das BISp mit, die datenschutzrechtlichen Prüfungen seien nun abgeschlossen. Veröffentlichen will das Institut den Bericht, geschweige denn die Studie dennoch nicht.

"Die Veröffentlichung der Inhalte aus dem Forschungsprojekt liegt ausschließlich in der Verantwortung der Forschungsnehmer, die als Urheber aufgefordert sind, ihre Ergebnisse zu publizieren", heißt es in einem Statement des BISp. Die Forscher ihrerseits fordern von ihrem Auftraggeber Rechtsschutz, weil sie Klagen von in der Studie genannten, noch aktiven Funktionären, Trainern und Athleten fürchten. Das BISp aber lehnt einen solchen Rechtsschutz ab. "Leider haben die verantwortlichen politischen Stellen, das Innenministerium und das BISp, überhaupt kein Interesse an Aufklärung", sagt der Dopingexperte Werner Franke.

Kritiker bemängeln, das BMI und das BISp wollten eine Veröffentlichung der Studie verhindern, um darin genannte Personen nicht zu belasten. Womöglich Funktionäre aus den eigenen Reihen, die noch heute für das BISp arbeiten? Oder weil beim 1970 gegründeten BISp etwa die Fäden des organisierten Dopings zusammenliefen? Das Institut widerspricht: "Der Eindruck, das BISp wolle durch die Nichtveröffentlichung Informationen zurückhalten, ist nicht zutreffend."

SPD attackiert Friedrich

Mittlerweile hat die Angelegenheit den Weg von der sportpolitischen auf die höchste politische Ebene gefunden. "Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Dopingstudie weiter unter Verschluss gehalten wird", sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann: "Es ist ein erheblicher Vorwurf, dass mit Geldern des Innenministeriums über Jahrzehnte Doping gezielt und systematisch gefördert worden sein soll. Ich will wissen, was da dran ist. Mein Eindruck ist, Innenminister Friedrich will die unrühmliche Rolle des Innenministeriums bei der Förderung des Dopings vertuschen."

Das BISp, und damit das BMI, hatten die zentralen Forschungsorte Freiburg, Köln und Saarbrücken über Jahre mit Millionensummen unterstützt, mindestens zehn Millionen D-Mark sollen es laut "SZ" gewesen sein. Die Studie belegt Vermutungen, nach denen an der Universität Freiburg unter dem bekannten, im Jahr 2000 verstorbenen Sportmediziner Joseph Keul Doping nicht nur erforscht, sondern sogar gefördert wurde.

Von Seiten des DOSB, immerhin Initiator der Studie, hieß es zunächst lediglich: "Wir werden die Ergebnisse der Studie intensiv analysieren und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen", so DOSB-Präsident Thomas Bach. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper äußerte sich später skeptisch: "Es waren eher Spekulationen und zusammenfassende Bewertungen in der Süddeutschen, ich denke, wir würden gerne den Bericht selber bewerten und unsere Schlüsse daraus ziehen", sagte der 61-Jährige und verwerte sich zugleich gegen Vergleiche mit der DDR-Dopingpraxis.

Der DOSB war 2006 durch den Zusammenschluss des Deutschen Sportbunds (DSB) und des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) entstanden. NOK-Präsident von 1961 bis 1992, also indirekt einer von Bachs Vorgängern, war Willi Daume. Die Berliner Forscher kommen zu der Einschätzung, der 1996 verstorbene Daume wusste über große Teile des damaligen Dopingsystems in der BRD Bescheid.

ham/sun/sid



insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
mischpot 03.08.2013
1. Beamtenhaftung für Mißbrauch von Steuergeldern
Wann werden die Personen die mit Steuergeldern Mißbrauch betreiben endlich bestraft werden können. Angeblich leben wir doch in einer Demokratie die durch die Justiz gestützt wird. Wo ist hier die Justiz. Oder ist die Justiz die Drangsalierungsbehörde für den gemeinen Bürger? Sind Beamte die Millionen und Milliarden veruntreuen etwas besseres?
azn 03.08.2013
2.
Ganz grundsätzlich gehört der Sport, ob nun Spitzen- oder Breitensport nicht staatlicherseits finanziert. Derlei abstoßende Auswüchse kommen dadurch zustande. Der Staat hat sich auf seine Kernaufgaben zu beschränken. Die Namen der Doping-Funktionäre und verantwortlichen Politiker sollten veröffentlicht werden, um diese bloßzustellen, als das was sie sind, gemeine Betrüger.
karoper 03.08.2013
3. Leaken - Aufforderung zur Straftat?
Wäre es eine Aufforderung zur Straftat, wenn man die Wissenschaftler aufforderte die Studie zu leaken?
nevada_07 03.08.2013
4. Davon haben haben wir nichts gewusst.
Zitat von sysoppicture-alliance / dpa/dpawebAnabolika, Testosteron, Epo: Auch in der Bundesrepublik Deutschland soll seit den siebziger Jahren systematisch gedopt worden sein. Aber welche Trainer und Athleten betrogen wissentlich? Und welche Funktionäre wussten davon? Die Namen sind bislang unter Verschluss - das will die SPD nun ändern. http://www.spiegel.de/sport/sonst/streit-ueber-veroeffentlichung-der-studie-doping-in-deutschland-a-914629.html
Es konnte bislang nur in diesem Maße betrogen werden, weil die Medien mit ins Boot genommen worden sind. Für eine gute Sache und gegen den politischen Feind im Osten. Normalerweise müssten die Medien solche Schweinereien aufdecken. Wenn es sich aber um deutsche Athleten handelt, wenn werden beide Augen zugedrückt. Whistleblower gibt es auf deutscher Seite nicht. Selbst das Papier, das die Ausländerfeindlichkeit der CDU – Granden offenbart stammt aus britischen Quellen. Schweigen und vertuschen gehörte schon seit jeher zu den verschwiegenen deutschen Tugenden.
schado 03.08.2013
5. Oh Wunder
hätte mich auch gewundert, wenn sich Herr Oppermann als neue Allzweckwaffe der SPD nicht auch zu diesem Thema in seiner die Bundesbürger in allen (Un-)Lagen beschützender Funktion gemeldet hatte. Stellt sich mir nur die Frage, warum erkundigt er sich nicht bei seinen Partei- und Regierungsfreunden der Rot/Grünen Regierung(en = inkl. Landesregierungen, da das ja sicher nicht nur auf Bundesebene abgelaufen ist, zB Leistungszentrum Saarland). Hier wird Wahlkampf mehr als offensichtlich!! Zum Thema: Fakten auf den Tisch, Gerüchte und interessierte Kommentare in den Keller!
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