Studie "Doping in Deutschland": Viel Ärger, wenig Erkenntnis

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Die Studie "Doping in Deutschland" verkommt zur Farce. Eine beteiligte Forschergruppe behauptet, ausgebremst worden zu sein, der DOSB bestreitet dies vehement. Wer Recht hat, ist letztlich egal, denn Eines steht fest: Von Aufklärung kann keine Rede sein.

DOSB-Funktionäre Vesper (l.), Fischer (2.v.l.): Zur Großansicht
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DOSB-Funktionäre Vesper (l.), Fischer (2.v.l.):

Über das Forschungsprojekt "Doping in Deutschland" wird seit vier Jahren erbittert debattiert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nimmt für sich in Anspruch, die Forschungsarbeit initiiert zu haben. Schon die Ausschreibung durch das federführende Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Bisp) in Bonn war reichlich diffus. Bewerbungen für das Mammutprojekt legten nur zwei Teams von der Universität Münster und der Humboldt-Universität Berlin vor. Man vereinte beide Ansätze in einem Auftrag.

Doch nach vier Jahren muss statt eines transparenten und überzeugenden Abschlussberichts konstatiert werden: Das Projekt ist gescheitert.

Am Dienstag hielten vier Wissenschaftler aus Münster im Bundespresseamt in Berlin Kurzvorträge über ihre Arbeit, die für den Zeitraum ab 1990 im Grunde aus einer Analyse der Presseberichterstattung über Doping bestand. Insofern wurde nichts mitgeteilt, was nicht schon in Qualitätsmedien des Landes seit langen Jahren verhandelt worden wäre.

Jürgen Fischer, Direktor des Bisp, behauptete dennoch, das Projekt habe die Sportgeschichtsschreibung verändert und verteidigte den wissenschaftlichen Anspruch dieser Zeitungsschau.

Die Forschergruppe von der Humboldt-Uni, die vom Historiker Giselher Spitzer geführt wird und sich inzwischen längst aufgelöst hat, fehlte bei der Präsentation. Sie hat für Donnerstag an die Viadrina in Frankfurt an der Oder zu einem eigenen Symposium geladen und wird wohl brisantere Sachverhalte berichten als die Münsteraner, die so Bahnbrechendes erforscht haben wie den Umstand, dass die Dopingberichterstattung in deutschen Medien seit den Fünfziger Jahren zugenommen hat.

Wurde das Berliner Team ausgebremst?

Eine der heftig debattierten Kernfragen lautet: Wurde das Berliner Team ausgebremst, spätestens seit vor einem Jahr in einem Zwischenbericht systematisches Doping und die Verstrickung westdeutscher Funktionäre mit einigen neuen Fakten beschrieben worden war?

Damals wurde etwa dem langjährigen NOK-Präsidenten und IOC-Mitglied Willi Daume eine "billigende Mitwisserschaft" an organisierten Dopingpraktiken unterstellt.

Brisant auch die Beschreibung der Strukturen der Dopingforschung rund um das Bundesinstitut Bisp und die Universität Freiburg. Seither ist viel von Datenschutz, Persönlichkeitsrechten und mangelndem wissenschaftlichen Anspruch die Rede, wenn es um die Leistungen der Berliner Projektteilnehmer geht. Diese behaupten im Grunde, sie seien ausgebremst worden - was die andere Seite vehement bestreitet.

"Keiner will hier irgendwelche Namen verbergen", sagte Bisp-Direktor Fischer. Er sprach von "Anfeindungen" und versprach, das Projekt zu beenden. Es habe keinerlei politische Einflussnahme gegeben. Er habe "alles getan", um dieses Projekt "vernünftig umzusetzen" und könne sich "an kein anderes Projekt erinnern, wo so sorgfältig gearbeitet worden ist".

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper erklärte: "Wer uns unterstellt, wir wären froh über den Abbruch der Berliner Forschungsarbeit, der ist schief gewickelt." Vesper verlangte von den Berlinern "einen belastbaren Bericht und keine Kriminalromane". Inzwischen prüft das Bundesverwaltungsamt (BVA) ob von der Humboldt-Uni rund 200.000 Euro Förderung für dieses Projekt zurückgefordert werden kann. Ein Abschlussbericht soll vorgelegt werden, die Berliner behaupten, 800 Seiten lägen bereits vor.

Es bleiben Fragen über Fragen

Wie Vesper und Fischer verteidigte auch Dorothee Alfermann, Vorsitzende des Projektbeirates und Präsidentin der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft, die vermeintlichen Forschungsergebnisse und die Veranstaltung, die Viola von Cramon (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied des Sportausschusses im Bundestag, als "Farce" bezeichnet hatte. Die Professorin Alfermann indes beschied skeptischen Fragestellern, die sich nach der Wissenschaftlichkeit von Zeitungsauswertungen erkundigten, selbstbewusst: "Das Gefühl, das wissen wir schon alles, das sehe ich ihnen nach. Das ist ein ganz typisches Ergebnis der menschlichen Informationsverarbeitung."

Obgleich die fünfstündige Präsentation unweit der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte stattfand, war kein Vertreter der Humboldt-Uni zugegen. Unter die Zuhörer hatte sich, gewissermaßen als Privatperson, einzig der Wissenschaftler und Journalist Erik Eggers gemischt, der auch für SPIEGEL ONLINE schreibt. Er hatte in Interviews zuvor schon behauptet, das Bisp sei nicht an wirklichen Forschungsergebnissen interessiert gewesen und unterstellte dem Bisp-Direktor Fischer nun, er habe Forschungsergebnisse und Quellen betroffenen Dritten vorab zur Verfügung gestellt - was dieser vehement verneinte.

Im lang währenden verbalen Schlagabtausch rund um dieses umstrittene Forschungsprojekt fehlt es vor allem an Transparenz - und zwar auf beiden Seiten. Bislang hat die Berliner Gruppe ihre Behauptungen der Einflussnahme und überzogener Forderungen nach Daten- und Persönlichkeitsschutz nicht belegt.

Seit Monaten schweigt man dazu und ließ Anfragen unbeantwortet. Konkretes wird es vielleicht beim eigenen Termin am Donnerstag in Frankfurt an der Oder geben. Bisp-Direktor Fischer zeichnete durchaus überzeugend ein Bild des totalen Chaos beim Projektpartner Humboldt-Universität.

Zu den vielen merkwürdigen Sachverhalten zählte auch, dass erst jetzt bekannt wurde, dass Giselher Spitzer, den man eigentlich als Kopf des Projekts verortete, nur ehrenamtlich mitgearbeitet hat und über ein anderes Projekt ("Translating Doping") finanziert worden war.

Was bleibt: Fragen über Fragen. Widersprüche über Widersprüche, die ein desaströses Bild zeichnen. Diese Widersprüche müssen schleunigst aufgelöst werden, was nur geht, wenn alle Schriftwechsel, Abmachungen und Verträge auf den Tisch kommen.

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1.
abcabab 06.11.2012
Das Innenministerium als Hauptfinancier der NADA kürzt immer weiter die Mittel für diese Stiftung. Ein echter Antidopingkampf zum Schutz der Jugend ist in Deutschland, egal ob Ost oder West, nicht gewollt.
2.
gegenpressing 07.11.2012
Zitat von abcababDas Innenministerium als Hauptfinancier der NADA kürzt immer weiter die Mittel für diese Stiftung. Ein echter Antidopingkampf zum Schutz der Jugend ist in Deutschland, egal ob Ost oder West, nicht gewollt.
Wundert Sie das? Nach allem, was man weiß, wissen die Verbände doch genau bescheid. Aber gedopt wurde natürlich nur bei den Ossis
3. optional
ca.mclane 07.11.2012
Diese Gesellschaft ist eine Dopinggesellschaft, so zeigen es viele Studien, insbesondere auch die Verkaufszahlen der entsprechenden Medikamente. Warum sollte der Sport sich als Teil dieser Gesellschaft anders verhalten. Nur der Sieger zählt der Zweite ist schon der erste Verlierer.
4.
TLR9 07.11.2012
Man muss sich fragen, warum man 200.000 Euro für Forschungsergebnisse ausgibt, um letztendlich kein Interesse an der Wahrheit zu haben. Im Jahr 1990 hat die "BILD" Deutschland schon als zweitstärkste Sportnation weltweit gefeiert. Dabei wurden die Medaillenspiegel der Olympischen Sommer- und Winterspiele 1988 als Maßstab genommen. Mittlerweile dümpelt man bei den Olympischen Sommerspielen zwischen den Plätzen 5 bis 8 rum. Der sportliche Wettkampf der Ideologien bzw. medizinischen Versorgung findet nur noch zwischen den USA und China statt. Russland hat die "Produktion" von Olympiasiegern aufgegeben.
5. Nein, bitte informieren Sie sich,
abcabab 30.12.2012
Zitat von gegenpressingWundert Sie das? Nach allem, was man weiß, wissen die Verbände doch genau bescheid. Aber gedopt wurde natürlich nur bei den Ossis
selbstredend wurde in der BRD analog gedopt, der oberste "Doping-Schirmherr" hiess damals Schaeuble und war als Innenminister fuer alle Vertuschungen zustaendig. Im Detail nachzulesen im Buch von Berendonk und Franke, "Doping-Dokumente", 1991, ISBN 3-540-53742-2, Springer Verlag.
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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)