Ex-Innenminister: Genscher bestreitet Doping-Mitwisserschaft

Er habe von Dopingprojekten in Westdeutschland keine Kenntnisse gehabt: Das erklärt der frühere Innenminister Hans-Dietrich Genscher. Zeitzeugenberichte in der Studie "Doping in Deutschland" hatten Fragen um seine Rolle aufgeworfen.

Früherer Innenminister Genscher: Keine Kenntnis von systematischem Doping Zur Großansicht
Getty Images

Früherer Innenminister Genscher: Keine Kenntnis von systematischem Doping

Hamburg - Der frühere Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher will keine Kenntnis von systematischem Doping in Westdeutschland in den siebziger Jahren gehabt haben. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ließ Genscher ausrichten, er habe von Dopingforschungsprojekten weder gewusst, sie auch nicht gefordert oder gar gefördert.

Der frühere FDP-Spitzenpolitiker, später als Außenminister berühmt geworden, war von 1969 bis 1974 als Innenminister auch für den Sport zuständig. Er soll laut der "Süddeutschen Zeitung" in dem rund 800 Seiten umfassenden Abschlussbericht der Studie "Doping in Deutschland" gleich von mehreren Zeitzeugen belastet worden sein.

So berichtet die "SZ", der der Bericht vorliegt, etwa von einem Wortwechsel zwischen einem namentlich nicht genannten Sportmediziner und einem verantwortlichen Politiker Anfang der siebziger Jahre: "'Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eins: Medaillen in München' (Austragungsort der Olympischen Spiele 1972 - d. Red.). Da habe ich gesagt: 'Herr Minister: Ein Jahr vorher? Wie sollen wir da noch an Medaillen kommen?' 'Das ist mir egal.'" Demnach soll es sich bei dem Politiker um den damaligen Bundesinnenminister Genscher handeln.

Weiter zitiert die "SZ" Ommo Grupe, früher Direktoriumschef des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), das dem Bundesinnenministerium (BMI) unterstellt ist und die Studie in Auftrag gegeben hat: "Einer der damaligen Innenminister hat den Satz geprägt: 'Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten.' Das kann ja als Begründung für ganz vieles herangezogen werden." Auch hier soll der Minister Genscher gemeint sein. Ein Funktionär von damals soll zudem berichtet haben, Genscher habe Medaillen bei Olympia gefordert, "koste es, was es wolle".

Genscher hatte am vergangenen Wochenende auf die Frage, ob Politiker vor den Spielen 1972 Druck auf den deutschen Sport ausgeübt hätten, der "Bild am Sonntag" gesagt: "Ich wüsste nicht, wer einen solchen Druck ausgeübt haben sollte. Ich halte das für völlig ausgeschlossen."

ham

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wenn es alle tun, warum nicht D auch?
commonsense2 07.08.2013
Alle Entscheidungen die getroffen warden, haben auch einen Zeitfaktor. Was frueher eben gang und gebe war, um Medaillen zu erkaempfen ist inzwischen nicht mehr offiziell ueblich. Eine andee Frage ist, ob sich die Athleten auch daran halten.
2. Diese Gedächtnisausfälle sind bei Politikern ..
blödföhn 07.08.2013
ja Standard. Das offensichtliche Leugnen so lange es geht und offensiv mit dem Finger auf andere Zeigen. Ich hab die Nase so voll von diesem unwürdigen Theater.
3. Nomen est omen
schnabelnase 07.08.2013
Zitat von blödföhnja Standard. Das offensichtliche Leugnen so lange es geht und offensiv mit dem Finger auf andere Zeigen. Ich hab die Nase so voll von diesem unwürdigen Theater.
Alle Zeitungsberichte, Enthüllungen und Studien entsprechen immer der absoluten Wahrheit und Politiker lügen ausnahmslos. Ist ein solcher Automatismus gerade in Mode? Wenn man alles der Politik in die Schuhe schiebt, kann man ja auch wunderbar vom Scheitern des eigenen Lebensentwurfs ablenken. So weit zum Zeigefinger.
4. Wollte er es denn überhaupt wissen?
dingensbummens 07.08.2013
Die Öffentliche Hand ist einer der größten Finanziers dieses Zweigs der Unterhaltungsindustrie. Neben Stadien, Infrastruktur und Personal ("Sportsoldaten" bei Bundeswehr und BGS) gibt es auch so sinnige Institutionen wie die sogenannte "Sporthilfe". Und daß man für das schöne Geld auch Erfolge sehen will, das liegt nicht nur auf der Hand, sondern ist durchaus auch beweisbar: So gibt das Innenministerium vor Olympiaden -wie einst "drüben"- die Anzahl der zu erzielenden Medaillen vor, ein Unterschreiten der Ziele wird direkt in der Kasse wirksam. In diesem Kontext erklärt sich dann auch prima, warum einst, die Radler-Doping-Affäre war gerade am Kochen, der Herr Bach einen Brandbrief an Bundestagsabgeordnete schrieb: Man möge, so teilte er sinngemäß mit, es mit den Antidoping-Aktivitäten nicht allzusehr übertreiben, die deutsche Leichtathletik erleide nämlich ansonsten einen "Wettbewerbsnachteil". (Quelle: Der Spiegel) Selten ein Funktionär mit solch unverlogenem Duktus. Vielleicht aber auch nur unabsichtlich: Kurz drauf hat er den Brief jedenfalls wieder zurückgezogen. Zeit genug zum Lesen war immerhin, insofern hätte bei jedem der Addressaten bei nur minimalem Denkaufwand jede verfügbare Warnlampe aufleuchten müssen. Aber so ganz genau wollte das wohl niemand wissen...
5. Etwas naiv Commensense
fred82 07.08.2013
In 10, 20 oder 50 Jahren wird man sehr wahrscheinlich erfahren, dass auch heute noch Doping von vielen Mitwissern toleriert und todgeschwiegen wird. Warum soll sich das inzwischen geändert haben. Aber es sind halt immer die anderen Sportarten, oder die anderen Länder ... Oder sonst eben meinetwegen meine favorisierte Sportart in meinem Land... aber ganz bestimmt nur damals ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles zum Thema Doping
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 30 Kommentare
  • Zur Startseite
Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)