Eagles-Quarterback Nick Foles König der Underdogs

Titelverteidiger New England geschlagen, Superstar Tom Brady gestürzt: Die Philadelphia Eagles verdanken ihren Triumph vor allem einem Quarterback, der eigentlich nur Ersatz ist. Alles Wichtige zum Spiel.


Die Ausgangslage: Langweilig, immer dasselbe. Die Patriots gewinnen doch sowieso. Das dachten viele Gelegenheits-Football-Fans, als sie hörten, dass Titelverteidiger New England schon wieder im Super Bowl steht. Auch bei den Buchmachern galt das Team um Superstar Tom Brady als Favorit auf den Sieg gegen die Philadelphia Eagles. Schließlich ist Brady der GOAT (Greatest of All Time) und hat im Gespann mit Patriots-Trainer Bill Belichik in den vergangenen 17 Jahren fünf Meistertitel gewonnen.

Das Ergebnis: Alle, die nicht wachgeblieben sind, weil sie ein einseitiges Spiel und den nächsten Patriots-Sieg erwartet haben, sollten sich ärgern. In einer spektakulären Partie gewannen die Eagles 41:33. Hier geht es zum Spielbericht.

Die Nationalhymne: Wurde von Rock-Pop-Star Pink sehr schön intoniert. Die hatte vor ein paar Jahren an die Adresse von George W. Bush mal "Dear Mr. President" gesungen. Vor dem Super Bowl warnte dessen Nachnachfolger Donald Trump - natürlich Fan der Patriots - alle Spieler, bloß nicht auf die Idee zu kommen, während der Hymne zu knien. Da können wir Entwarnung geben: Sowohl Pink als auch die Spieler standen.

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Super Bowl: Vom Underdog zum Champion

Das erste Viertel: Zeigte sofort, in welche Richtung sich dieser Super Bowl entwickeln sollte: zu einem offensiven Schlagabtausch ohne echte Gegenwehr der Verteidigung. Patriots-Quarterback Brady und Eagles-Spielmacher Nick Foles brachten fast jeden Pass zum Mann und marschierten fast nach Belieben mit ihren Teams übers Feld. Probleme hatten beide zu Beginn nur kurz vor der Endzone. Die ersten Drives endeten "nur" mit Field Goals. Zum ersten Touchdown kam Philadelphia nach über 13 gespielten Minuten.

Das zweite Viertel I: Begann mit zwei Schocks für die Patriots. Zunächst schoss Kicker Stephen Gostkowski ein Field Goal aus 26 Yards an die linke Torstange und verschenkte so drei sicher geglaubte Punkte. Dann musste Wide Receiver Brandin Cooks nach einem harten Tackle mit Verdacht auf Gehirnerschütterung vom Feld.

Ungewohnte Fehler: Eigentlich ist Gostkowski einer der besten Kicker der NFL. Heute leistete er sich gleich mehrere Fehler. Neben dem verschossenen Field Goal ließ er im zweiten Viertel auch einen Extrapunkt aus. In den sozialen Netzwerken war ihm der Spott damit sicher.

Das zweite Viertel II: Die Eagles machten einfach da weiter, wo sie im ersten Viertel aufgehört hatten. Sie erzielten Touchdowns. Einer ging auf das Konto von Ex-Patriot LaGarrette Blount, den zweiten fing (!) Quarterback Foles kurz vor der Halbzeitpause.

Ausgetrickst: Die Eagles punkteten in ihrem letzten Drive der ersten Hälfte mit einem Trickspielzug. Dabei fungierte Foles nicht wie gewohnt als Ballverteiler, sondern schlich sich nach rechts in die Endzone davon und wurde zum Passempfänger für Tight End Trey Burton, der ihm den Ball perfekt servierte. Die Patriots ließen sich davon überraschen, obwohl sie kurz zuvor denselben Trick versucht hatten. Allerdings hatte Brady einen Pass seines Wide Receivers Danny Amendola nicht fangen können.

Die Halbzeitshow: War nicht so spektakulär wie in den vergangenen Jahren. Justin Timberlake gab das erwartbare Medley seiner bekanntesten Hits zum Besten und hatte dabei mit Tonproblemen zu kämpfen. Der schönste Moment war die Hommage an den viel zu früh verstorbenen Prince, einen der bekanntesten Söhne der Stadt Minneapolis, der während einer Piano-Sequenz auf ein riesiges Banner projiziert wurde. Ein von manchen Fans erwarteter Gastauftritt von Janet Jackson als Erinnerung an "Nipplegate" blieb aus.

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Super-Bowl-Halbzeitshow: Timberlakes violette Hommage

Das dritte Viertel: Brachte eine deutliche Leistungssteigerung bei den Patriots und weckte so Erinnerungen an das Sensations-Comeback gegen die Atlanta Falcons im Vorjahr. Brady suchte und fand vor allem seinen Tight End Rob Gronkowski. Auch Chris Hogan erzielte einen Touchdown. New England verkürzte den Rückstand auf drei Punkte.

Das vierte Viertel: War das würdige große Finale eines begeisternden Spiels. Zunächst übernahmen die Patriots nach dem zweiten Touchdown von Gronkowski zum ersten Mal die Führung. Doch die Eagles schlugen umgehend zurück: Zach Ertz sprang in Superman-Manier in die Endzone. New England blieben gut zwei Minuten, um die Partie abermals zu drehen und erneut den Super Bowl zu gewinnen. Die Bühne schien bereitet für einen typischen Brady-Moment. Doch es kam anders als erwartet.

Defense wins Championships: Selten war die wohl bekannteste US-Sport-Plattitüde ("Offense wins games, defense wins Championships") so wahr wie in diesem Spiel. In einem Super Bowl, der von zwei überragenden Quarterbacks und ihren starken Angriffsreihen dominiert wurde, war die entscheidende Aktion einem Verteidiger vorbehalten: Brandon Graham brachte Brady zwei Minuten vor Spielende zu Fall und schlug ihm dabei den Ball aus den Händen. Philadelphia bekam das Angriffsrecht zurück. Damit war die Partie de facto entschieden.

Ein Spiel für die Rekordbücher: Gemeinsam haben die Angriffsreihen beider Teams 1.151 Yards Raumgewinn erzielt - und damit den bisherigen Super-Bowl-Rekord um mehr als 200 Yards überboten. Die Patriots sind das erste Team, das mit über 600 Yards ein NFL-Finale verloren hat, und New Englands Hogan und Amendola haben als erstes Receiver-Paar in einem Super Bowl jeweils Pässe für über 120 Yards gefangen. Nur geholfen hat es nicht, weil auch Eagles-Quarterback Foles einen Rekordtag erwischte.

Der ultimative Underdog: Philadelphia ist die Stadt der Außenseiter. Nicht umsonst ist Sylvester Stallones "Rocky" hier zu Hause. Die Eagles haben sich so sehr mit der Rolle der Underdogs identifiziert, dass ihre Fans Hundemasken trugen. Kein Wunder, dass sie von einem Quarterback zu ihrem ersten Super-Bowl-Triumph geführt wurden, der eigentlich gar nicht ihr Quarterback sein sollte. Carson Wentz ist der etatmäßige Spielmacher in Philadelphia. Nur weil er sich kurz vor Ende der regulären Saison das Kreuzband gerissen hatte, kam Foles überhaupt zum Einsatz. Und brillierte mit einer Vorstellung, die ihm vollkommen zu Recht die Auszeichnung als wertvollster Spieler (MVP) einbrachte. Die Frage ist, wie es weitergeht. Vermutlich wird Foles Philadelphia verlassen, weil Wentz gesetzt sein dürfte, wenn er seine Verletzung auskuriert hat.

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Max Super-Powers 05.02.2018
1.
Sehr, sehr angenehm, mal den "FC Bayern der NFL" so schön straucheln zu sehen. Ach, wäre es doch auch bei uns einmal so.
ollis.post 05.02.2018
2.
Super. Erst hebt ihr mehrere male Tom Brady in den Himmel, und weil leider leider der Gegner gewonnen hat kommt nun der „Ersatz“ Ganz großes Kino.
dawuidesiach 05.02.2018
3. Traurig...
keiner hatte den Mumm zu knien...
wiescheid 05.02.2018
4. Frage an die Fans und Experten
Guten Morgen, da es hier und in anderen Berichten so betont wird, was ist das besondere daran, einen Touchdown zu fangen? Ich weiß, meist läuft man in die Zone, aber ich finde ein fangen (zumindest theoretisch) jetzt auch nicht so ungewöhnlich. Da ich nahezu keine Ahnung von Regeln und Taktik habe, stellt sich mir die eventuell blöde Frage. Danke!
Ronnie68 05.02.2018
5. ... und Sie würden knien ....?
Zitat von dawuidesiachkeiner hatte den Mumm zu knien...
Schon mal den Namen Colin Kaepernick gehört und welche Folgen dass hatte? Dumm dahergeschwätzt und von anderen Zivilcourage eingefordern ist ziemlich einfach... mit den Folgen leben allerdings weniger. James Harrsion vielleicht, aber nur wenn er danach dran denken würde auszuwandern. Think before post, please.
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