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Ehemaliger NFL-Profi Pear: "Lassen Sie Ihre Kinder nicht Football spielen. Niemals!"

Ein Interview von , Washington

NFL: Wenn der Football zum Albtraum wird Fotos
AP

Am Sonntagabend steigt in Santa Clara der Super Bowl. Dave Pear hat ihn vor 35 Jahren gewonnen. Doch der Football ruinierte seinen Körper und sein Gehirn. Hier spricht er über den Hass auf seinen Sport und die NFL.

Ein Interview für ein deutsches Medium? Dave Pear freut sich. "Es ist schön, wenn auch außerhalb unseres Landes die Debatte darüber beginnt, wie gefährlich der Football ist", sagt er. Pear weiß, wovon er spricht. Der Sport hat ihn ruiniert. Er hat sechs Jahre in der nordamerikanischen Profiliga NFL gespielt. Jetzt ist er 62 und lebt als Schwerbehinderter mit seiner Familie bei Seattle.

Vor Jahren gründete Pear ein Blog, mit dem er die Diskussion über die Risiken der Sportart vorantreibt. Angesichts etlicher Selbstmorde unter ehemaligen NFL-Spielern hat die Debatte in den USA die Mitte der Gesellschaft erreicht. Die Hirnkrankheit CTE, die inzwischen bei zahlreichen Ex-Profis posthum festgestellt wurde, ist zur Chiffre für die Gefahren des Football geworden.

Auch bei Pear wurden Gehirnschäden diagnostiziert. Er entschuldigt sich vorab dafür, dass das Gespräch schwierig werden könnte. Mehrfach braucht er Pausen, es fällt ihm schwer, sich zu konzentrieren. Aber er will seine Botschaft loswerden. "Lassen Sie Ihre Kinder nicht Football spielen", sagt er: "Niemals!"

SPIEGEL ONLINE: Vor 35 Jahren, am 21. Januar 1981, haben Sie mit den Oakland Raiders den Super Bowl gewonnen. Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag?

Pear: Ach, wissen Sie, natürlich waren da ein paar schöne Momente. 75.000 Menschen waren im Stadion. Es war das Spiel, in dem man als Footballer sein will, und wir waren am Ende die Helden. Es gab eine Riesenfeier, auf der habe ich vielleicht für eine gewisse Zeit meine Leiden vergessen habe. Aber insgesamt erinnere ich mich nicht gerne an diesen Tag.

Football und Gewalt

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie am 21. Januar 1981 gespielt?

Pear: Ich habe etwa 20 Spielzüge gespielt. Da waren ein paar gute Aktionen dabei, das muss ich schon sagen. Mein Gegenüber war Ron Jaworski, der Quarterback der Eagles. Er hatte damals ein großes Jahr hinter sich. Ich habe ihn zweimal zu Boden gerissen und einmal so unter Druck gesetzt, dass er einen Fehlpass spielte. Manchmal google ich die Videos von damals und schaue mir das noch mal an.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren sechs Jahre Defensivmann bei drei verschiedenen NFL-Teams, haben eine Meisterschaft gewonnen, wurden zweimal für den Pro Bowl nominiert, das All-Star-Spiel. Trotzdem wünschen Sie sich heute, Sie hätten nie zum Football gefunden. Warum?

Pear: Ich bin ein körperliches Wrack, lebe ununterbrochen mit Schmerzen. Ich habe 13 Operationen an der Wirbelsäule hinter mir. Ich habe zwei künstliche Hüften. Gerade habe ich meinen rechten Arm operieren lassen. Im Sommer ist die Schulter dran. Es hört einfach nie auf. Und trotzdem weiß ich: Es gibt Kollegen, denen geht es deutlich schlechter. Sie sind obdachlos oder sozial isoliert. Ich habe eine Familie mit zwei tollen Kindern. Mit geht es vergleichsweise gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Pear: Ich kann schon noch was machen, ich liege nicht nur im Bett. Ich stehe morgens auf. Meine Frau hilft mir dabei, dann wackle ich ein wenig durchs Haus, oder ich lese in der Bibel. Ich schlucke am Tag ungefähr 15 Pillen. Mein Neurologe nennt sie "Designer-Drogen". Sie sollen angeblich gegen alles Mögliche helfen, gegen Schmerzen, Depressionen, Nervenleiden. Wir leben am See, manchmal gehe ich dort mit meinen Krücken spazieren. Aber es ist alles sehr mühsam. Mein Gehirn ist vom Sport beschädigt.

SPIEGEL ONLINE: Woran merken Sie das?

Pear: Ich habe Schwindelanfälle, sehe verschwommen, habe richtige Aussetzer. An alte Geschichten erinnere ich mich noch ganz gut. Es ist eher so, dass ich am Ende eines Satzes nicht mehr weiß, wie ich ihn angefangen habe. Wenn ich fernsehe oder lese, strengt mich das wahnsinnig an. Ich schlafe dann oft einfach ein, döse weg, mitten am Tag. Oder ich werde aggressiv. Von null auf hundert in ein paar Sekunden. Es ist noch nichts Schlimmes passiert. Aber ich mache jetzt einen Kurs in Wutmanagement. Sie können sich vorstellen, dass solche Anfälle das Familienleben nicht einfacher machen.

SPIEGEL ONLINE: Ähnliche Symptome haben Spieler beschrieben, bei denen chronisch traumatische Enzephalopathie (CTE) diagnostiziert wurde, schwere Gehirnschäden also. Die Krankheit kann bisher nur nach dem Tod nachgewiesen werden. Fragen Sie sich manchmal, ob Ihre Beschwerden auch andere Gründe haben könnten als Football?

Pear: Nein, nie.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher?

Pear: Schauen Sie, Football war damals noch brutaler als heute. Wir sind wie Krieger gewesen, die aufeinander losgegangen sind. Alles war erlaubt. Kopf in den Bauch, Beine voraus, Bodychecks aus vollem Lauf. Im Jahr 1977 habe ich mich in einen Gegenspieler gerammt und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Es war, als wenn Elektroschocks durch meinen Körper zuckten. Eine Bandscheibe war verrutscht, ich war eine Woche im Krankenhaus. Doch unsere Teamärzte sagten: Alles in Ordnung, weiter geht's. So ging das ständig.

SPIEGEL ONLINE: Jeder normale Mensch würde nach einer solchen Verletzung sagen: Ich mache mal Pause und erhole mich.

Pear: So geht das nicht in der NFL. Die Ärzte, die Trainer, sie geben einem ständig das Gefühl, ein Weichei zu sein. Wenn du laufen kannst, kannst du auch spielen - das war die Linie, und sie ist es bis heute. Man selbst sagt sich: Das kannst du schon irgendwie abschütteln. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich zwei Jahre mit dieser Verletzung auf dem Platz gestanden habe. Der Super Bowl war mein letztes Spiel. An dem Abend habe ich meine Arme nicht mehr richtig nach oben bewegen können.

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Super-Bowl-Sieger: Von Montana bis Brady
SPIEGEL ONLINE: Chris Borland hat kürzlich seinen Rücktritt vom Profi-Football verkündet, weil er Angst um seine Gesundheit hatte. Borland hatte erst ein Jahr gespielt, bei den San Francisco 49ers. Warum war ein früher Rücktritt für Sie keine Option?

Pear: Wir wussten doch damals nicht, wie gefährlich der Sport ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber man hätte es ahnen können, bei den Verletzungen, die Sie hatten.

Pear: Von uns wurde damals ausdrücklich verlangt, den Kopf von Spielern zu treffen. Die NFL verkaufte diese Videos, auf denen zu sehen war, wie jemand nach einem Check ohnmächtig wurde. Heute kursieren abschreckende Fotos von Spielergehirnen, die nur noch wie Klumpen aussehen. Es gibt Todesfälle, Kollegen bringen sich um. Das war alles damals noch nicht so. Wir sind ins Stadion gelaufen, weil wir besessen von diesem Sport waren und die NFL uns das Gefühl gab, etwas ganz Besonderes zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eine wichtige Stimme in der Debatte um die körperlichen Gefahren, die durch Football entstehen, und werfen der NFL vor, sich nicht um Betroffene zu kümmern.

Pear: Das Internet hat vieles verändert. Früher dachte man, man sei der Einzige mit den Problemen. Jetzt fangen die Betroffenen an zu reden, sich zu vernetzen. Ich mache das alles nicht aus enttäuschter Liebe oder aus Rache. Ich habe dieses Spiel freiwillig gespielt, die NFL hat mich nicht gezwungen. Ich habe auch nie ein Problem damit gehabt, meinen Körper zu schinden.

SPIEGEL ONLINE: Was kritisieren Sie konkret?

Pear: Mich macht es wütend, dass die NFL bis heute den Sport verharmlost und glorifiziert. Nicht einmal das Problem der Gehirnerschütterungen wird wirklich ernst genommen. Seit Jahren versucht die Liga, sich an dieser Diskussion vorbeizumogeln. Aus meiner Erfahrung und der von anderen Kollegen kann ich sagen: Lassen Sie Ihre Kinder nicht Football spielen. Niemals!

SPIEGEL ONLINE: Nicht alle Ex-Spieler haben Beschwerden wie Sie. Und unter bestimmten Umständen bietet die NFL betroffenen Footballern finanzielle Hilfe an. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass das Bewusstsein für das Risiko steigt?

Pear: Das ist doch Augenwischerei. In meiner Zeit gab es so etwas nicht, und auch heute musst du halb tot sein, um in den Genuss der NFL-Hilfe zu kommen. Ich kämpfe seit 1979 um eine Schwerbehindertenrente der NFL, habe noch während meiner Karriere damit angefangen. 1995 schickte mich die Liga zu einem Arzt. Er bescheinigte mir eine 80-prozentige Schwerbehinderung, hervorgerufen durch den Football. Mein Antrag wurde abgelehnt.

SPIEGEL ONLINE: Bis heute kriegen Sie nichts?

Pear: Seit ein paar Jahren bekomme ich ungefähr 3000 Dollar monatlich aus der staatlichen Sozialversicherung. Ich habe für meine Operationen allerdings schon 600.000 Dollar aus eigener Tasche zahlen müssen, mehr, als ich je verdient habe in der NFL. Zu meinen Arztkosten hat die NFL keinen Cent beigesteuert. Und ich bin sicher, das ist bei vielen anderen Kollegen ähnlich. Die NFL kümmert sich nicht um uns. Sie wartet einfach darauf, dass wir wegsterben.

SPIEGEL ONLINE: Warum tut sich die NFL Ihrer Meinung nach so schwer mit Hilfen für Ex-Spieler?

Pear: Ein Grund ist Gier. Mit der NFL ist ein Milliardengeschäft verbunden. Wenn zu vielen Leuten aufgrund des Sports eine Schwerbehinderung bescheinigt wird, wird kaum noch jemand Football spielen. Der andere Grund ist unsere Kultur. Amerikaner lieben diesen Sport so, wie er ist. Football ist für sie ein Gladiatorenkampf. Amerikaner wollen es krachen sehen. Wir leben in einer gewalttätigen Gesellschaft, und Football ist ein Ausdruck davon. Jede neue Regel verändert den Charakter des Spiels, das ist die große Angst der NFL.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sagen, dass der Football früher anders war als heute. Die Liga hat die Regeln immer wieder verschärft. Seit dieser Saison gibt es Strafen dafür, wenn jemand vorsätzlich auf den Kopf eines Spielers zielt.

Pear: Football sicher machen? Das ist reine Illusion. Wenn Football überleben will, muss die Liga den Spielern den Helm wegnehmen. Ansonsten kriegen sie nie ein Gefühl dafür, wie schwer die Kollisionen sind. Und an jeden Spielervertrag muss eine Warnung geheftet werden: Dieser Sport kann Ihre Gesundheit ruinieren. So wie beim Tabak.

SPIEGEL ONLINE: Am Sonntag ist Super Bowl. Schalten Sie den Fernseher an?

Pear: Mal sehen. Vielleicht in der zweiten Halbzeit ein bisschen. Es kostet mich eben immer viel Kraft. Wahrscheinlich schlafe ich wieder ein.

Zur Person
  • imago
    Dave Pear, 62, ist ehemaliger NFL-Profi. Zwischen 1975 und 1981 war Pear "Defensive Lineman" für drei verschiedene Teams. Mit den Oakland Raiders gewann er 1981 den Super Bowl. Zudem wurde er zweimal in seiner Karriere für den Pro Bowl nominiert, das All-Star-Spiel. Pear verletzte sich während seiner Karriere mehrfach schwer. In den vergangenen 30 Jahren hat er sich etlichen Rückenoperationen unterziehen müssen, zudem hat er erhebliche Wahrnehmungsprobleme und Gedächtnisstörungen. Seit Jahren liegt Pear im Streit mit der NFL um finanzielle Hilfen und ist eine der prominenten Stimmen in der Debatte über die Gefahren beim Football. Er betreibt ein Blog, mit dem er auf das Thema aufmerksam macht. Zudem engagiert er sich in mehreren Organisationen, in denen sich betroffene Ex-NFL-Spieler zusammengeschlossen haben.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
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1. schon schlimm
scottbreed 07.02.2016
Wenn es ihn nicht gepasst hätte dann hätte er jederzeit aufhören können. denn keiner hat ihn gezwungen diesen Sport zu machen.. Das Football ein harter Sport ist , das sind Dinge die weiß man vorher. Hinter rumjammern ist in meinen Augen richtig schwach. Außerdem hätte er spätestens bei de ersten verletztung zu Arzt gehen können oder auch aufhören können..
2.
vox veritas 07.02.2016
Es wäre interessant zu wissen, ob diese Art von Verletzungen auch beim britischen Rugby vorkommen.
3.
outsider-realist 07.02.2016
Zitat von scottbreedWenn es ihn nicht gepasst hätte dann hätte er jederzeit aufhören können. denn keiner hat ihn gezwungen diesen Sport zu machen.. Das Football ein harter Sport ist , das sind Dinge die weiß man vorher. Hinter rumjammern ist in meinen Augen richtig schwach. Außerdem hätte er spätestens bei de ersten verletztung zu Arzt gehen können oder auch aufhören können..
Schwach ist eher ihr Kommentar. Mit ihrer Begründung könnten Sie jede Tätigkeit mit Berufsrisiko ad absurdum führen, indem sie die Invalidenrente abschaffen. Jeder Betroffene hätte ja was anderes machen können. Sie machen es sich sehr einfach, aber wahrscheinlich nur so lange, wie sie selbst nicht betroffen sind.
4.
Boesor 07.02.2016
Der Vorteil der aktuellen Spielergeneration wird angesprochen: Bessere Traings- und Spielregeln und bessere Kenntnisse über die Risiken. Wieviel sicherer ersteres das Spiel gemacht hat wird man später beurteilen können. Letzteres gibt den Spielern bessere Möglichkeiten zur Einschätzung des Risikos. Letztlich tauscht man die Gesundheit gegen Geld und ich hoffe für die meisten ist es ein guter Tausch.
5. Na klar!
habbadayud 07.02.2016
Und von Luft und Liebe leben, oder seine Arztrechnungen selber zahlen. Was ist von einer "Sport"Art zu halten,bei der jeder Spieler in der gesamten Liga von ein und derselber Organistation bezahlt wird, der Nfl? Dann lieber Catchen, da weiss man das es eine "Show" ist und der Gewinner seit langem feststeht. Ihr Vorschlag ist so sinnig wie der, Hungernden zu empfehlen, einfach mehr zu essen.
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