Der siegreiche Cheftrainer im Super Bowl heißt auf jeden Fall Harbaugh. Offen ist nur, ob sein Vorname Jim oder John lautet. Der eine ist Cheftrainer der San Francisco 49ers. Der andere ist Cheftrainer der Baltimore Ravens. Und am Sonntag treffen ihre Teams im Finale der US-amerikanischen Footballliga NFL aufeinander.
Sportlich betrachtet ist das ein kleines Wunder, weil in der NFL jährlich viele Übungsleiter ausgetauscht werden. Bei 32 Teams ist die Chance, Brüder als Cheftrainer im Finale zu haben, verschwindend gering.
Die Medien nehmen Harbaugh gegen Harbaugh dankend an. Die Geschichte eines Endspiels - des Endspiels im US-Sport - als Duell zweier Brüder symbolisiert das Wesen der NFL, heruntergebrochen auf zwei Männer: sportlicher Wettkampf, Triumph, Niederlage - und Entertainment verbunden mit menschelnden Familiengeschichten. "Sie teilen sich die Super-Bowl-Bühne so, wie sie früher ein Zimmer teilten", schrieb "Sports Illustrated".
Bis Sonntag bekommen in den USA wohl nur die Obamas, Clintons oder die Kardashians ähnlich viel Aufmerksamkeit wie die Harbaughs - Papa Jack, Mama Jackie, Schwester Joani und die beiden Brüder. Nicht umsonst twitterte der Zeitungskolumnist Steve Politi, nachdem die Super-Bowl-Paarung feststand: "Hi, ist da Jack Harbaugh? Ja, hier sind die Medien. Alle 10.000 von uns. Können wir vorbeikommen und Ihre Familienfotos sehen?"
"Tun Sie nichts, um seinen Siegeswillen zu schmälern"
Die Harbaughs spielen die Sache herunter. "Schreiben Sie wirklich darüber?", fragte John bei einem Pressegespräch. "Es geht hier nicht gerade um Churchill und Roosevelt." Mitgemacht hat die Familie trotzdem. Fotos aus Kindertagen sind zu sehen, in US-Medien kursieren viele Anekdoten aus der Geschwistergeschichte. Zum Beispiel...
Wenn die Harbaughs bei den Geschichten eines betont haben, dann ist es ihr Wille, besser als andere zu sein. "Sie sollen begreifen, dass jeder Tag ein Kampf ist", hat Vater Jack einmal gesagt.
Das prägt - und diesen Wesenszug haben Jim, 49, und John, 15 Monate älter, behalten. Ansonsten aber, schrieb die "New York Times", sei es unmöglich, die unterschiedlichen Charaktere zu übersehen. Das mag daran liegen, dass Jim bislang meist der Überflieger war, während sich John seine Erfolge im Vergleich hartnäckig erarbeiten musste.
Der Jüngere impulsiv, der Ältere nachdenklich
Jim war Star seines Highschool-Teams, seiner Mannschaft an der Universität von Michigan und schließlich während einer 14-jährigen NFL-Karriere als Quarterback, in der er auch für die Ravens spielte. Er ließ sich nie beirren. Als er bei den Chicago Bears unter Vertrag stand und wiederholt zu Boden gebracht wurde, sagte er, deswegen werde er seinen Stil nicht ändern. "Man wird geboren, spielt, trainiert und stirbt." Nach seiner aktiven Zeit folgten zehn Jahre als Assistenztrainer. An der Universität von San Diego und dann an der Uni Stanford hatte er unmittelbar Erfolg, ebenso wie bislang in seinen zwei Jahren bei den 49ers.
Jim ist an der Seitenlinie sehr impulsiv, schreit, wirft Dinge, legt sich mit Schiedsrichtern an. John gilt als freundlicher, nachdenklicher, ausgeglichener. Das mag damit zusammenhängen, dass sein Weg zum Cheftrainer mühseliger war. Er musste Jahrzehnte auf eine Chance warten.
Der ältere Bruder spielte nach seiner Schulzeit an der im Vergleich zu Michigan prestigearmen Miami University in Ohio als Verteidiger und wurde nie Profi. Von 1984 bis 2008 war er an Colleges und in der NFL Assistenztrainer, ehe er in Baltimore seine Chance bekam. In jedem Jahr bei den Ravens hat er mindestens ein Playoff-Spiel gewonnen, eine exzellente Bilanz - doch für viele Kritiker immer noch nicht genug.
Mit einem Sieg am Sonntag hätte er Jim endlich etwas voraus.
Bislang war die Rivalität der Brüder in der NFL kein familieninternes Problem, weil die Ravens in der American Football Conference und die 49ers in der National Football Conference spielen. So treffen die Teams in der regulären Saison äußerst selten aufeinander, bislang erst einmal - am 24. November 2011 gewannen Johns Ravens 16:6.
Fassade aus jovialer Brüderlichkeit wirkt manchmal brüchig
Die einzig andere Möglichkeit einer Begegnung Baltimore - San Francisco bietet außer Testspielen der Super Bowl. Und dort, im größten Spiel, das die Sportart zu bieten hat, begegnen sich Jim und John nun auf Augenhöhe.
Viele Trainer erreichen das NFL-Finale nie, manche nur ein einziges Mal - diese Chance gilt es zu nutzen. Wer eine Meisterschaft gewinnt, hat seinen Platz in der Footballgeschichte sicher. Da kann man selbst auf den Bruder keine Rücksicht nehmen. Jim sagte, im Finale gegen John anzutreten, sei Segen und Fluch zugleich.
Und deshalb wirkt die Fassade aus jovialer Brüderlichkeit angesichts des gewaltigen Erfolgsdrucks und des Ehrgeizes der beiden manchmal brüchig. "'Geschwisterrivalität' ist ein Euphemismus, eine zu saubere Phrase für eine dreckige Angewohnheit, die nie aufhört, ganz egal, wie zahm sich die Harbaughs in ihren Pressekonferenzen vor dem Spiel geben", schrieb "Sports Illustrated".
Vater Jack, selbst jahrelang Footballtrainer, weiß das. Befragt nach seinem Wunschergebnis, sagte er: "Ich weiß, dass einer gewinnen und einer verlieren wird, aber ich wünschte, es ginge unentschieden aus."
Daraus wird nichts. Der geschlagene Cheftrainer im Super Bowl heißt auf jeden Fall Harbaugh. Offen ist nur, ob sein Vorname Jim oder John lautet.
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