NFL-Star Ray Lewis Geliebte Hassfigur

Er zitiert gern die Bibel, weint auf dem Feld - und war bei einem Mord dabei: Ray Lewis ist eine der schillerndsten Figuren der NFL und gibt sich als Anführer seines Teams. Der Super Bowl ist nach 17 Jahren in der Liga seine letzte Partie. Ist er Held oder Bösewicht, Geläuterter oder Blender?

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Zehntausende Zuschauer johlen, die Stimme des Stadionsprechers überschlägt sich, aus den Lautsprechern dröhnt "Hot in Herre" von Nelly. Der Eingang des Spielertunnels ist in Rauch gehüllt, die Bühne bereitet für Ray Lewis' großen Auftritt. Er kommt aus dem Tunnel wie ein Raubtier aus seinem Bau. Er schlägt sich auf die Brust, gleitet von links nach rechts, schreit gen Himmel, rudert mit den Armen.

Dieses Schauspiel ist Lewis' Markenzeichen geworden. Die Botschaft lautet: Hier kommt nicht bloß ein Footballspieler, sondern eine Naturgewalt mit Helm und Schulterpolstern.

Viele Jahre ist Lewis bei Heimspielen seiner Baltimore Ravens so vorgestellt worden. Nun bereitet er sich auf die letzte Partie seines Lebens vor. Am Sonntag spielt der 37-Jährige im Super Bowl mit den Ravens gegen die San Francisco 49ers. Nach der Partie tritt er ab.

Es ist das Spiel seines Lebens, weil es die Frage nach seinem Vermächtnis aufwirft: Wer ist Ray Lewis? Lewis hat eine Biografie, aber zwei Geschichten.

Tödlicher Streit in Atlanta

Die eine geht so: Ein Junge wächst, aufgezogen von der Großmutter, in einem ärmlichen Viertel von Lakeland in Florida auf. An der Universität von Miami wird er zum Footballstar und anschließend in der NFL bei den Baltimore Ravens Profi. Seine ganze Karriere hält er dem Team die Treue, spielt auch bei den Profis überragend. Im letzten Spiel seiner Karriere hat er die Chance, seine zweite Meisterschaft zu gewinnen.

In dieser Geschichte ist Ray Lewis ein Held.

Die andere Version geht so: Ein Junge aus bescheidenen Verhältnissen wird dank seines sportlichen Talents reich und berühmt. Er ist einer der Superstars der NFL, als er und zwei Kumpel am 31. Januar 2000 in Atlanta mit zwei anderen Männern in Streit geraten. Am Ende sind die beiden anderen tot, erstochen. Das Trio um Lewis wird wegen Mordes angeklagt. Er sagt gegen seine Begleiter aus, die Mordanklage gegen ihn wird fallengelassen. Er erklärt sich der Behinderung der Justiz für schuldig und wird zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Die NFL verhängt 250.000 Dollar Strafe, auch die Familien der Getöteten bekommen Geld. Bis heute wurde niemand wegen der Morde verurteilt. "Viele glauben immer noch, Lewis ist mit einem furchtbaren Verbrechen davongekommen", bilanziert "Yahoo Sports".

In dieser Geschichte ist Ray Lewis ein Bösewicht.

Es ist unmöglich, sich bei ihm für eine Variante zu entscheiden. Lewis polarisiert, und selten stand er mehr im Fokus als nun, in der Woche vor dem Super Bowl.

Sicherer Kandidat für die NFL-Ruhmeshalle

Seine Karriere wäre schon sportlich bemerkenswert. Als er in die Liga kam, war Bill Clinton in seiner ersten Amtszeit als US-Präsident. Der erste Quarterback, den Lewis mit einem "Sack" zu Boden brachte, war am 13. Oktober 1996 Jim Harbaugh. Der ist heute Chefcoach der 49ers und Bruder von Ravens-Cheftrainer John Harbaugh.

In der NFL, wo die durchschnittliche Spielerkarriere weniger als vier Jahre dauert, spielt Lewis seit 17 Jahren fast ohne Verletzungspausen. Von den Spielern, die am 28. Januar 2001 die erste Meisterschaft für die Ravens holten, ist nur noch er im Kader übrig geblieben. Niemand spielt so lange in der NFL, wenn er nicht gut ist. Lewis war zweimal Verteidiger des Jahres, gilt als einer der besten Linebacker der Geschichte, als sicherer Kandidat für die NFL-Ruhmeshalle.

Seine Leistungen auf dem Feld reichen aber nicht aus, um die Ikone Lewis zu erklären. Andere haben Ähnliches erreicht, ohne seinen Status zu erhalten. Lewis' Geheimnis liegt in der Wucht seiner Person.

Wenn er Teamkollegen vor Spielen auf Betriebstemperatur bringt, ist er ein wandelndes Football-Phrasenschwein: "Spielen bis zum Abpfiff", "Heute ist unser Tag", "Niemand schlägt uns in unserem Haus". Aber Lewis trägt die Floskeln mit so viel Inbrunst vor, dass niemand wagt, ihn nicht ernst zu nehmen.

"Die Ray Lewis Show hat seit 17 Jahren gute Einschaltquoten"

Der 37-Jährige gibt sich als Anführer der Ravens, und Teamkollegen bestärken ihn in dieser Position. "Die Haare auf den Armen stellen sich auf", sagte Trent Dilfer, Lewis' Teamkollege bei Baltimores erstem Super-Bowl-Triumph, über die Ansprachen von Nummer 52. "Dein Puls steigt. Wenn Rays Leidenschaft für eine Sache geweckt ist, in Worten und Taten, fühlst du dich ähnlich."

Lewis ist zwischen vielen austauschbaren Spielern ein echter Typ, bedient die Gier nach Geschichten, nach Emotionen. "Er kann nicht abschalten, wenn das rote Licht der Kameras leuchtet. Die Ray Lewis Show hat seit 17 Jahren gute Einschaltquoten", schrieb die "Baltimore Sun".

Als vor dem Halbfinale gegen die New England Patriots die Nationalhymne gespielt wurde, liefen ihm die Tränen übers Gesicht. Nachdem die Ravens das Spiel gewonnen hatten, kauerte er auf dem Spielfeld und heulte wie ein Kleinkind. Bei Pressekonferenzen zitiert er neuerdings gern Bibelverse. Auf jene Mordnacht in Atlanta angesprochen, sagt Lewis, seines Wissens habe noch niemand ein perfektes Leben gelebt.

Ist das alles echt - die zur Schau gestellte Religiosität, die Tränen, die Tanzeinlagen, die übertrieben anmutenden Motivationsversuche, die Wandlung zum Musterbürger? Ist Lewis der bessere Mensch geworden, als den ihn viele Amerikaner nun sehen wollen? "Glauben Sie, dass Schurken Helden werden können?", fragte ESPN.

Das Image bekommt Risse

Vielen fällt es schwer, dies zu bejahen. Lewis' Gehabe und Theatralik gehen allmählich selbst wohlwollenden Betrachtern auf die Nerven. Er spricht viel von Team, aber oft scheint es, als höre man "ich", wenn er "wir" sagt. Lewis liebe seine Mitspieler, aber auch sich selbst, schrieb die "Baltimore Sun". "Deshalb spricht er von sich in der dritten Person." Und Peter King, einer der renommiertesten Football-Journalisten der USA, glaubt, dass "Amerika genug von Ray Lewis hat".

Insbesondere, weil Lewis' Image Risse bekommt. Am 14. Oktober verletzte er sich im Spiel gegen die Dallas Cowboys am rechten Trizeps. Die Saison und damit auch die Karriere schien vorbei. Stattdessen überzeugte Lewis bei den Playoff-Siegen der Ravens.

Ein Artikel in "Sports Illustrated" legt nun nahe, dass Lewis sich an eine zweifelhafte Firma wandte und ein Mittel mit verbotenen Substanzen für eine schnellere Genesung nutzte. Lewis nannte den Artikel eine "Dummheit", äußerte sich aber nicht zu den konkreten Vorwürfen.

Er spricht lieber über andere Dinge. Über die wohltätige Arbeit der nach ihm benannten Wohltätigkeitsorganisation zum Beispiel. Lewis sagt, sein Charakter bestehe darin, die Welt besser zu machen. Die Leute hätten sich Zeit genommen, um herauszufinden, wer er sei.

Held oder Bösewicht, Anführer oder Selbstdarsteller, Geläuterter oder Blender?

Ray Lewis ist immer beides. Und deshalb fasziniert er.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
sincere 02.02.2013
1. optional
Ray Lewis ist "the last of a dying breed" auf seiner Position. Es gibt keinen der so gut, SO lange gespielt hat und deshalb würde ich mich für ihn sehr freuen wenn er morgen nochmal gewinnt.
Pango 02.02.2013
2. Welcher Herr ist hot?
"Hot in Herre" - also 'Here' sollte der Autor auch als Novize der Sprache kennen ...
GhostR 02.02.2013
3.
Zitat von Pango"Hot in Herre" - also 'Here' sollte der Autor auch als Novize der Sprache kennen ...
Es geht um das Lied von Nelly "Hot in Herre". Hot in Herre (http://de.wikipedia.org/wiki/Hot_in_Herre) Wenn man keine Ahnung hat...
mindless 02.02.2013
4. Hot in herre
Is richtig geschrieben, der Track von Nelly heißt so...
haajan 02.02.2013
5. Die haben doch
alle einen Hirnschaden
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