Michael Oher steht auf dem Spielfeld des Mercedes-Benz Superdome von New Orleans und schaut hinauf unter das riesige Dach. Oher, 1,93 Meter groß, 143 Kilogramm schwer, wirkt beeindruckt von der Imposanz der Arena, in der am Sonntag das größte Finale des Weltsports stattfinden wird, der Super Bowl. Dort treffen die San Francisco 49ers auf die Baltimore Ravens, für beide Teams geht es um ihren Platz in der Sportgeschichte.
Für Michael Oher geht es um den endgültigen Triumph über das Schicksal.
Den Traum vom Super Bowl haben viele Footballer. Für den 26 Jahre alten Oher war er aber von Anfang an nur eine Utopie. Da, wo er aufwuchs, führte kein Weg in eine glanzvolle Zukunft und schon gar nicht rauf auf Amerikas größte Sportbühne. Als Michael Jerome Oher am 28. Mai 1986 in Memphis geboren wurde, war sein Weg vorgezeichnet, er führte ihn direkt in Armut und Obdachlosigkeit. In der Nacht von Sonntag auf Montag steht der Verteidiger nun vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Er sagt: "Ich bin einen langen Weg gegangen, um diese Gelegenheit zu haben."
Oher hatte elf Geschwister. Seine ersten Erinnerungen sind jene, als er mit seinen älteren Brüdern einen Highway in Memphis entlangging, auf der Suche nach einer Unterkunft und etwas zu essen. Oher war zwei Jahre alt, die drogenabhängige Mutter hatte die Kinder mal wieder ausgesperrt oder war schlichtweg einige Tage verschwunden. Der Vater saß, wie so oft, im Gefängnis. So hat es Oher in seinem 2010 publizierten Buch "I beat the odds" (Ich habe den Widrigkeiten getrotzt) geschrieben. Mit dem Werk, sagt Oher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, wolle er Kinder inspirieren, die in ähnlichen Situationen aufwachsen wie er einst. "Sie sollen wissen, dass sie mit der richtigen Einstellung alles erreichen können - auch ohne eine reiche Adoptivfamilie."
Oher ging in neun Schuljahren an elf verschiedene Bildungseinrichtungen, lebte in Heimen oder bei Familien, von denen er immer wieder weglief. Er schwänzte den Unterricht, stahl Essen im Supermarkt - "nur um zu überleben" - schlief im Ghetto. Das älteste Foto von ihm stamme "aus der Zeit, als ich etwa zehn war." Es zeigt einen zaghaft lächelnden Jungen in einem zu großen hellblauen T-Shirt und Jeans. Er würde gerne auch Babybilder von sich sehen, sagt er, aber es gebe einfach keine. "Wir sind so oft umgezogen, dabei sind die wohl verlorengegangen", so Oher. Es ist auch möglich, dass einfach nie welche gemacht wurden.
Dass Michael Oher es trotz dieser Umstände bis zur Universität von Mississippi schaffte, hat 2006 Michael Lewis zum Buch "The Blind Side - Evolution of a Game" inspiriert. Darin beschreibt Lewis Ohers Entwicklung von der Highschool bis zum College. Angelehnt an dieses Buch entstand 2009 der Hollywood-Film "The Blind Side". Sandra Bullock tritt darin in der Rolle von Ohers Adoptivmutter Leigh Anne Tuohy auf und wurde dafür 2010 mit dem Oscar in der Kategorie "Beste Schauspielerin" ausgezeichnet.
Anquan Boldin spricht von einem "guten Film". Der Wide Receiver der Ravens beschreibt Oher als "großartigen Mitspieler und Footballer". Seine Geschichte sei eine ganz besondere. "Wenn du bedenkst, was er als Kind durchgemacht hat, und dann spielt er im Super Bowl - das ist auf jeden Fall eine dieser Wohlfühlgeschichten", sagt Boldin SPIEGEL ONLINE.
Oher hingegen geht auf Distanz. Vor allem der Football-Teil habe ihm nicht gefallen, und die Darstellung seiner Person sei "total daneben" gewesen. "Ich habe das Spiel von klein auf gelernt. Niemand musste mir beibringen, wie man blockt." Es ärgert ihn immer noch, dass er als dummer Junge dargestellt wurde, dem seine Adoptivmutter zeigen musste, wie man sich einem Gegner erfolgreich in den Weg stellt und so dem eigenen Quarterback genügend Zeit zum Passen gibt. "Hollywood, Mann", sagt Oher und zieht die Mundwinkel leicht nach unten, "alles Hollywood."
Niemand hatte sich mit ihm unterhalten, kein Regisseur, kein Schauspieler, keine PR-Abteilung. Der verarmte, farbige Junge aus verwahrlostem Elternhaus, adoptiert von reichen Weißen schafft es in die NFL - das genügte den Machern als Basis. Der Film endet mit dem NFL-Draft 2009. Oher wurde an 23. Stelle von Baltimore ausgewählt. Seitdem hat er kein einziges Spiel verpasst, Quarterback Joe Flacco drei Jahre lang von links und seit dieser Saison von rechts die Gegner vom Leib gehalten.
Wenn der Kraftprotz im Super Bowl spielt, werden Sean und Leigh Ann Tuohy mit ihren Kindern Collins und Sean Jr. im Stadion sitzen. Der Selfmade-Millionär und seine Familie hatten Oher 2003 bei sich aufgenommen, ihn später adoptiert und dank Nachhilfestunden den Weg an die Universität von Mississippi ermöglicht. Oher spricht von "meiner Familie", wenn er über die Tuohys redet. Ihnen hat er bis auf seine Athletik und seinen Football-Instinkt alles zu verdanken. Er kenne keinen anderen, der es da rausgeschafft hat, sagt Oher und blickt auf seine Jahre im Ghetto zurück. "Einfach nur hier zu stehen, hier, wo ich eigentlich nie stehen sollte, ist unglaublich."
Dass er mit einem Sieg für ein Hollywood-reifes Ende seiner Story sorgen kann, ist ihm egal.
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