Super-Bowl-Champion Flacco: Der Multi-Millionen-Dollar-Mann

Aus New Orleans berichtet

Super Bowl: Die große Show des Joe Flacco Fotos
DPA

Joe Flacco galt als mittelmäßiger Quarterback, weit entfernt von der Elite. Ausgerechnet beim Super Bowl zeigte es der Spielmacher seinen Kritikern - und führte die Baltimore Ravens zum Titel. Für Flacco wird sich das NFL-Finale nun richtig auszahlen.

Die mehreren hundert Fans um ihn herum skandierten "MVP, MVP", so laut es ihnen noch möglich war. Joe Flacco, der "Most Valuable Player", der wertvollste Mann des Spiels, saß etwas müde am Expertentisch des NFL-Networks in einer Ecke des Superdomes von New Orleans. Auch knapp 45 Minuten nach dem 34:31-Super-Bowl-Sieg seiner Baltimore Ravens gegen die San Francisco 49ers konnte er immer noch nicht so richtig in Worte fassen, was da gerade passiert war. "Wenn ich das schon realisiert hätte, würde ich wahrscheinlich nicht hier sitzen", sagte der Quarterback. Dass er dort Platz nahm, war ohnehin überraschend. Viele Fachleute hatten statt seiner Person Colin Kaepernick erwartet, den Spielmacher der 49ers.

Die Kalifornier galten als leicht favorisiert in diesem Super Bowl. Es war Kaepernick, der sowohl mit seinem Lauf- als auch Passspiel in den bisherigen Playoffs die Schlagzeilen bestimmt hatte. Doch nun gab er sich in der Mixed-Zone kurzsilbig, leise und trotz einer starken zweiten Halbzeit selbstkritisch. "Wir haben verloren, also war ich offensichtlich nicht gut genug." Flacco hingegen hatte mit zunehmender Spieldauer auf dem Rasen immer mehr Spaß und präsentierte sich so locker und gelöst, wie ihn die Öffentlichkeit wohl noch nie erlebt hat.

Dieser 3. Februar war nicht nur der Tag, an dem er Baltimore zum zweiten Titel der Vereinsgeschichte geführt hat und als 26. Quarterback Super-Bowl-MVP geworden war. Seine Leistung an diesem Sonntag wird sich demnächst richtig bezahlt machen. Flaccos Vertrag endet. Bereits im Vorjahr wollte der Verein verlängern, Team-Besitzer Steve Bisciotti soll bereit gewesen sein, seinem Spielmacher bis zu 16 Millionen Dollar pro Jahr zu zahlen. Flacco lehnte ab.

Seine Berater sahen ihn eher im Bereich eines Peyton Manning oder eines Drew Brees. Die Quarterbacks aus Denver und New Orleans streichen jährlich 19,6 beziehungsweise 20 Millionen Dollar ein. Doch sie gelten eben auch seit Jahren neben Tom Brady (New England), Aaron Rodgers (Green Bay) oder Eli Manning (New York Giants) zu den Besten auf ihrer Position.

Gut ja, aber keine Elite

Flacco wurde bislang tiefer eingestuft. "Gut ja, aber keine Elite", hieß es immer. In der regulären Saison untermauerte er dies. 22 Touchdowns standen 10 Interceptions gegenüber - Mittelmaß. Dass Baltimore vier der letzten fünf Vorrundenspiele verlor und gerade noch so die Playoffs erreichte, lag auch an der fehlenden Konstanz von Flacco.

Doch dann folgten die Playoffs, die Zeit der wichtigen Spiele. Und mit jeder Partie wurde Joe Flacco besser. Er führte Baltimore zu einem 38:35-Sieg nach Verlängerung bei Peyton Mannings Denver Broncos, beendete anschließend Tom Bradys Traum von der sechsten Super-Bowl-Teilnahme (28:13). Und wer danach immer noch meinte, der 28-Jährige stünde zu Unrecht im Endspiel, den belehrte Flacco in nur 30 Minuten eines Besseren.

Dem Mann, der oft wegen seiner hohen und eher flatternden Würfe kritisiert wird, gelangen drei Touchdown-Pässe in der ersten Halbzeit - in den vorangegangenen 46 Endspielen hatten das nur fünf andere Quarterbacks geschafft. "Ich bin ein Joe-Flacco-Fan, bin es schon immer gewesen", sagte Team-Kollege Ray Lewis begeistert.

Aufgeschlossen zu den ganz Großen

Flacco hat in den diesjährigen vier Playoff-Partien elf Touchdown-Pässe geworfen und mit den NFL-Rekordhaltern Joe Montana (1989) und Kurt Warner (2008) gleichgezogen. Flacco ist also statistisch gesehen auf Augenhöhe mit Montana, der allgemein als bester Spielmacher der NFL-Historie gilt. Flacco selbst findet das "ziemlich cool". Schließlich sei Joe Montana sein Lieblings-Quarterback gewesen.

Auch zu Brady hat der 1,98-Meter-Mann bereits aufgeschlossen. Der Patriots-Quarterback hatte in seinen ersten fünf NFL-Spielzeiten neun Playoff-Spiele gewonnen und war damit alleiniger NFL-Rekordhalter. Ab sofort teilt er sich den Spitzenplatz mit Flacco. Und mit eben jenen neun Playoff-Siegen hat Flacco bereits jetzt so viele K.-o.-Runden-Spiele gewonnen wie beispielsweise Peyton Manning und Bart Starr, die zu den ganz Großen der NFL gehören.

"Joe wurde, warum auch immer, schon seine gesamte Karriere lang viel kritisiert", sagt Tight End Dennis Pitta. "Aber wir haben trotzdem an ihn geglaubt. Er hat im wichtigsten Spiel gezeigt, was er kann." Die Schwarzseher, betont Flacco, seien ihm zwar schon immer egal gewesen. Dennoch ist die kontinuierliche Kritik nicht spurlos an ihm vorübergegangen. "Ich will nie wieder das Gefühl haben, mich verteidigen zu müssen", sagte Flacco.

Demnächst hat er einen Termin bei Steve Bisciotti. Der Ravens-Besitzer hatte seinem Quarterback nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen angeboten, ihm im Falle eines Super-Bowl-Gewinns das mit dem 20-Millionen-Jahresgehalt doch noch einmal anzubieten. Genau darauf, so Flacco, werde er jetzt zurückkommen.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. pfiffffff
diepresselügt 04.02.2013
Zitat von sysopJoe Flacco galt als mittelmäßiger Quarterback, weit entfernt von der Elite. Ausgerechnet beim Super Bowl zeigte es der Spielmacher seinen Kritikern - und führte die Baltimore Ravens zum Titel. Für Flacco wird sich das NFL-Finale nun richtig auszahlen. Super Bowl: Quarterback Joe Flacco führt Baltimore zum Sieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/super-bowl-quarterback-joe-flacco-fuehrt-baltimore-zum-sieg-a-881341.html)
Tagesform halt ! Es gibt Tage da gelingt mir auch alles beim sport und es gibt Tage nun ja................
2.
Whitejack 04.02.2013
Man muss halt einsehen, dass Flacco deutlich mehr leistet als jeder deutsche Spitzenmanager... Zumindest wenn man davon ausgeht, dass Gehalt = Leistung ist.
3. optional
Child 04.02.2013
Och - würd ich jetzt nicht sagen. Ja - Flacco hat gerade gegen Ende der regular Season nicht seinen besten Football gezeigt - aber in den Playoffs war er bis zum Ende konstant sehr stark. Vielleicht ist da jetzt auch einfach der Knoten geplatzt - die Zukunft wirds zeigen. Auch wenn bei den Ravens mit den doch recht alten Spielern und einigen, wie Lewis, die aufhören bzw. den Club wechseln, nicht klar ist ob sie kommende Saison überhaupt eine Mannschaft stellen können, die wieder einen Angriff bis tief in die Playoffs schaffen kann.
4.
Geographus 04.02.2013
Zitat von diepresselügtTagesform halt ! Es gibt Tage da gelingt mir auch alles beim sport und es gibt Tage nun ja................
Stimmt schon, nur hilft es ungemein wenn grade das mit Abstand wichtigste Spiel der Saison so ein Tag ist. Ein QB ist aber auch nur so gut wie seine Offense. Hätte die ihm nicht immer diese 1-2 Sekunden extra verschafft, um seine Pässe anzubringen, wär Flacco gnadenlos untergegangen. Und das bei den doch recht risikoreichen Pässen keine Interception dabei war, da hatte die Defense der 49ers auch einen großen Anteil dran.
5. *
geroi.truda 04.02.2013
Zitat von sysopJoe Flacco galt als mittelmäßiger Quarterback, weit entfernt von der Elite. Ausgerechnet beim Super Bowl zeigte es der Spielmacher seinen Kritikern - und führte die Baltimore Ravens zum Titel. Für Flacco wird sich das NFL-Finale nun richtig auszahlen. Super Bowl: Quarterback Joe Flacco führt Baltimore zum Sieg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/super-bowl-quarterback-joe-flacco-fuehrt-baltimore-zum-sieg-a-881341.html)
Lesen diejenigen, die sich für derartige Sportarten interessieren, nicht sowieso einschlägige Fachpublikationen (so dass sich derartige Berichterstattung erübrigt)? Nur zur Klarstellung: Auch über die bloße Mitteilung on Ergebnissen hinausgehende Berichterstattung über das, was in Europa Fußball genannt wird, gehört eigentlich nicht in Publikationen die für sich den Anspruch der Zugehörigkeit zur sog. Qualitätspresse erheben.
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Super Bowl: Rekord, Aufholjagd und Stromausfall

Super-Bowl-Sieger seit 2000
Jahr Gewinner Verlierer MVP
2014 Seattle Seahawks Denver Broncos Malcolm Smith
2013 Baltimore Ravens San Francisco 49ers Joe Flacco
2012 New York Giants New England Patriots Eli Manning
2011 Green Bay Packers Pittsburgh Steelers Aaron Rodgers
2010 New Orleans Saints Indianapolis Colts Drew Brees
2009 Pittsburgh Steelers Arizona Cardinals Santonio Holmes
2008 New York Giants New England Patriots Eli Manning
2007 Indianapolis Colts Chicago Bears Peyton Manning
2006 Pittsburgh Steelers Seattle Seahawks Hines Ward
2005 New England Patriots Philadelphia Eagles Deion Branch
2004 New England Patriots Carolina Panthers Tom Brady
2003 Tampa Bay Buccaneers Oakland Raiders Dexter Jackson
2002 New England Patriots Saint Louis Rams Tom Brady
2001 Baltimore Ravens New York Giants Ray Lewis
2000 Saint Louis Rams Tennessee Titans Kurt Warner
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Die 32 Teams in der National Football League (NFL) spielen in zwei Conferences: der American Football Conference (AFC) und der National Football Conference (NFC). AFC und NFC umfassen jeweils 16 Teams, die wiederum in vier Divisions unterteilt sind: East, North, South und West.

AFC East: Buffalo Bills, Miami Dolphins, New England Patriots, New York Jets
AFC North: Baltimore Ravens, Cincinnati Bengals, Cleveland Browns, Pittsburgh Steelers
AFC South: Houston Texans, Indianapolis Colts, Jacksonville Jaguars, Tennessee Titans
AFC West: Denver Broncos, Kansas City Chiefs, Oakland Raiders, San Diego Chargers

NFC East: Dallas Cowboys, New York Giants, Philadelphia Eagles, Washington Redskins
NFC North: Chicago Bears, Detroit Lions, Green Bay Packers, Minnesota Vikings
NFC South: Atlanta Falcons, Carolina Panthers, New Orleans Saints, Tampa Bay Buccaneers
NFC West: Arizona Cardinals, St. Louis Rams, San Francisco 49ers, Seattle Seahawks