Beim American Football ist keine Position so wichtig wie die des Quarterbacks. Er ist Spielmacher, in nahezu jeden Angriffsspielzug einbezogen und damit fast ein halber Coach. So waren es in den vergangenen Jahren stets Teams mit einem Elite-Quarterback, die den Super Bowl erreichten. Tom Brady, die Manning-Brüder Eli und Peyton, Ben Roethlisberger, Drew Brees: Einer der großen Superstars hatte seit 2004 immer im NFL-Finale gestanden.
Im 47. Super Bowl (Montag, 0.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in New Orleans laufen jedoch zwei Quarterbacks auf, mit denen vor den Playoffs niemand gerechnet hatte: Joe Flacco (Baltimore Ravens) und Colin Kaepernick (San Francisco 49ers).
Direkt vor dem Start in die Meisterschaftsrunde war Flacco noch kritisiert worden - obwohl er der erste Quarterback in der NFL-Geschichte ist, der in seinen ersten fünf Profijahren jeweils ein Playoff-Spiel gewonnen hat. Der 28-Jährige gilt bei den Experten in den USA als solide, aber eben nicht sehr gut. Seine Statistiken in der Regular Season waren nur Liga-Mittelmaß.
20 Millionen Dollar pro Jahr
Trotz der Kritik ließ sich Flacco nicht beirren. In den Playoffs hat er Peyton Manning (Denver Broncos) und Brady (New England Patriots) übertrumpft. In beiden Spielen warf er je drei Touchdown-Pässe und leistete sich keinen Ballverlust. Flacco war nicht nur souverän. Er war es auch, der die sogenannten Big Plays machte. Gegen die Broncos rettete er mit einem Pass über 70 Yards 31 Sekunden vor Spielende noch die Verlängerung für sein Team; gegen die Patriots drehte er einen 7:13-Rückstand zur Pause in einen 28:13-Erfolg. "Ich lasse einfach meine Leistungen sprechen", sagt Flacco.
Die Ravens wissen diese mittlerweile zu schätzen und kündigten an, Flaccos auslaufenden Vertrag zu verlängern. Man sei sich bereits einig, sagte Baltimores General Manager Ozzie Newsome. Angeblich will er Flacco rund 20 Millionen Dollar pro Saison zahlen. Zumindest finanziell würde der Quarterback damit zur Liga-Elite zählen.
Auf dem Express-Weg dorthin ist auch Kaepernick, der eine Mischung aus Quarter- und Runningback ist. Der 25-Jährige stellte im Viertelfinale gegen Green Bay mit 181 erlaufenen Yards sogar einen Rekord für Quarterbacks auf. Solche sogenannten mobilen Spielmacher hatten in den Playoffs in den vergangenen Jahren stets das Nachsehen. Der letzte Quarterback, der auch viel rannte und die Meisterschaft gewann, war Steve Young 1995 - ausgerechnet mit den San Francisco 49ers. Kaepernick hat nun die Chance, an den Erfolg seines legendären Vorgängers anzuknüpfen.
"Eine gefährliche Waffe"
Aber der 49ers-Profi ist unerfahren. Kaepernick ist in seiner zweiten NFL-Saison, der Super Bowl wird erst sein zehntes Spiel von Beginn an sein. "Druck entsteht nur durch eine mangelhafte Vorbereitung", sagt Kaepernick, "und dies ist keine Situation mit großem Druck."
Dass er überhaupt im Super Bowl spielen darf, verdankt Kaepernick einer riskanten Entscheidung seines Trainers Jim Harbaugh. In der Saisonmitte tauschte der Coach überraschend seinen Stamm-Quarterback Alex Smith gegen Kaepernick aus. Dabei hatte San Francisco mit Smith sechs von acht Spielen gewonnen.
Doch das Risiko zahlte sich aus, in den Playoffs besiegte Kaepernick Green Bay mit seinen flinken Beinen und die Atlanta Falcons im Halbfinale mit seinem starken Wurfarm. "Er kann beides gut", sagte San Franciscos Offensiv-Koordinator Greg Roman ESPN.com, "er ist eine gefährliche Waffe."
Während Kaepernick die Moderne verkörpert, wirkt Flacco manchmal wie ein Quarterback aus den siebziger Jahren. Er verschanzt sich hinter der Offensive Line, läuft lediglich im äußersten Notfall; nur knapp über die Hälfte seiner Pässe kommt an, dann aber erzielt er großen Raumgewinn.
Der Super Bowl war immer die Bühne der großen Quarterbacks, doch diesmal, das ist sicher, wird am Ende ein Außenseiter gewinnen.
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