Windsurf-Mekka Klitmøller Die Surfer, die Fischer und die Cold-Hawaii-Millionen

Das Fischerdorf Klitmøller im Norden Dänemarks ist die Windsurf-Hauptstadt Nordeuropas. In dieser Woche könnte der Deutsche Philip Köster dort wieder Weltmeister werden. Ein Ortsbesuch.

John Carter

Von Jan Puhl, Klitmøller


Damit die Brandung nicht von vorn auf Deck schlägt, hat T97 einen hochgezogenen Bug. Auch das Heck des Fischkutters ist bananenförmig nach oben gebogen. "Beim Reinkommen sollen die Wellen dir nicht den Arsch verkühlen", sagt Bendt Grandjean-Thomsen.

Seit seiner Kindheit fährt er mit Schiffen wie T79 hinaus auf den Ozean. So nennen sie hier im entlegensten Teil des dänischen Festlands die Nordsee. Im Morgengrauen schleppen die Fischer von Klitmøller ihre Kähne vom Strand ins Wasser. "Das Schwierigste ist, die Brandungszone zu überwinden", sagt Grandjean-Thomsen. Denn ein Kalksandsteinriff, die Örhage, türmt die Wellen hier besonders steil.

Als Grandjean-Thomsen früher im Südwester an Deck durchgeschüttelt wurde, hätte er sich nie träumen lassen, dass die Örhage einmal der größte Standortvorteil seines Heimatdorfs hier im strukturschwachen Nordwesten Jütlands wird. Denn heute kommen nur wegen dieser Welle Tausende Windsurfer hierher.

Klitmøller, rund 800 Einwohner, eine Pizzeria, ein Supermarkt, ist die Windsurf-Hauptstadt Nordeuropas geworden. Seit dieser Woche tragen die Besten des Sports hier die Weltmeisterschaft aus. Es geht um zehn Meter hohe, irrwitzig verdrehte Sprünge und um Wellenritte. Der Deutsche Philip Köster, aufgewachsen auf Grand Canaria, könnte wie schon vor drei Jahren hier den Titel gewinnen (hier der Link zum Worldcup).

Niemand in Klitmøller lebt noch von der Fischerei

Bendt Grandjean-Thomsen fährt immer noch so oft er kann aufs Meer hinaus, legt Hummerkästen und Dorschleinen aus. Doch die Fischerei ist heute nur noch Traditionspflege, niemand lebt mehr davon. Die Region hat auf Tourismus umgestellt, Grandjean-Thomsen vermietet Ferienhäuser, vor allem an Windsurfer. T97 liegt aufgebockt an der Strandpromenade, ein Museumsschiff. In der Halle an der Hauptstraße, wo der Kutter einst gezimmert wurde, ist heute ein Surfshop untergebracht.

Es war etwa Mitte der Achtzigerjahre, als die ersten Surferbusse beladen mit Brettern in Klitmøller auftauchten. Zunächst blieben die Dänen unter sich, versuchten das Geheimnis zu hüten, doch bald drangen die Gerüchte über Wellen in Hawaii-Format bis in die deutsche Surfszene vor. Die Entdeckung des Ortes befeuerte den ohnehin boomenden, noch jungen, modischen Sport. "Es war, als ob Hawaii plötzlich in Europa liegt", sagt Dirk Herpel, Surfjournalist und Dauergast in Klitmøller.

Invasion der Windsurfer war eine Zumutung

Das Revier wurde voller, Ärger folgte. Die Surfer ließen ihre Segel und Bretter einfach in den Vorgärten der Anwohner herumliegen. Sie stellten mit ihren Surfbussen die Parkplätze in den Dünen voll und kauften noch nicht einmal in Klitmøller ein. Weil Dänemark viel teurer ist, brachten sie Lebensmittel von zu Hause mit.

Die Invasion der Windsurfer war für die Nord-Jütländer eine Zumutung. "Die Leute hier sind in Ehrfurcht und Angst vor dem Ozean groß geworden", sagt Grandjean-Thomsen. Viele Familien haben Männer auf See verloren. Entsetzt liefen in der Anfangszeit Fischer zwischen den bunten Segeln der Surfer am Strand herum, versuchten diese Verrückten zurückzuhalten: Geht nicht da raus, mit dem Ozean spielt man nicht.

Nur der kleine Robert Sand stand fasziniert hinter dem Zaun und sah den Surfern begeistert zu. Seine Oma bewohnte damals ein Steinhaus direkt am Fischerstrand. Die Familie Sand sind Fischer seit Generationen, doch Robert wollte ausgerechnet den Sport der leichtsinnigen Rüpel aus Deutschland lernen. Er sollte als Windsurfer Weltklasseniveau erreichen und die Welttournee der Profis nach Klitmøller bringen.

Einen der besten Windsurfplätze der Welt

Doch vorher kam die große Krise. 2005 hatte die Gemeinde Thisted die Surfer endgültig satt, die zugeparkten Straßen am Strand, den Lärm der Partys. Sie versperrte Strandparkplätze mit Schlagbäumen, verhängte Parkgebühren. Und das Schlimmste: Sie plante eine Erweiterung des Hafens von Hanstholm.

Elf Kilometer nordöstlich von Klitmøller schirmen zwei Betonmauern die Wellen ab. Von dort starten Hochseetrawler ihre Fischzüge ins Nordmeer. In der Nordabdeckung des Hafens von Hanstholm hatten Robert Sand und seine Freunde einen der besten Windsurfplätze der Welt ausgemacht, noch größere Wellen als in Klitmøller, noch gleichmäßiger. Mit dem Ausbau wäre dieser Spot verloren gegangen.

Sand und sein Freund, der Windsurfer und Philosophiedozent Rasmus Johansen aus Odense, ahnten, dass Protestaktionen im Internet das Zerwürfnis zwischen den Surfern und den Bewohnern ihres Paradieses nur noch vertiefen würden: "Einfach Nein sagen, hätte nichts genützt", sagt Sand, der heute hauptberuflich den Worldcup in seinem Dorf organisiert.

Also mobilisierten sie die Klitmøller-Fans im Internet, sammelten Geld für ein technisches Gutachten. Schließlich beauftragten sie eine der renommiertesten dänischen Consultant-Firma mit einer Expertise. Das Ergebnis: Für den Hafenausbau gab es eine Alternative, billiger, umwelt- und surf-freundlich.

"Wir traten mit einem konstruktiven Gegenvorschlag an, seitdem hören uns die Leute von der Gemeinde zu", sagt Sand. Die Surfer dachten noch weiter: Mit "Cold Hawaii" fanden sie einen Markennamen für die Region um Klitmøller. "Wir haben hier alles: Strände zum Wellenreiten, zum Windsurfen und sogar zum Tauchen", sagt Rasmussen. Der jüngste Sport heißt "Stand up Paddling", stehend, mit einem Paddel in der Hand lassen sich selbst sanfte Wogen abreiten. Zehn Millionen Euro hat die Provinzregierung lockergemacht, um für Surfer eine Infrastruktur zu schaffen. Denn Surfen ist ein Wirtschaftsfaktor geworden.

Mit den Cold-Hawaii-Millionen hat die Gemeinde das Ortszentrum renoviert und einen Weg zwischen den Fischerhütten und dem Strand planieren lassen. Dort stehen jeden Morgen Surfer und Fischer zusammen, den Blick auf die See gerichtet, und reden, über den Wind, über die Wellen.

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insgesamt 2 Beiträge
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Sumerer 15.09.2015
1.
Von Klitmøller habe ich vor 30 Jahren nichts gehört obwohl ich ganz gut in die damalige Surf-Szene integriert war. Ich war damals zweimal in "Hvide Sande", was einen Zugang zur Nordsee und zum "Ringkøbing Fjord" (ein Binnensee) ermöglichte. Die Wellen waren auf der Nordsee nur 5-6 Meter hoch. Die Windverhältnisse im Juli/August waren fantastisch. Regelmäßig lag die Windstärke zwischen 7-9 Beaufort - manchmal blies es auch noch weit stärker. Allerdings konnte ein Teil des Strandes nicht benutzt werden (gefährliche Unterströmungen). Die Brandungszone war etwa 500 Meter breit.
goetzl 15.09.2015
2. Köster kann hier nicht Weltmeister werden
Klitmoller ist der 3. von 6 Waveriding Wettbewerben der PWA-Pro Tour. Er kann hier nur wieder auf den 1. Platz der Rangliste kommen. Aktuell liegt er an Platz 2: http://www.pwaworldtour.com/index.php?id=2098 Der Weltmeistertitel wird dieses Jahr beim Aloha Classic auf Hawaii vergeben.
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