Saisonfinale im Wellenreiten Der Wahnsinn vor Oahu

Beim Saisonfinale der Profis vor der Hawaii-Insel Oahu steht ein spektakulärer Showdown bevor. Sechs Surfer können noch Weltmeister werden. Wer riskiert in den berüchtigten Wellen am meisten?

imago

Von seinem Apartement am Strand aus konnte er die riesigen Wellen sehen. Evan Geiselman gehörte zu den wenigen Surfern, die sich noch hinauswagten in die Brecher von Pipeline, dem berühmten Revier an der Nordküste von Oahu. Eine gewaltige Dünung hatte Hawaii getroffen. Der Profi aus Florida paddelte eine der höchsten Wellen des Tages an - und wurde von ihr verschluckt. Am Sonntag war das.

Fotos und Filmsequenzen von Gladiatoren in Boardshorts, die vor Hawaii hohe Wellen abreiten, bringen die internationale Surfgemeinde stets heftig in Erregung. Es sind Momentaufnahmen modernen Heldentums.

Am Sonntag aber geriet in die Bilderflut auch ein Foto, das die andere Seite des Spektakels zeigt. Auf der Aufnahme ist zu sehen, wie Geiselman, bewusstlos, blutend, von Helfern aus dem Wasser gezogen wird. Er war nach seinem Sturz auf das Riff gedrückt worden. Geiselman war lange unter Wasser, ehe ihn ein Bodyboarder zu packen bekam. Der schwer verletzte Surfer kam auf die Intensivstation. Inzwischen gab er via Instagram Entwarnung und bedankte sich bei seinen Rettern.

Hawaii ist ein Sehnsuchtsort für Surfer. Und jene, die diesen Sport besonders gut beherrschen und sich einen Namen machen wollen, paddeln auf ihrem Brett hinaus in die Wellen von Pipeline vor Oahu. Mit der Wucht einer Abrissbirne kommen die Brecher hier herangerollt, und wenn sie am flachen Riff zusammenstürzen, dann bilden sie dabei oft große Röhren, in denen die Könner dann zu ihren Tuberides ansetzen.

Pipeline ist der größte Laufsteg der Surfwelt. In den Wintermonaten, wenn die Wellen vor Hawaii am höchsten sind, belagern fast täglich zahlreiche Fotografen den Strand in der Hoffnung auf einen Schnappschuss. Mit einem einzigen coolen Ritt in "Pipe" kann man es als Surfer auf die Cover der großen Magazine schaffen. "Aber wenn die Bedingungen hart sind, dann spielt man hier auch immer ein bisschen mit seinem Leben", sagt der portugiesische Profi Tiago Pires, der lange auf Hawaii lebte.

In den nächsten Tagen wird das Gedränge der Fotografen besonders groß sein, ab diesem Dienstag wird in den Wellen von Pipeline das Saisonfinale der Profitour ausgetragen. In den vergangenen Jahren hielt sich die Spannung beim Pipe-Masters in Grenzen, weil der Weltmeister oft schon vorher feststand. Diesmal kommt es zu einem Showdown, denn rein rechnerisch haben noch sechs Sportler die Chance auf den Titel.

"Pipe ist eine Apokalypse"

Die Worldcup-Serie der Profis erlebt gerade einen Umbruch. Jahrzehntelang holten vor allem Surfer aus den USA oder Australien den WM-Sieg; allein die Ikone Kelly Slater gewann den Titel elf Mal. Der Rekordchampion aus Florida ist inzwischen 43 Jahre alt, es fällt ihm zunehmend schwer, sich gegen die jungen, hungrigen Kollegen durchzusetzen. Vor allem gegen jene aus Brasilien.

Brasilien, das Land der Fußballer, ist auch ein Land der Surfer. Entlang der Strände zum Atlantik wimmelt es von Wassersportlern, an der Copacabana von Rio de Janeiro sitzen an Tagen mit guter Dünung Hunderte Wellenreiter im Meer. Vorige Saison wurde mit Gabriel Medina erstmals ein Brasilianer Weltmeister, in diesem Jahr stürmten drei weitere Surfer aus dessen Heimat in die Top Ten der Profis.

Medina gehört zu den Favoriten beim Saisonfinale auf Oahu. Dass er den Titel holt, ist allerdings unwahrscheinlich, zu groß ist sein Punkte-Abstand auf den Worldcup-Führenden Mick Fanning aus Australien. Bessere Chancen hat der 20-jährige Filipe Toledo, derzeit die Nummer zwei im Ranking, sowie Adriano De Souza, die Nummer drei. Sollte einer der beiden das Pipe-Masters gewinnen, ginge der Titel wieder nach Brasilien.

Surfen ist ein Sport zwischen Genuss und Wahnsinn, und Pipeline gehört zu den größten Herausforderungen, denen sich ein Wellenreiter stellen kann. Das zerklüftete Riff, die Strömung, die Massen an Surfern, die um die Brecher kämpfen - oft sind bis zu hundert Matadore im Line-up, jener Zone, wo die Sportler auf die Wellen warten.

Und es ist immer viel Testosteron im Wasser. Vor allem machtvoll auftretende einheimischen Wellenreiter, die "Locals", verteidigen ihr Revier gerne auch mal mit Fausthieben gegen Touristen. "Pipe ist eine Apokalypse", sagt Kelly Slater. "Aber wenn du die Welle dann hast, bist du im Himmel."

Fanning ist seit der Hai-Attacke ein noch größerer Held

Dem schmalbrüstigen Filipe Toledo, der dieses Jahr bislang drei Weltcupsiege einfahren konnte, trauen nur wenige Experten den Sieg zu. Toledo ist ein Künstler, der mit Manövern und Sprüngen, sogenannten Aerials, die Punktrichter überzeugt. Wenn die Wellen hoch sind, und das sind sie oft in Pipeline, wenn sie "Zähne haben", wie Surfer sagen, dann geht es jedoch nicht mehr um Akrobatik. Dann "zählen nur noch dicke Eier", sagt der Australier Owen Wright, ein blonder Hüne mit Bart, der zu den mutigsten Surfern in Pipeline zählt.

Weltweit werden Millionen Fans die Live-Übertragung im Internet verfolgen. Die meisten Sympathien hat wohl Mick Fanning, ein dreifacher Weltmeister, der im Juli für Schlagzeilen sorgte. Beim Worldcup vor Jeffreys Bay, Südafrika, wurde er von einem Hai angegriffen. Fanning hatte Glück, das Tier erwischte ihn nicht, er blieb unverletzt. Der Surfer von der Gold Coast in Australien gilt jetzt als Held, der Mann, der der Bestie entkam.

Die Attacke scheint Fanning gut verarbeitet zu haben. Im September bereits gewann er den Worldcup in Lower Trestles, Kalifornien, und vorige Woche gewann er auf Oahu beim Vans World Cup of Surfing, dem Warm-up-Event für das Pipe-Masters. Ein paar Tage nach diesem Sieg sah man Fanning dann aber wieder nachdenklich am Strand stehen. Er gehörte zu den Helfern, die den bewusstlosen Evan Geiselman aus dem Wasser schleppten.

Video: "Jaws" zeigt seine Zähne

Fotostrecke

7  Bilder
Mick Fanning: Surfprofi rettet bewusstlosen Kollegen

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
armin.warkentin 08.12.2015
1.
....und in diesem Jahr gewinnt mal wieder ein Brasilianer...
sportgk12 08.12.2015
2.
Ich tippe auf Mick Fanning & wünsche ihm den Titel auch.
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