Wellenreit-Talent Medina "Wir brauchen eine Wachablösung - und die bin ich"

Der Brasilianer Gabriel Medina könnte die WM im Wellenreiten gewinnen und die Dominanz der Amerikaner und Australier durchbrechen. Im Interview spricht er über Rassismus in der Surfszene und seine größten Konkurrenten.

DPA/ ASP

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Medina, in Brasilien sind Sie jetzt schon ein Superstar, das ganze Land will, dass Sie als erster Brasilianer Weltmeister im Wellenreiten werden. Hilft dieser Druck?

Medina: Ja, es ist ein Wahnsinnsgefühl, wenn ein ganzes Land dich pusht. Ich bin bereit für den Titel! Ich träume davon, Weltmeister zu werden, seit ich Contests surfe - und nun stehe ich kurz davor. Es ist mein vorbestimmter Weg!

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie denn mit dem Sport angefangen?

Medina: Das war ungefähr mit acht Jahren. Nach dem ersten Versuch habe ich nie wieder aufgehört. Ich war süchtig!

SPIEGEL ONLINE: Und wann begannen Sie mit dem Wettkampfsurfen?

Medina: Ungefähr mit elf Jahren. Mit 13 bin ich dann das erste Mal in die USA gereist, nachdem ich einen lokalen Contest gewonnen hatte. Der erste Preis war die Teilnahme an einem Junioren-Wettbewerb in Kalifornien. Da wurde ich Zweiter, und die ersten Sponsoren wurden aufmerksam.

Zur Person
  • imago
    Gabriel Medina, 20, führt seit seinem Sieg beim ersten Wettbewerb der Saison in Snapper Rocks, Australien, souverän die Rangliste an. Ihm dicht auf den Fersen: Rekordweltmeister Kelly Slater, 41, und der aktuelle Weltmeister Mick Fanning, 33. Beide konnten während der beiden Tourstopps in Europa Boden gut machen. Nun kommt es zum Showdown in Hawaii.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie aufgewachsen?

Medina: Ich komme aus einfachen Verhältnissen, aber wir waren nicht bettelarm. Uns ging es besser als vielen Nachbarn in Maresias. Doch als ich das erste Mal in den USA war, sah ich Kinder in meinem Alter, die bereits komplett ausgestattet wurden: Sie bekamen jedes Jahr 30 Boards gestellt, hatten Schuh-, Kleider- und Wetsuit-Sponsoren. Dazu einen Personal Coach, der zweimal täglich mit ihnen Video-Unterricht machte. Die Förderung in den USA, Australien oder Europa ist um ein Vielfaches besser als in Brasilien. Bei uns kriegst du nichts geschenkt. Am Anfang musste ich ganz alleine reisen oder zusammen mit den anderen brasilianischen Teenagern, während die Australier und Amerikaner von einer ganzen Armada von Helfern begleitet wurden.

SPIEGEL ONLINE: Heutzutage reisen auch Sie mit einer großen Entourage: Ihren Eltern, Ihren Geschwistern, den engsten Freunden.

Medina: Ja, ich kann es mir jetzt leisten, alle Verwandten mitzunehmen. Ich brauche das einfach. Wir sind elf Monate im Jahr auf der Weltmeisterschaftstour unterwegs, da vermisse ich meine Heimat zu sehr. Außerdem bin ich ein Muttersöhnchen. Ich brauche immer das Gefühl, zu Hause zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Ihr größter Konkurrent, Kelly Slater, macht es genau anders: Er reist allein, hat überall auf der Welt Häuser, doch keinen festen Wohnsitz.

Medina: Kelly ist ein Nomade, ein Weltbürger. Er lebt da, wo gerade die besten Wellen sind. Doch ich liebe Brasilien viel zu sehr, als das ich woanders leben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Sie führen seit Ihrem Sieg beim ersten Wettbewerb der Saison in Australien die Rangliste an. Doch gleichzeitig entbrannte in den Medien und sozialen Netzwerken eine hitzige Diskussion zwischen Brasilianern auf der einen Seite und den klassischen Surf-Nationen Australien und USA auf der anderen. Ist das eine Mediendebatte, oder sind diese Spannungen real?

Medina: Diese Spannungen existieren definitiv.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Hintergrund?

Medina: Es ist ganz einfach: Sie mögen mich nicht, weil ich aus Brasilien komme. Ich könnte Franzose sein, Portugiese oder was weiß ich. Wäre ich Europäer, dann würde mich die ganze Welt unterstützen. Und wäre ich Amerikaner oder Australier, dann würden sie mich sogar lieben! Eigentlich wünschen sich alle Surfer, dass Kelly Slater endlich von seinem Thron gestoßen wird. Seit 20 Jahren sieht man immer nur Kelly, Kelly, Kelly - das ist langweilig. Wir brauchen eine Wachablösung. Und die bin ich. Sie sollten mir dankbar sein, doch die Nationen, die bisher die Weltmeisterschaften unter sich ausgemacht haben, wollen nun mal keinen brasilianischen Champ sehen. Das ist das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Auch außerhalb der Wettkampf-Szene scheint es Spannungen zwischen brasilianischen Surfern und den anderen Nationen zu geben. Woher kommen diese Animositäten?

Medina: Ich hab kein Problem damit zu sagen: Viele Brasilianer benehmen sich im Wasser wie die größten Idioten. Sie sind extrem aggressiv. Bei uns muss man sich mit aller Macht durchsetzen, das hat uns geprägt. Doch es gibt auch viele Schwachköpfe in Australien. Man kann so etwas nicht generalisieren. Doch die englischsprachigen Surfer tun das. Sie denken, weil wir ihre Sprache nicht gut beherrschen, seien wir dumm. Das ist einfach nur rassistisch.

SPIEGEL ONLINE: Trotz dieses Gegenwinds eines Teils der Surfszene zeigten Sie in diesem Jahr eine beeindruckende Konstanz, gewannen bereits drei von zehn Wettbewerben. Doch jetzt auf der Zielgeraden scheint Ihnen ein wenig die Luft auszugehen: Anstatt wie erhofft bereits in Portugal den Titel zu erringen, schieden Sie früh aus.

Medina: Bei den Contests in Frankreich und Portugal bin ich einfach schlecht gesurft. Das passiert auch mir mal. Doch die Weltmeisterschaft ist ein Marathon - abgerechnet wird zum Schluss.

SPIEGEL ONLINE: Nun geht es zum Saisonfinale in die Riesenwellen von Oahu, Hawaii, wo Ihre ärgsten Konkurrenten Kelly Slater und Mick Fanning bereits jahrzehntelang Erfahrung sammeln konnten. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Medina: Ich werde bereits Wochen vor Contestbeginn vor Ort sein und die heftigsten Wellen surfen, die ich finden kann. Ich habe mit meinem Sieg in Tahiti gezeigt, dass ich es mit den gefährlichsten Bedingungen aufnehmen kann. Ich habe keine Angst!



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
s.zweigler 29.10.2014
1. Klasse
Danke dafür, hier mal etwas übers surfen zu lesen. Der Sport wird weltweit immer populärer und ich hoffe auch, dass er in Deutschland sich weiterhin ausbaut. Ordentliche wellen sind nicht so weit, wie viele denken. ;) Einfach mal los fahren....
thommy_schmidt 01.02.2015
2. Surfen lernen wie die Profis
Wellenreiten ist ein fantastischer Sport und erobert auch Deutschland immer mehr. Klar kann man am Fluß ein wenig surfen üben, aber die einzig wahre Alternative ist das Meer. Doch wo kann man einmal ausprobieren, wie es sich anfühlt über eine Welle zu gleiten. Viele Surfschulen findet man z.B. auf den Kanarischen Inseln - insbesondere auf Fuerteventura. Schaut doch mal unter www.freshsurf.de - FreshSurf ist eine familiäre Surfschule, die surfen für Jeden - jedes Alter und Level - anbietet.
Chrisssi 24.03.2015
3. Surfen bei den Nachbarn
Thommy... du brauchst gar nicht so weit zu fliegen. In Deutschlands Nachbarland Frankreich gibt es erstklassige Strände zum Surfen Lernen. ;-) Hier ein Artikel zum Surfen Lernen in Europa: http://www.secretwavesurfcamp.com/blog/warum-sich-europa-so-gut-fuers-wellenreiten-lernen-eignet
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