Surflegende Slater Herr der Wellen

Elf WM-Titel hat Kelly Slater bereits geholt, doch der 40-Jährige will mehr. Im Interview spricht die Surflegende über perfekte Wellen, das Leben aus dem Koffer und erklärt, warum er "überhaupt kein Interesse" am Wachsen der Surfszene hat.


SPIEGEL ONLINE: Herr Slater, Ihr Triumph in Frankreich war der 51. Elitetour-Sieg Ihrer Profi-Laufbahn. Wie viele sollen es noch werden?

Slater: Die hundert würde ich schon noch gerne voll machen (lacht). Nein, ich habe keine Ahnung. Solange ich das Gefühl habe, auf höchstem Level zu surfen, werde ich heiß auf Titel sein. Es gibt immer neue Herausforderungen. Hier in Hossegor hatte ich zum Beispiel seit zwanzig Jahren kein Event mehr gewonnen. 1991 war das mein erster Profi-Sieg - unglaublich, wie lange es mittlerweile her ist.

SPIEGEL ONLINE: Anfang der Saison schien es, als ob Ihnen nach den Erfolgen in den vergangenen Jahren ein weiterer WM-Titel nicht wichtig sei. Den dritten Stopp der Weltmeisterschaftstour in Rio ließen Sie aus, obwohl Sie das Ranking anführten. Wann kehrte der Ehrgeiz zurück?

Slater: Jedes Mal, wenn ich ein Contest-Shirt überziehe, will ich gewinnen. Doch ich muss auch Spaß an der Sache haben. Für den Rio-Event waren kleine Wellen vorhergesagt. Ich hatte mich kurz vorher leicht verletzt und mir war überhaupt nicht danach, meine Energie in diesen Bedingungen zu verschwenden. Also reiste ich in der Zeit durch Australien und Indonesien und surfte mir in perfekten Wellen die Seele aus dem Leib. Jetzt fehlen mir zwar die WM-Punkte aus Rio, doch das Risiko bin ich bewusst eingegangen.

SPIEGEL ONLINE: Den nächsten Stopp in Fidschi gewannen Sie in den größten Wellen, die die Elitetour in diesem Jahr erlebte.

Slater: Ja, die Wellen am berühmten Riff von "Cloudbreak" waren unglaublich! Ein Naturschauspiel: sechs Meter hohe Wasserwände, die sich perfekt abrollten. Das sind die Momente, in denen das Surfen zu einer spirituellen Erfahrung wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie liegen nun auf dem zweiten Platz im Ranking, hinter Joel Parkinson und vor Mick Fanning. Welchen dieser beiden Konkurrenten fürchten sie im Kampf um die Weltmeisterschaft mehr?

Slater: Obwohl Mick der Erfahrene ist und bereits zweimal Weltmeister war, sehe ich Joel als meinen härtesten Gegner an. Er ist wie geschaffen für die letzten drei Tourstopps in Portugal, Kalifornien und auf Hawaii. Auf diesen Events erwarten wir große Wellen - und die surft niemand so stilvoll wie er.

SPIEGEL ONLINE: Surf-Wettkämpfe sind oftmals ein Geduldspiel. Wie geht man an wellenlosen Tagen am besten mit den Zwangspausen um?

Slater: Ich kann sehr gut abschalten. Dann spiele ich Golf oder treffe mich mit Freunden, die ich mittlerweile in allen Ländern habe. Seit neuestem haben meine Freundin und ich unseren kleinen Hund "Action" immer mit dabei - und der erfordert viel Aufmerksamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Schon als Teenager lebten Sie aus dem Koffer, reisten von Event zu Event. Was blieb bei diesem Lebensstil auf der Strecke?

Slater: Ich würde nicht sagen, dass ich etwas verpasst habe. Ich liebe, was ich gerade mache. Von außen betrachtet mag es entbehrungsreich erscheinen, keinen festen Wohnsitz zu haben, keine Kinder großzuziehen. Doch dieser Lebensabschnitt liegt einfach noch vor mir. Ob ich jetzt 40 oder 50 Jahre alt bin - das ist doch gleichgültig. Zahlen beeindrucken mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Internetübertragungen von Surf-Events haben mittlerweile bis zu einer Million Zuschauer, ausgewählte Wettkämpfe werden im TV übertragen. Ist ihre Sportart endgültig im Mainstream angekommen?

Slater: Solche Entwicklungen sind mir völlig egal. Ich selbst habe überhaupt kein Interesse daran, dass die Surfszene immer größer wird. Wir Surfer wissen, was uns das Wellenreiten bedeutet - ganz egal, wer uns zusieht. Von einem weiteren Wachstum profitiert ja lediglich die Surfindustrie. Für uns Surfer bedeuten mehr Anfänger weniger Wellen für alle - so einfach ist das.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren gibt es Überlegungen, Wellenreiten zu einer Olympischen Disziplin zu machen. Bisher scheiterten die Pläne an der Unwägbarkeit der Natur. Könnten künstliche Wellen hier Abhilfe schaffen?

Slater: Ich denke nicht. Wenn Surfen ins Programm der Olympischen Spiele aufgenommen wird, dann sollte es in echten Wellen stattfinden. In den besten Wellen, die die jeweilige Region zu bieten hat. Nur so können wir den Sport in seiner Gesamtheit präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: 2011 erklärten Sie nach Ihrem letzten WM-Titel, dass ein Abschied von der Profi-Tour eine von mehreren Optionen sei. Würden Sie denn abtreten, sollten Sie dieses Jahr leer ausgehen?

Slater: Das entscheide ich nach wie vor von Jahr zu Jahr, oder besser von Event zu Event. Im Moment bin ich völlig fokussiert auf den nächsten Wettbewerb in Portugal. Sicher ist, dass ich auch nach der Karriere sehr viel Zeit im Wasser verbringen werde (lacht). Und ich möchte mich verstärkt sozial engagieren. Mein Ziel wird es sein, die Kinder in den USA darüber aufzuklären, wie man gesund lebt. Solche Informationen sind in den USA nämlich leider Mangelware. Das will ich ändern!

Das Interview führte Jens Steffenhagen im französischen Ort Hossegor

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peterfleischhauer 08.10.2012
1. optional
Slater: "Ich selbst habe überhaupt kein Interesse daran, dass die Surfszene immer größer wird." Slater: "Nur so können wir den Sport in seiner Gesamtheit präsentieren." - Einerseits will er wie jeder Surfer die Wellen allenfalls mit ein par Freunden teilen und andererseits lebt er sehr gut von der Vermarktung des Sports und durch seine Art zu Surfen hat er wahrscheinlich schon viele animiert mit dem Surfen anzufangen.
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