Kentikian-Niederlage: "Killer Queen" ohne Krone und Perspektive

Aus Frankfurt an der Oder berichtet Constantin Wissmann

Rückschlag für Susi Kentikian: Die Boxerin hat ihre erste Niederlage kassiert und gleich drei Weltmeistertitel verloren. Die Deutsche war von ihrer schwachen Leistung in den ersten Runden schockiert. Kentikians Traum von Kämpfen in Übersee ist nun in weite Ferne gerückt.

Frauenboxen: Kentikian wird entthront Fotos
DPA

Sie saßen wie eine kleine Reisegruppe da, die gerade den letzten Bus in die Heimat verpasst hat und jetzt nicht weiß, wie es weitergehen soll. Susi Kentikian saß auf einem Plastikstuhl in der hintersten Ecke des engen, noch leeren Pressesaals des Sportzentrums Frankfurt an der Oder und schaute stumm auf ihr Handy, Trainer Magomed Schaburow und Manager Christoph Wesche stur geradeaus. Und noch immer suchten die drei nach Worten für das, was da gerade passiert war, was eigentlich nie hätte passieren dürfen.

Zwei Stunden zuvor hatte die 24 Jahre alte Boxerin gegenüber in der Brandenburg-Halle zum ersten Mal in ihrer Karriere einen Profikampf verloren - und auch ihre drei WM-Titel der Verbände WBO, WBA und WIBF im Fliegengewicht. "Das ist ein Schock", presste Kentikian dann auf dem Podium heraus und fasste so die Stimmung ihrer Entourage, des Promoters Ulf Steinforth vom SES-Boxstall und der rund 2500 Zuschauer treffend zusammen.

Kentikian meinte zum einen das Urteil: Zwei Kampfrichter hatten ihre Herausforderin, die US-Amerikanerin Melissa McMorrow, knapp vorn gesehen (94:96, 94:96), einer wertete den Kampf unentschieden (95:95). Nicht nur Kentikian zweifelte daran, von einem Fehlurteil mochte aber auch sie nicht sprechen. Vielmehr wird die Stärke ihrer Gegnerin die selbst ernannte "Killer Queen" verdutzt haben - ebenso wie die eigene Schwäche.

Kentikian verschläft die ersten vier Runden

Zwar hatte Kentikian vor McMorrow gewarnt: "Melissa ist eine absolute Top-Boxerin. Das können ganz harte zehn Runden werden." Doch das hatte eher wie ein Versuch gewirkt, den Abend für das Publikum interessanter zu machen. Der Kampfrekord der 30-jährigen McMorrow, die erst 2005 zum Profiboxen kam, war alles andere als zum Fürchten. Sechs Siege, drei Unentschieden und drei Niederlagen konnte sie vorweisen, Kentikian hatte sämtliche 29 Kämpfe gewonnen. Den Namen McMorrow hörten viele an diesem Abend zum ersten Mal - auf dem Kampfplakat und auf Kentikians Homepage war er nicht zu sehen.

Doch die Kalifornierin zeigte sich völlig unbeeindruckt von ihrer Außenseiterrolle und riss den Kampf mit dem ersten Gong an sich. Mit schnellen Händen trieb sie Kentikian vor sich her, so dass diese zunächst überhaupt nicht in ihren Rhythmus fand. Die Deutsche hatte im Sparring erstmals gegen Männer geboxt, doch von erhöhter Aggressivität war anfangs nichts zu sehen. "Die ersten vier Runden habe ich verschlafen", gab sie später zu. In diesen Runden verlor Kentikian den Kampf. Den Rückstand, den sie sich eingefangen hatte, konnte sie nicht mehr aufholen.

Dennoch: In der fünften Runde kam noch einmal Hoffnung auf. Kentikian übernahm nach und nach die Kontrolle im Ring. Jetzt konnte sie ihre technische Überlegenheit zumindest ansatzweise ausspielen. Während ihre Gegnerin selten mehr als einfache Links-Rechts-Kombinationen anbrachte, variierte Kentikian, streute hier mal einen Cross, da mal einen Aufwärtshaken ein.

Beide Seiten einigen sich schon auf Rückkampf

Doch richtig zwingend wurden die Schläge auch jetzt nicht, ihre sonst so harte Rechte traf oft nur Luft. Und McMorrow ließ sich nicht abschütteln. Selbst als ihre Nase ab der siebten Runde zu bluten anfing, warf sie sich immer wieder ins Getümmel und konnte den einen oder anderen Treffer landen. Die bessere Boxerin war Kentikian, das größere Herz an diesem Abend hatte McMorrow. Oder, wie es ihr Trainer und Manager Eddie Croft formulierte: "Das Mädchen hat Eier."

Und so war das Urteil der Kampfrichter nachvollziehbar. Aus dem Publikum kamen vereinzelte Buhrufe, viele der Experten am Ring stimmten aber mit dem Ergebnis überein. Dazu gehörte Axel Schulz, Ex-Schwergewichtler und Frankfurter Lokalheld. "Susi hat einfach zu wenig gemacht, McMorrow hat sich den Sieg verdient", sagte der 43-Jährige.

Bemerkenswert ist das Votum allemal. Dass ein Champion vor Heimpublikum bei einem umstrittenen Kampf nicht zum Sieger gekürt wird, wäre bei den Männern schwer vorstellbar. Und auch sonst könnte man mit diesem Kampf Werbung für das Frauenboxen machen. Es war ein ausgeglichener, harter Fight, spannend bis zum Schluss. Darin fand auch Kentikian etwas Trost: "Wenn ich gewonnen hätte, wäre das für viele nichts Besonderes gewesen. So ist uns wenigstens mehr Aufmerksamkeit sicher."

Immerhin: Spät am Abend wusste sie auch, wie es nun weitergehen wird. Beide Seiten einigten sich auf einen Rückkampf, vermutlich erneut in Frankfurt an der Oder. Eigentlich träumt Kentikian von Kämpfen in Übersee, etwa gegen WBC-Weltmeisterin Mariana Juárez aus Mexiko oder die Argentinierin Yésica Yolanda Bopp. Diese Ziele sind erst einmal weiter in die Ferne gerückt.

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
B.Lebowski 17.05.2012
Zitat von sysopRückschlag für Susi Kentikian: Die Boxerin hat ihre erste Niederlage kassiert und gleich drei Weltmeistertitel verloren. Die Deutsche war von ihrer schwachen Leistung in den ersten Runden schockiert. Kentikians Traum von Kämpfen in Übersee ist nun in weite Ferne gerückt. Susi Kentikian kassiert bittere Niederlage und verliert drei WM-Titel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,833658,00.html)
Warum dauert es ganze 3 Absätze in diesem Artikel, dass die Gewinnerin zu ersten Mal namentlich erwähnt wird? Egal ob Fan oder nicht, die Leistung zu würdigen sieht anders aus.
2. Da ist der Lack ab,...
workingclassloser 17.05.2012
Zitat von sysopRückschlag für Susi Kentikian: Die Boxerin hat ihre erste Niederlage kassiert und gleich drei Weltmeistertitel verloren. Die Deutsche war von ihrer schwachen Leistung in den ersten Runden schockiert. Kentikians Traum von Kämpfen in Übersee ist nun in weite Ferne gerückt. Susi Kentikian kassiert bittere Niederlage und verliert drei WM-Titel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,833658,00.html)
... den sie eigentlich nie hatte. Hauptsache ihr Promoter und alle anderen Geleckten haben gut an ihr verdient. Die nächste "Killerin" steht bestimmt schon in den Startlöchern. Boxen ist eben auch nur ein erbärmliches horizontales Gewerbe.
3. Danke
pirx64 17.05.2012
Zitat von B.LebowskiWarum dauert es ganze 3 Absätze in diesem Artikel, dass die Gewinnerin zu ersten Mal namentlich erwähnt wird? Egal ob Fan oder nicht, die Leistung zu würdigen sieht anders aus.
Das hatte ich auch gedacht!
4.
meisp 17.05.2012
Was hat Boxen mit Sport zu tun? Das ist einfach nur erbärmlich..
5. Albern..
akrisios 17.05.2012
Zitat von sysopRückschlag für Susi Kentikian: Die Boxerin hat ihre erste Niederlage kassiert und gleich drei Weltmeistertitel verloren. Die Deutsche war von ihrer schwachen Leistung in den ersten Runden schockiert. Kentikians Traum von Kämpfen in Übersee ist nun in weite Ferne gerückt. Susi Kentikian kassiert bittere Niederlage und verliert drei WM-Titel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,833658,00.html)
Die "Deutsche"...
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Box-Glossar
Beim Boxen ist die Stellung der Kämpfer ausschlaggebend, dazu kommen in der Regel drei verschiedene Schlag-Varianten zum Einsatz. Diese werden untereinander beliebig zu sogenannten Schlag-Kombinationen zusammengefügt. Ebenfalls ein probates Mittel ist das Klammern, um sich aus ungünstigen Situationen zu befreien.

  • Auslage: Unter der Auslage eines Boxers versteht man die Stellung und Richtung zum Gegner. Die Kämpfer stehen dabei einander nicht frontal, sondern versetzt gegenüber, wobei diejenige Hand, die dem Gegner näher ist, als Führhand, die hinten liegende Hand als Schlaghand bezeichnet wird. Da die meisten Menschen Rechtshänder sind, gilt die Linksauslage als normal und wird meistens Normalauslage genannt. Bei ihnen stehen linkes Bein und linke Hand näher zum Gegner - in der Rechtsauslage entsprechend andersherum.

    Jab: Eine abrupt geschlagene Gerade mit der Führhand. Der Schlag hat zumeist den Kopf zum Ziel. Der Jab zählt dabei nicht zu den stärksten Schlägen, nur selten geht ein Boxer nach einem einzelnen Jab zu Boden.

    Cross: Eine Gerade, die mit der Schlaghand geschlagen wird. Die Schlaghand wird vom Kinn auf einer geraden Linie ins Ziel geführt. Die Führhand wird dabei zurückgenommen, um das Kinn zu schützen. Der Cross ist ein sogenannter Powerpunch.

Haken: Ein Schlag, bei dem zwischen Kopf- und Körperhaken unterschieden wird. Zum Einsatz kommt der Haken beim Boxen in der Halbdistanz. Der Schlag eignet sich vor allem als K.o.-Schlag, da er zumeist von der Seite kommt und so durch die Deckung des Gegners geht.

Klammern: Eine taktische Maßnahme, um sich eine Pause zu verschaffen oder sich aus einer ungünstigen Position zum Gegner zu befreien. Der Ringrichter muss die Kontrahenten aus der Klammerung trennen, so dass eine neue Kampf-Situation entsteht. Klammern stellt einen Regelverstoß dar, der aber aufgrund der Häufigkeit oft geduldet wird. Ab einem gewissen Grad wird das Vergehen jedoch mit Verwarnungen und damit mit Punktabzügen bestraft.