Von Peter Ahrens
(Der Livestream ist beendet)
Das ist also die "Killer Queen". Ein 1,53 Meter kleines Persönchen, sorgfältig geschminkt, ganz in Pink gekleidet, 50 Kilo leicht, freundlich im Umgang, sanfter Händedruck. Man muss Susi Kentikian im Boxring erlebt haben, um auch nur annähernd zu verstehen, wie sie sich ihren Kampfnamen verdienen konnte. Am Mittwoch werde sie "zeigen, warum man mich so nennt", sagt sie.
Dann will die 24-Jährige in Frankfurt an der Oder ihre drei WM-Titel im Fliegengewicht gegen die US-Amerikanerin Melissa McMorrow verteidigen (20 Uhr, im Livestream von SPIEGEL ONLINE). Und die Zuschauer werden vermutlich wieder beeindruckt davon sein, wie sehr sich die sonst so freundliche Kentikian im Ring verwandeln kann. Die gebürtige Armenierin ist derzeit das Gesicht des deutschen Frauenboxens, sie ist das schlagendste Argument für diese immer noch leicht gewöhnungsbedürftige Sportart.
Die Geschichte von Susianna Kentikian, genannt Susi, ist eine, wie man sie zu erzählen liebt. Es ist die klassische Box-Geschichte. Da kommt jemand von ganz unten, verbringt die Kindheit in Flüchtlingsunterkünften, ist mit ihrer Familie ständig von Abschiebung bedroht, lernt als Jugendliche den Sport kennen und boxt sich zum Weltmeistertitel. Heute hat sie ihren Eltern ein Haus gekauft und sich ein schickes Auto erlaubt.
Vom Flüchtlingskind zur Weltmeisterin
Kentikian steht dafür, dass man es nach ganz oben schaffen kann. Die gebürtige Armenierin ist erst 24 Jahre alt, aber sie hat bereits ihre Biografie veröffentlicht - die Story des Wegs vom Flüchtlingskind zur Weltmeisterin. Ohne ihre Geschichte wäre sie vielleicht nur irgendeine, die sich im Frauenboxen versucht. Ihr Werdegang hat sie zu einer Persönlichkeit gemacht.
Kentikian sagt: "Ich muss keinen Komiker K.o. schlagen, um meinen Weg zu machen." Eine Anspielung auf Regina Halmich, so etwas wie die Mutter des Frauenboxens in Deutschland. Halmich ist mal bei ProSieben mit Stefan Raab in den Ring gestiegen und hat dem Moderator die Nase gebrochen. Das hat sie möglicherweise populärer gemacht als alle ihre Profi-Kämpfe.
Kentikian hat noch etwas vom Boxboom mitbekommen
Halmich hat 2007 ihre Karriere beendet, ihr Name geistert aber immer noch durch das Frauenboxen. Kein Interview, das Kentikian zu geben hat, in der nicht Halmich noch präsent ist. In der sie als Halmich-Nachfolgerin bezeichnet wird. Sie selbst findet das Thema "nicht mehr interessant".
Heute ist Kentikian eine wohlhabende Frau, sie hat noch etwas mitbekommen von den Nachwehen des Boxbooms, der in den neunziger Jahren ausbrach und jetzt langsam zu Ende geht. Bis 2010 wurden Kentikians Kämpfe noch vom ZDF übertragen. Sie boxte in den ganz großen Hallen, in der Köln Arena und der Arena in Hamburg. Heute ist ihr Promoter froh darüber, seine Fight Nights in Frankfurt an der Oder austragen zu können. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zieht sich, was Boxen angeht, zunehmend aus der Fläche zurück, "dabei ist klar: Ohne TV-Präsenz geht gar nichts", sagt Kentikian.
Am Mittwoch wird die freundliche Susi Kentikian wieder in die Seile klettern, sie wird dann wieder zur "Killer Queen". So viel ist sicher. Alles andere wäre auch für ihren langjährigen Trainer Magomed Schaburow eine Überraschung: "Wir haben schon so oft wochenlang über einer Kampftaktik gebrütet, und dann dreht Susi sich um, geht in den Ring und macht alles ganz anders."
Bis jetzt ist das immer gutgegangen. Kentikian vereinigt die Weltmeistertitel der Verbände WBA, WBO und WIBF auf sich. Alle drei Weltmeister-Gürtel sollen am Mittwoch verteidigt werden. Vermutlich wird sie wieder so kämpfen, "als ginge es um ihr Leben", wie Schaburow mal formuliert hat. Susi Kentikian hat in ihrem Leben gelernt zu kämpfen. Der Titel ihrer Biografie heißt: "Mir wird nichts geschenkt."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Boxen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH