Sylvia Schenk über Ullrich: "Nichts gesagt und dann noch rumgestänkert "

Von den Fans beklatscht, von der Presse kritisiert: Jan Ullrich polarisiert auch nach seinem Rücktritt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE spricht die ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer, Sylvia Schenk, über verpasste Chancen und die Anhänger des ehemaligen Radidols.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schenk, Jan Ullrichs Pressekonferenz, auf der er das Ende seiner Karriere verkündete, wurde hart kritisiert. Können Sie Ullrichs Auftritt dennoch verstehen?

Ehemalige deutsche Radsport-Verbands-Präsidentin Schenk: "Ullrich-Fans leben in einer Scheinwelt"
DPA

Ehemalige deutsche Radsport-Verbands-Präsidentin Schenk: "Ullrich-Fans leben in einer Scheinwelt"

Sylvia Schenk: Nein, nicht wirklich. Die Vorgehensweise war sicherlich falsch. Langfristig wird ihm dieser Auftritt nicht helfen. Es war nicht souverän, es war eigentlich gar nichts, was er gesagt hat. Nicht eine Spur Selbstkritik dabei, nur die anderen sind schuld, diese Larmoyanz. Es war die schlimmste Mischung, die man sich hätte vorstellen können: nichts gesagt und dann noch rumgestänkert. Anfangs war es peinlich, gegen Ende wurde es nur noch traurig.

SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, geht er diesen Weg?

Schenk: Er blickt nicht durch. Er sieht keinen anderen Ausweg und versucht, auf diese Weise seine Reputation zu retten. Außerdem will er die anderen Radsportler nicht verraten. Das Ganze hätte auch eine große Chance sein können.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Schenk: Wenn endlich mal einer aufgestanden wäre und gesagt hätte: So funktioniert das System, das wird gemacht. Für Ullrich ist das alles aber viel zu schrecklich, als dass er es zugeben könnte. Aber man hat doch 2002, als er ein halbes Jahr wegen Ecstacy-Missbrauchs gesperrt war, gesehen, dass ihm die Öffentlichkeit das verzeiht, wenn er zu seinen Fehlern steht. Im Nachhinein ist damals doch alles optimal für ihn gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben an seine Schuld?

Schenk: Ullrich hat gestern wieder gesagt, er habe nicht betrogen. Mehr nicht. Auf "Ich habe nicht gedopt" musste man vergebens warten. Das alles war ein kläglicher Abgesang. Im Grunde verrät er sogar auf diese Art seine Fans, die er komischerweise immer noch hat.

SPIEGEL ONLINE: Warum stehen diese Fans noch hinter Ullrich?

Schenk: Sie brauchen ihren Helden, eine Art Überidentifikation. Sie leben in der gleichen Scheinwelt wie Ullrich.

SPIEGEL ONLINE: Die Ullrich-Seite kritisiert die Verbände, die ihrer Meinung nach die Verfahren in die Länge ziehen würden.

Schenk: Ja, es heißt, Ivan Basso fährt, Ullrich darf nicht. Das eine ist aber Italien, das andere die Schweiz. Und wer sagt denn, dass auf Basso nicht noch Sperren zukommen? Außerdem brauchen solche Verfahren ihre Zeit. Es ist doch ein großes Risiko, Sperren auszusprechen, solange nicht alle Beweise auf dem Tisch sind. Eine achtmonatige Bearbeitungszeit ist bei solch komplexen Verfahren ganz normal.

Das Interview führte Frieder Pfeiffer

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