Missbrauchsvorwürfe am Fechtzentrum Lange gesucht, nichts geklärt

Wurden am Fechtzentrum in Tauberbischofsheim Sportler missbraucht, Beschwerden ignoriert, Fehlverhalten vertuscht? Eine Taskforce ging monatelang den Vorwürfen nach. Herausgefunden hat sie verdächtig wenig.

Fechthalle in Tauberbischofsheim
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Fechthalle in Tauberbischofsheim

Von und , Tauberbischofsheim


Der FC Tauberbischofsheim hat sich Zeit gelassen mit der Aufklärung, das stand schon vor dem heutigen Tag fest. Die Untersuchungskommission des Klubs, die in den vergangenen Monaten den Missbrauchsvorwürfen am weltberühmten Fechtzentrum nachgegangen ist, wollte ursprünglich im Mai 2017 erste Ergebnisse präsentieren.

Aus Mai wurde Juni, aus Juni wurde September und schließlich Januar.

An diesem Dienstag, acht Monate später als angekündigt, lud der Fecht-Club dann doch noch in das Hotel Sankt Michael in Tauberbischofsheim ein, wo die so genannte Task Force in einem "Pressegespräch" ihre Resultate vorstellte.

Gab es Fehlverhalten gegenüber Sportlerinnen und Sportlern? Wurden Beschwerden nicht nachgegangen? Wurde Fehlverhalten vertuscht?

Pressegespräch in Tauberbischofsheim
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Pressegespräch in Tauberbischofsheim

Mit allen diesen Fragen habe man sich "eingehend beschäftigt", sagt Sebastian Warken, der Leiter der Untersuchungskommission. Der Rechtsanwalt sitzt vorne auf dem Podium und spricht mit ernstem Gesicht. Neben ihm hat Lothar Derr Platz genommen, der Vorstand des FC Tauberbischofsheim. Auch Claudia Bokel, die Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes, ist nach Tauberbischofsheim gereist.

Der Report, der zu Beginn der Präsentation an die Journalisten verteilt wird, trägt den Titel "Untersuchungsbericht zum Fechtzentrum Tauberbischofsheim". Er ist 37 Seiten lang. Die fünf Ermittler der Task Force, heißt es in dem Dokument, haben in den vergangenen Monaten mit 35 Personen über 40 Gespräche geführt, meist waren es persönliche Interviews, die zwischen zweieinhalb und elf Stunden pro Treffen gedauert haben. Die Untersuchungskommission sprach mit ehemaligen und aktiven Sportlerinnen und Sportlern, mit deren Eltern, mit Trainern und Führungsverantwortlichen am Fechtzentrum.

Die Arbeit der Task Force sollte neue Erkenntnisse liefern zu der Frage, ob und in welcher Form es zu sexuellen Übergriffen an der einstigen Medaillenschmiede gekommen ist. Man habe "hart gearbeitet", es sich "nicht leicht gemacht" und "sehr intensive Gespräche" geführt, sagt Warken. Der Report sei eine "Bestandsaufnahme dessen, was wir bisher an Hinweisen haben". Kurze Pause, Warkens Stimme wird jetzt etwas leiser. "Wir sind allerdings auch auf einige Hürden gestoßen und an Grenzen gekommen." Mit anderen Worten: Heute bitte nicht zu viel Aufklärung erwarten.

Der Fecht-Club Tauberbischofsheim setzte die Kommission im April 2017 ein, nachdem bekannt geworden war, dass mehrere Sportlerinnen einem renommierten Trainer sexuelle Gewalt vorwerfen. Im Dezember 2016 wandte sich eine Fechterin an Funktionäre des Landessportverbands Baden-Württemberg (LSV), sie erhob schwere Anschuldigungen: Sven T., ein langjähriger Landestrainer, soll sie nach einem Turnier im Jahr 2003 auf ihrem Hotelzimmer aufs Bett gedrückt und sich dann bekleidet auf sie gelegt haben. Erst als ihre Zimmernachbarin hereinplatze, habe der Trainer von ihr abgelassen.

Fecht-Club Tauberbischofsheim
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Fecht-Club Tauberbischofsheim

Der LSV war damals der Arbeitgeber von Sven T., der Verband kündigte dem Fechttrainer noch im Dezember 2016 fristlos, nachdem auch andere Sportlerinnen und Trainerkollegen beim Verband gegen ihn ausgesagt hatten. Offenbar hatten sich über die Jahre am Fechtzentrum immer wieder Frauen über Sven T. beklagt, über seinen Alkoholkonsum, und darüber, dass er Kaderathletinnen in den Po gekniffen und obszöne Bemerkungen über ihre Brüste gemacht haben soll. Bis ins Jahr 2016 soll es solche Vorfälle gegeben haben. Manche Leute am Fechtzentrum, die in leitenden Positionen waren oder sind, sollen die Klagen über Sven T. gekannt und vertuscht haben. Der Trainer selbst bezeichnete die Anschuldigungen gegen ihn als unwahr. Vor dem Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg wird derzeit verhandelt, ob seine Kündigung rechtens war.

Der SPIEGEL berichtete zuerst über die Vorwürfe der Sportlerinnen. Nach der Veröffentlichung gründete der FC Tauberbischofsheim eilig die Task Force. Man versprach rückhaltlose Aufklärung, doch wer sich das von dem Bericht der Untersuchungskommission erhofft hatte, wurde nun enttäuscht. Die Task Force hat mehr Fragen aufgeworfen, als beantwortet.

Der Report beschäftigt sich auf vielen Seiten mit der Frage, wer in Tauberbischofsheim das Weisungsrecht gegenüber Trainern hat, an einer anderen Stelle geht es ausführlich um Strukturen bei der Personalführung. Selten ist der Bericht konkret, noch seltener wird Bezug genommen zu möglichen Übergriffen und deren Hintergründen. Einmal heißt es: "In der Vergangenheit sind Trainingseinheiten zu beobachten gewesen, die unzulässige oder körperlich und seelisch belastende Elemente enthalten (wie etwa die Sanktionierung von Fehlern durch das Ablegenmüssen eines Kleidungsstücks, durch die Ausübung von Druck durch verbale Gewalt, etwa Anschreien oder herabsetzende Äußerungen, sowie durch körperliche Maßregelungen, etwa Schlagen mit dem Griff der Fechtwaffe)."

"Den Sachverhalt halte ich für nicht aufgeklärt"

Was das Verhalten des Landestrainers Sven T. angeht, kommen die Ermittler zu dem Ergebnis, dass "eine Reihe von Auskunftspersonen" bei ihm "eine gewisse 'Distanzlosigkeit' festgestellt haben". Der Trainer soll Sportlerinnen immer mal wieder einen Klaps auf das Gesäß gegeben haben, im Training soll er die Haltung der Sportlerinnen auf der Planche grundsätzlich durch Berührungen korrigiert haben, nicht durch verbale Beschreibungen. Zu Berührungen im Brust- oder Genitalbereich sei es laut den Befragten nicht gekommen. Zu der Szene im Hotelzimmer im Jahr 2003, dem Hauptvorwurf gegen Sven T., liefert der Bericht keine neuen Erkenntnisse. "Den Sachverhalt halte ich für nicht aufgeklärt", gibt Warken zu.

Sein Problem ist, dass das mutmaßliche Opfer von damals nicht mit der Task Force gesprochen hat. Sie wolle zunächst den Ausgang des Verfahrens vor dem Arbeitsgericht abwarten, heißt es in dem Bericht. Auch ihre damalige Zimmernachbarin, die mögliche Zeugin des Übergriffs, lehnte ein Gespräch mit der Task Force ab. Warum, ist unklar.

Allerdings gab es nach SPIEGEL-Informationen von Anfang an mehrere Personen, die die Unabhängigkeit der Ermittler in Frage stellten. Möglicherweise zurecht. Zwischen den Beschuldigten und den Task-Force-Ermittlern gab es private und finanzielle Verflechtungen, wie der SPIEGEL aufdeckte. Die beiden Söhne des Task-Force-Leiters Warken waren zumindest im vergangenen Jahr noch Mitglieder im FC Tauberbischofsheim und gingen dort zum Kinderturnen.

Ob das nach wie vor so ist und ob sich daraus ein Interessenkonflikt für ihn ergibt? Warken wollte heute nicht darauf antworten. Nur soviel: Er könne "aus tiefstem Herzen" sagen, dass seine Untersuchungskommission "absolut unabhängig" arbeite.

Eine Person, die der Task Force mehrere Stunden von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung am Fechtzentrum berichtete, sagt dem SPIEGEL: "Mir wurde zugehört, aber ich hatte auch das Gefühl, dass mir nicht geglaubt wird und ich mich verteidigen muss. Manche Personen aus der Task Force wollten nicht wahrhaben, dass es scheiße ist, was da in Tauberbischofsheim läuft."

Es gibt kaum eine relevante Frage, die Warken bei der Präsentation seines Berichts beantworten möchte. War Sven T. ein tragbarer Trainer? "Das zu beurteilen ist nicht meine Aufgabe". War seine Kündigung gerechtfertigt? "Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich dazu keine Aussage treffen." Hat es sexuelle Gewalt am Fechtzentrum in Tauberbischofsheim gegeben? "Das werde ich nicht mit ja oder nein beantworten, denn das würde eine Wertung enthalten, und zwar: Was ist sexualisierte Gewalt? Was zähle ich darunter und was nicht?"

Kommissionsleiter Warken
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Kommissionsleiter Warken

Der Bericht, sagt Warken, könne kein abschließendes Gesamtbild liefern. Was die Frage aufwirft, warum man ihn dann veröffentlicht. Überhaupt spricht Kommissions-Chef Warken ungern über Untersuchungsergebnisse, sofern sie seine Task Force denn gefunden hat. Viel lieber redet er über das letzte Kapitel seines Berichts, über die Empfehlungen nämlich, die man dem FC Tauberbischofsheim und dem Fechtsport insgesamt geben möchte.

Die Kommission hat einen Sechs-Punkte-Plan dazu entwickelt, man solle "unmissverständliche Handlungsanweisungen und Regeln für das Verhalten gegenüber Sportlerinnen und Sportlern" definieren, so steht es in einer Pressemitteilung dazu. Es fallen darin auch Schlagworte wie "Compliance-Strategie", "Mehr-Augen-Prinzip" und "Controlling". Es sind Maßnahmen, die sich gut anhören - und die in einigen größeren Sportverein in Deutschland mittlerweile Standard sind.

Man wolle die Empfehlungen ernst nehmen, verspricht Lothar Derr, der Vereinsvorstand des FC Tauberbischofsheim. Und Fecht-Präsidentin Claudia Bokel sagt: "Es wird ab heute anders zugehen im Deutschen Fechter-Bund." Man brauche "eine Kultur des Hinschauens."

Und wie genau hat die Task Force in Tauberbischofsheim hingeschaut? Hat sie aufgeklärt? Immerhin diese Frage beantwortet der Kommissions-Chef Warken noch, wenn auch nur indirekt. "Im Leben", sagt der Rechtsanwalt, "geht es nicht nur um die Vergangenheit, sondern vor allem um die Zukunft."

insgesamt 5 Beiträge
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bluejuly 30.01.2018
1. Bei allem Respekt vor kritischem Journalismus
Das sind recht wenig konkrete Anschuldigungen und viele geraunte Verschwörungen. Ja, das Thema ist wichtig und ja natürlich sollten auch die Kontrollen kontrolliert werden, aber es gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung und eine Institution wie der Spiegel sollte sich bitte nicht dafür hergeben einen Artikel mit Verdächtigungen zu füllen die letztlich die Beweislast umkehren. Schon die Überschrift "verdächtig wenig herausgefunden" ist ziemlich fragwürdig. Ohne den Fall konkret beurteilen zu wollen (oder können): Es soll auch Untersuchungen geben bei denen die Grundannahme nicht bestätigt wird ohne das düstere Gestalten in Hinterzimmern munkeln. In unserer schnellen Zeit des Hypes ist es vielleicht sogar doppelt wichtig gerade diese Untersuchungen auch zu Wort kommen zu lassen. Gerne weiter mit kritischem Blick recherchieren...aber bitte nicht auf Klatschniveau hinter vorgehaltener Hand Gerüchte streuen.
freddygrant 30.01.2018
2. Mit etwas Geduld ...
... und den entsprechenden Anzeigen, Tatsachen und Fakten wird sich der aktuelle Fall in Tauberbischofsheim doch konkretisieren lassen.
rs-quant 30.01.2018
3. Schuldspruch zweiter Klasse
Ich sehe das etwas anders als mein Vorredner: Da es hier nicht um einen Strafprozess sondern um einen arbeitsrechtlichen Streit geht, gibt es auch keine Unschuldsvermutung. Die Fakten sind: Es liegen konkrete Anschuldigungen vor. Es wurde eine Kommission eingesetzt, um die Vorwürfe zu untersuchen. Jetzt wäre es an der Kommission gewesen, Zeugenaussagen und Fakten zu benennen, die die Beschuldigten entlasten. Der Kommission ist es nicht gelungen, die Vorwürfe zu entkräften. Damit liegen nun genügend Informationen vor, um den Vorgang endgültig an die ordentliche Justiz zu übergeben. Arbeitsrechtlich könnte es vielleicht durchaus von Belang sein, dass es der Kommission nicht gelungen ist, die Vorwürfe zu entkräften. Hier muss nicht die Schuld des Gekündigten bewiesen werden, sondern die Tatsache, dass eine Fortführung des Arbeitsverhältnisses für den AG nicht zumutbar ist. IMHO ist es einem AG nicht zuzumuten einen AN zu beschäftigen, dem es im Rahmen der langen Arbeit der Kommission nicht gelungen ist, die Vorwürfe sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gegen zu entkräften.
urmedanwalt 30.01.2018
4. Vertuschung
geht auf vielerlei Weise. Ein solch schwammiger "Bericht" lässt mehr Fragen offen, als er beantwortet. Man will bewusst nicht mehr erfahren, weil man sonst gefährlich nah an Leute herankommt, die im Sport sehr weit gekommen sind.
genugistgenug 31.01.2018
5. Komische Zahlen
...haben in den vergangenen Monaten mit 35 Personen über 40 Gespräche geführt, meist waren es persönliche Interviews, die zwischen zweieinhalb und elf Stunden pro Treffen gedauert haben. Die Untersuchungskommission sprach mit ehemaligen und aktiven Sportlerinnen und Sportlern, mit deren Eltern, mit Trainern und Führungsverantwortlichen am Fechtzentrum. ..... Bewreits INTERVIEWS zwischen 2,5 und 11 Stunden sind dubios. Das bedeutet ja Frage/Antwort und kein Gespräch. Dann 40 Gespräche bei 35 Personen - das sollten doch mindestens 70 Gespräche sein. Erstgespräch mit Datenaufnahme und dann ZWietgespräch mit Verifizierung und Rückfrage der Details! 35 Personen aufgeteilt in 6 Gruppen. Mal rechnen 6 ehemalige und 6 aktiven Sportlerinnen/Sportlern - dazu 12 Eltern), dann 6 Trainern und 5 Führungsverantwortlichen, bringt nach unserer Grobschätzung 12 betroffenen SportlerInnen. Irgendwie sehr wenig. Mal sehen was da noch rauskommt - auf jeden Fall hat das Aussitzen bereits geholfen das Thema aus dem Fokus der Öffentlichkeit zu nehmen.
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