Technikpanne bei Ultra-Triathlon: "Ich saß auf meiner Liege und habe geheult"

Fotostrecke: Der große Frust nach 20 Stunden Fotos
Markus Schmidt

Der Double Ultra Triathlon in Emsdetten sollte für viele Teilnehmer ein Höhepunkt werden - doch er wurde eine große Enttäuschung, weil die Technik versagte. Eine Triathletin erzählt, wie man sich fühlt, wenn man nach 20 Stunden plötzlich kein Ziel mehr hat.

Hamburg - Es nennt sich Double Ultra Triathlon, was vor einem Monat in Emsdetten geplant war: 7,6 Kilometer Schwimmen, 360 Kilometer Radfahren und 84,4 Kilometer Laufen. Als die Teilnehmer mit dem Schwimmen und Radfahren fertig und schon auf der Laufstrecke waren, streikte jedoch die Technik.

Während die Athleten ihre Runden drehten, wurden die Monitore für die Zeitmessung plötzlich schwarz. Die Sportler liefen weiter, weil sie hofften, das Problem würde behoben. Wurde es aber nicht. Erst wurde das Rennen unter- und dann schließlich abgebrochen. Riesengroßer Frust unter den Athleten. Eine von ihnen war Birgit Schmidt-Böse, die im Interview mit achim-achilles.de von ihrer Vorbereitung und ihrem Frust berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schmidt-Böse, beim Double Ultra Triathlon müssen Sie 7,6 Kilometer schwimmen, 360 Kilometer radfahren und 84,4 Kilometer laufen. Warum wollten Sie sich das antun?

Schmidt-Böse: Es geht darum seine Grenzen kennenzulernen. Wie viel kann ich leisten? Ich bin 45 Jahre und nicht mehr die Jüngste. Ich habe gedacht: Wenn ich das jetzt nicht mache, dann nie.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich ihren Traum erfüllt und sind beim Double Triathlon in Emsdetten - dem einzigen in Deutschland - am Start gewesen. Allein die Vorbereitung muss unglaublich hart gewesen sein.

Schmidt-Böse: Das kann man wohl sagen. Ich habe mich ein Jahr lang intensiv darauf vorbereitet. Meine ganze Freizeit habe ich für das Training geopfert. Um mir das Trainingslager auf Mallorca leisten zu können, habe ich extra noch einen Nebenjob angenommen und auch sonst viel Geld ausgegeben. Das sollte der Wettkampf-Höhepunkt in meinem Leben werden.

SPIEGEL ONLINE: Aber auf einen Aspekt waren Sie nicht vorbereitet: Die Technik versagte. Wann haben sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt?

Schmidt-Böse: Erst lief alles ganz normal. Es war zwar anstrengend, immerhin war ich schon 19 Stunden unterwegs, aber ich habe mich gut gefühlt. Dann bemerkte ich, dass die Monitore, auf denen wir unsere Rundenzeiten verfolgen konnten, schwarz waren.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie getan?

Schmidt-Böse: Ich bin erst mal weitergelaufen. Immer, wenn ich über die Matte lief, die die Runden zählte, war da dieses vertraute Piepen, wie sonst auch. Klang für mich, als sei alles in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: War es aber nicht?

Schmidt-Böse: Nein. Es gab eine große Uhr am Streckenrand, die ohne Probleme lief. Doch was nicht mehr funktionierte, war die Rundenzählung.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten, vereinfacht gesagt, 80 Kilometer im Kreis absolvieren. Also pro Runde 1,5 Kilometer und das unglaubliche 60 Mal. Wie motiviert man sich da?

Schmidt-Böse: Man will einfach nur noch ankommen. Irgendwann nach 20 Stunden Schwimmen, Radfahren und Laufen, denkt man an nichts mehr. Alles spielt sich ab wie ein Film. Aber wenn man nicht mehr weiß, wie viele Runden man gelaufen ist, ist das natürlich noch viel schwerer.

SPIEGEL ONLINE: Niemand kannte seine Rundenanzahl?

Schmidt-Böse: Nein. Kein Athlet wusste, wie viele Runden er bereits gelaufen war, außer ein paar Teilnehmern, deren eigene GPS-Uhr noch lief. Meine Uhr hat nach 19 Stunden den Geist aufgegeben. Mein Helferteam meinte zu mir, ich sei 14 Runden gelaufen. War sich aber nicht sicher. Ich dachte, ich sei erst bei zehn gewesen. Das war ein großes Durcheinander.

SPIEGEL ONLINE: Am nächsten Morgen, fast 24 Stunden nach dem Startschuss, wurde das Rennen abgebrochen. Wie haben Sie und die anderen Athleten reagiert?

Schmidt-Böse: Ich saß da auf meiner Liege, eingehüllt in eine Decke und habe geheult. Ein anderer Triathlet hat die ganze Zeit "Scheiße" geschrien. Wir waren alle fix und fertig. Ich habe fast 22 Stunden Sport getrieben und war so kurz vor dem Ziel. Es ging mir ja nur darum anzukommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind dann aber noch mal raus auf die Strecke.

Schmidt-Böse: Der Veranstalter hat gesagt, alle können weiterlaufen, aber inoffiziell. Ich war völlig fertig mit den Nerven. Ein befreundeter Triathlet hat mich motiviert - indem er mich anschrie, dass ich jetzt gefälligst mit ihm weiterlaufen soll. Also habe ich mich aus meiner Decke geschält und bin wieder raus.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange sind Sie weitergelaufen?

Schmidt-Böse: Bis Runde 30 - ungefähr. Das wusste ich ja nicht genau. Hinzu kam, dass ich große Schmerzen im Knie hatte. Die Streckenärztin meinte, ich solle nicht mehr laufen, sondern nur noch gehen, um mir keine größere Verletzung zuzuziehen. Tja, nur genau das war das Problem: Ich wusste ja nicht, bis wohin ich überhaupt gehen sollte. Sind es noch 30 oder sogar 40 Runden? Dann habe ich aufgehört.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile ist ein Monat vergangenen, wie fühlen Sie sich? Können Sie nicht auch stolz auf sich sein?

Schmidt-Böse: Für mich ist das kein Erfolg. Ich bin nicht ins Ziel gekommen, das ärgert mich immer noch. Mein Team hätte einfach felsenfest behaupten sollen, dass ich 14 Runden gelaufen bin. Selbst wenn es eine Lüge gewesen wäre. Dann hätte ich bis zum Schluss weitergemacht - auch mit schmerzendem Knie.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn von Seiten der Veranstalter oder vom Zeitnehmer Mika Timing eine Entschuldigung?

Schmidt-Böse: Den Veranstalter trifft meiner Meinung nach keine Schuld. Trotzdem hat er sich bei uns Athleten für die Technikpanne entschuldigt. Mika Timing hat uns gegenüber keine Stellung bezogen. Einige der Teilnehmer haben sich einen Anwalt genommen. Wir wollen wenigstens unsere Startgebühr zurückhaben.

SPIEGEL ONLINE: Der Double Ultra Triathlon soll 2015 in Emsdetten wiederholt werden. Werden Sie dabei sein?

Schmidt-Böse: Wenn ich bis dahin gesund und fit bleibe, möchte ich gerne teilnehmen. Das Einzige, worauf ich bestehe, ist die Startnummer 5. Die habe ich dieses Jahr gehabt und möchte ich auf jeden Fall wiederbekommen.

Die ganze Geschichte mit aktuellem Statement von Mika Timing lesen Sie auf achim-achilles.de.

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
sozialminister 11.07.2013
Verstehe die Enttäuschung überhaupt nicht. Sollte nicht der Weg das Ziel sein? Man wird doch wohl kaum für einen kurzen Höhepunkt Jahre voller Qualen und Frust auf sich nehmen. Das Training wird doch auch so Spaß gemacht haben, die Leidenschaft am Bewegungssport, an seine Grenzen zu gehen und viel Zeit mit Freunden zu verbringen. Klar ist es natürlich das i-Tüpfelchen wenn man sich in einem Wettkampf durchsetzen kann, aber das kann doch wohl nicht alles sein. Bezweifel auch, daß Ruhm und Preisgeld bei einem solchen Nischenwettbewerb von großartiger Bedeutung sein werden. Worum ging es da also schon, wenn nicht um den Spaß am Sport?
2.
milan8888* 11.07.2013
First World Problems…
3. Korrekturlesen!
orthos 11.07.2013
"Es nennt sich Double Ultra Triathlon, was vor einem Monat in Emsdetten geplant war: 7,6 Kilometer schwimmen, 360 Kilometer Radfahren und 84,4 Kilometer. Als die Teilnehmer.." 84,4 Kilometer WAS?!
4. optional
phoenix78 11.07.2013
---Es nennt sich Double Ultra Triathlon, was vor einem Monat in Emsdetten geplant war: 7,6 Kilometer schwimmen, 360 Kilometer Radfahren und 84,4 Kilometer. --- 84,4 Kilometer was denn bitte? Bus fahren? Liebe SPON-Redakteure lest doch bitte am Ende eure eigenen Artikel nochmal durch.
5. @othos
jt96 11.07.2013
Marathon = 42,2km --> Double Marathon = 84,4km
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ZUR PERSON

Birgit Schmidt-Böse, Jahrgang 1968, Verwaltungsangestellte in Bielefeld und Hobbytriathletin. Sie hat sich ein Jahr lang intensiv vorbereitet um sich ihren Traum zu erfüllen: Beim Double Ultra Triathlon in Emsdetten dabei zu sein und unter 34 Stunden zu bleiben.


Buchtipp

ZUR PERSON
  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.