Becker als Djokovic-Trainer Vom Meister lernen

Novak Djokovic ist einer der besten Tennisspieler seiner Generation, das Spiel des Serben ist nahezu perfekt. Doch besonders am Netz hat der Weltranglistenzweite noch Schwächen. Genau dort fühlte sich sein neuer Trainer Boris Becker am wohlsten.

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Von Philipp Joubert, London


Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Boris Becker wird der Trainer von Novak Djokovic. Novak Djokovic, der zum Ende der Tennissaison 24 Matches in Folge gewonnen hat, der konstanteste Spieler der vergangenen Jahre. Ein Spieler, der den Sport - trotz seines Humors - mit einer Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit betreibt, die selbst engste Begleiter erstaunt zurücklässt.

Dieser Novak Djokovic heuert Boris Becker als Trainer an. Das fühlt sich so an, als wenn Brasilien Lothar Matthäus als neuen Coach vorstellen würde. Doch ist die erste Überraschung erst mal verflogen, gibt es sogar gute Gründe für Beckers neue Rolle.

Becker ist in Deutschland mittlerweile eine Boulevardfigur, die mal gut Tennis gespielt hat. In Großbritannien und den USA, wo der Sport immer noch ein große Rolle spielt, ist Becker hingegen eine Tennislegende, die sich manchmal ungeschickt auf dem Boulevard bewegt.

Becker ist einer der Hauptanalysten der BBC, die das Wimbledon-Turnier jeden Sommer als fast religiöses und staatstragendes Ereignis in die britischen Wohnzimmer bringt. Becker fällt weder als Experte noch als Kommentator für den britischen Bezahlsender Sky negativ neben anderen Tennisgrößen wie John McEnroe oder Martina Navratilova auf. Wie bei anderen Experten auch fehlt es manchmal an Wissen über Spieler außerhalb der Top 20, aber Beckers technisches Know-how ist immer noch beeindruckend.

Doch reicht das, um Cheftrainer der Nummer zwei der Welt zu werden?

Was macht ein "Chefcoach" beim Tennis?

Beim Studium der Presseerklärung fällt sofort auf, dass Becker wirklich als "Head Coach", als Cheftrainer vorgestellt wird. Cheftrainer ist im Tennis ein ungewöhnlicher Begriff, kein anderer Top-Spieler hat einen Cheftrainer. Normalerweise reichen ein oder zwei Trainer, ein Physiotherapeut und ein Trainingspartner.

Becker ersetzt auch nicht Djokovics Langzeittrainer. Marian Vajda bleibt an Bord. Vajda betont sogar, dass er Becker als neuen Cheftrainer mit ausgesucht habe. Becker nimmt also eine Sonderrolle im Team von Djokovic ein, eine Sonderrolle, die sich wohl auch schnell wieder kündigen lässt.

Steckbrief Boris Becker
  • dpa/dpaweb
    Name
    Boris Becker
    Geburtstag
    22. November 1967
    Geburtsort
    Leimen, Baden-Württemberg
    Turniersiege
    64 (davon 49 im Einzel)
    Preisgeld
    25.080.956 US-Dollar
    Höchste Weltranglisten-Platzierung
    1 (insgesamt 12 Wochen)
    Größte Erfolge als Spieler
    Australian Open: 1991, 1996
    Wimbledon: 1985, 1986, 1989
    US Open: 1989
    ATP-Weltmeisterschaft: 1988, 1992, 1995
    Olympia-Gold im Doppel: 1992 (mit Michael Stich)
    Davis-Cup-Sieg: 1988, 1989, 1993
Djokovic hat vor vier Jahren schon mal eine Tennisgröße als zusätzlichen Trainer angeheuert, wenn auch nicht mit so bekanntem Namen wie Becker: Die ehemalige Nummer vier der Welt, Todd Martin. Der Amerikaner sollte Djokovic vor allem mit seinem Aufschlag helfen. Doch das Experiment wurde nach wenigen Monaten beendet, und Djokovic hatte bis zu seinem Ausnahmejahr 2011 mit seinem Aufschlag Probleme.

Daher dürfte sich der Serbe den Schritt mit Becker gut überlegt und wohl auch auf seinen Jugendtrainer und Beckers ehemaligen Davis-Cup-Kapitän Niki Pilic gehört haben.

Becker war zu seiner Heldenzeit ein unglaublich dynamischer Spieler, jemand, der das Geschehen mit seinem Aufschlag und seiner Vorhand dominiert hat. Vor allem aber war Becker einer der besten Spieler am Netz. Seine Volleys und Schmetterbälle gehören auch heute noch in jedes Tennislehrbuch.

Und genau hier liegt die größte Schwäche von Djokovic: Sein Spiel am Netz ist eines Top-Spielers unwürdig.

Was Djokovic braucht, um Nadal zu schlagen

Um seinen Erzrivalen Rafael Nadal nicht nur bei kleineren Turnieren, sondern auch bei den Grand Slams zu schlagen, muss Djokovic sein Spiel weiterentwickeln, dem Spanier die Zeit am Ball mit schnellen und gut durchdachten Netzangriffen stehlen. Dabei dürfte es kaum eine bessere Hilfe als Becker geben.

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Tennis-Trainer: Die Stars hinter den Stars
Der Vergleich, der bei der Ernennung Beckers auf der Hand liegt, ist der zu Andy Murray und Ivan Lendl. Der diesjährige Wimbledon-Sieger hatte zu Beginn seiner Karriere in Grand-Slam-Finals enttäuscht. Vier Niederlagen in den ersten vier Versuchen, das war für einen solch talentierten Spieler nicht gut genug.

Vier Niederlagen waren aber immerhin zwei weniger, als Lendl in den achtziger Jahren erlitt, bevor er acht Grand-Slam-Titel gewann. Lendl half Murray nicht nur mit seiner Vorhand, sondern nahm ihm vor allem die Angst vorm Versagen. Tennis ist ein einsamer Sport, der noch mehr von Entschlossenheit und Nervenstärke abhängt als andere Sportarten. Da kann es nicht schaden, jemanden als Unterstützung zu haben, der solche Situationen schon mal erlebt hat.

Becker hielt dem Druck stand

Das dürfte auch der Hauptgrund für Beckers neue Rolle sein. Becker hat sich in seiner Karriere nicht nur immer wieder erfolgreich aus Tiefs zurückgekämpft und ist für einen Tennisprofi lange an der Spitze geblieben. Vor allem hat er den Druck ausgehalten, in seiner Heimat ein Tennis-Messias zu sein.

Die Bedeutung von Djokovic in Serbien darf nicht unterschätzt werden. Der serbische Präsident Boris Tadic erzählte dem amerikanischen Fernsehsender CBS einst ohne Ironie: Djokovic könnte nach seiner Tenniskarriere direkt zum Präsidenten gewählt werden. Daneben noch das Arbeitspensum für eine Tenniskarriere zu meistern, ist nicht einfach.

Becker hat also viel zu tun. Djokovic ist ein Besessener, jemand, der seinen neuen Coach jeden Tag, in jedem Training herausfordern wird. Wenn Becker ihm nicht helfen kann, wird er gehen müssen. Wenn Djokovic unter Becker allerdings Grand-Slam-Siege gelingen sollten, vor allem im direkten Duell gegen Rafael Nadal, darf Becker sich bald neben Tennislegende auch noch erfolgreicher Trainer nennen.

Und dann wird Becker sagen: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.



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Seite 1
tessini 18.12.2013
1. Freut mich...
... für Becker! In letzter Zeit war er ja nur peinlich! Kann mir gut vorstellen das Novak Đoković ihn gebrauchen und weiterhelfen kann. Erfahrung im Tennis hat Becker genug. Bei der ganzen Häme die auf ihn niederprasseln, hoffe ich das er auch sein Gewicht in den Griff bekommt. An Sport ist derzeit nicht zu denken da Becker eine Hüftoperation hatte von der er sich nur schwer erholt. Ich freu mich schon ihn auch wieder bei der BBC als Co-Kommentator zu sehen. Das macht er richtig gut. Manchmal denke ich, der Becker ist im englischen ein ganz anderer als im deutschen. Also Boris, lass dich nicht ärgern! Viel Glück mit Novak Đoković und das du wieder auf den rechten Weg kommst!
rhim 18.12.2013
2. Obacht !
Die Sportwelt muss jetzt auf revolutionäre Trainingsmethoden vorbereitet sein. Boris, der ja zumeist auf irgendwelchen Fashion Shows herumlungert, wird seinen ahnungslosen Schützling per TWITTER zu ungeahnten Höchstleistungen tweeten. Ein neues Becker Buch über diese Ruhmestaten wird sich wohl kaum verhindern lassen.
tuffgong 18.12.2013
3. Warum nicht?
Auch, wenn manche Ex-Sportler sich eher peinlich im "normalen" Leben bewegen, in Ihrer Sportart kennen sie sich auch nach ihrer Sportkarriere sehr gut aus. Beckenbauer quatscht/e auch viel Unsinn und hatte so manche Frauengeschichte laufen, aber man wird wohl keinen Fußballer, der unter ihm trainiert hat, finden, der ihn nicht für einen guten Trainer hält. Und wann immer uns-Lother als Fußballexperte sich äußert, kann man gegen seine Analysen echt nix sagen. Also vielleicht ist der Trainerjob für BB genau das Richtige, denn nix konnte er jemals besser als Tennis. Dann hat er wenigstens was zu tun und blamiert sich nicht mehr so oft mit seinen TV-Auftritten und BILD-Geschichten.
Andr.e 18.12.2013
4.
Zitat von tessini... für Becker! In letzter Zeit war er ja nur peinlich! Kann mir gut vorstellen das Novak Đoković ihn gebrauchen und weiterhelfen kann. Erfahrung im Tennis hat Becker genug. Bei der ganzen Häme die auf ihn niederprasseln, hoffe ich das er auch sein Gewicht in den Griff bekommt. An Sport ist derzeit nicht zu denken da Becker eine Hüftoperation hatte von der er sich nur schwer erholt. Ich freu mich schon ihn auch wieder bei der BBC als Co-Kommentator zu sehen. Das macht er richtig gut. Manchmal denke ich, der Becker ist im englischen ein ganz anderer als im deutschen. Also Boris, lass dich nicht ärgern! Viel Glück mit Novak Đoković und das du wieder auf den rechten Weg kommst!
Ich versteh diese unterschwelligen, leicht mitleidsheischenden Kommentare einfach nicht. Man könnte fast meinen, Becker würde getrieben, sich so zu verhalten. Den peinlichen Poker-Hype musste er zwingend mitnehmen, die RTL-Klatsch-Storys scheint er auch zu mögen, für diverse Fremdschäm-Auftritte darf er sich ebenfalls selbst verantworten und das man auf irgend ein Buch sein Gesicht drucken lässt ist in Deutschland ebenfalls noch keine Pflicht. Offensichtlich kann er ja anders, warum besinnt er sich dann nicht darauf?
shaggydoo 18.12.2013
5. Boulevard und Tennis...
Bin echt gespannt, ob er es schafft und dem Djoker was beibringen kann?!? Hab ihn gegen Pocher in dieser Sendung gesehen, deren Titel ich nicht mehr weiß, aber Becker macht bei den Spielen nicht den Eindruck als würde er vom "Verständnis" her Sache lösen können...er schien mir gedanklich irgendwie langsam... Wünsche ihm alles Gute und ich habe die langen Tennis-Abende bei Spielen gegen z. B. Edberg sehr genossen und er war der Grund, warum ich es auch "probiert" habe, aber ich habe meine Zweifel... Belehre mich eines Besseren, Boris und lass den "Twitter"-Müll!!!
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