Tennisprofi Ashleigh Barty Einmal Cricket und zurück

Ashleigh Barty hat bewegte Zeiten hinter sich. Als Jungstar fiel sie in ein tiefes Loch und wechselte die Sportart. Aber jetzt startet die 21-Jährige in ihrer Heimat als Spitzenspielerin bei den Australian Open.

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"Ash, im Namen von allen hier im Stadion: Wir danken Gott, dass du wieder Tennis spielst!"

Rennae Stubbs vom australischen Sender Channel 7 war selbst überwältigt. Ashleigh Barty hatte gerade bei ihrem Comeback das Zweitrundenspiel der Australian Open 2017 gewonnen. "Wir sind so glücklich", sagte Stubbs noch, und Barty entgegnete einen Satz, dessen Tragweite erst jetzt Sinn ergibt: "Dafür müsst ihr Casey Dellacqua danken."

Wenn sie am Dienstag in die diesjährigen Australian Open einsteigt, steht Barty auf Rang 17 der Tenniswelt, beim WTA-Turnier in Sydney verlor sie erst im Finale gegen Angelique Kerber. Einige sehen die Australierin bald in den Top Ten. Hätte man das vor fünf oder zehn Jahren prophezeit, wäre es nichts Ungewöhnliches gewesen. Aber Ashleigh Barty hatte ein Problem: Sie war zu früh zu gut.

Ein ganz besonderes Spiel

Als Barty mit nur vier Jahren ihre erste Tennisstunde bekommen sollte, fällte Coach Jim Joyce schnell sein Urteil: Barty sei zu jung. "Aber den ersten Ball, den ich ihr zugeworfen habe ... bang!", erinnert er sich im "Sydney Morning Herald". Bartys Auge-Hand-Koordination war außergewöhnlich, aber sie war zu klein (heute misst sie 1,66 Meter). Barty musste improvisieren und entwickelte "ihr" Spiel: den variantenreichen Aufschlag, Serve-and-Volley, den Rückhand-Slice und den "Heavy Topspin", der sonst fast nur im Herrenbereich gespielt wird.

2011, mit nur 15 Jahren, gewann sie den Juniorinnentitel in Wimbledon, australische TV-Sender übertrugen ihre Ankunft am Flughafen von Brisbane. "Die Medien sind durchgedreht", erinnert sich Joyce. "Ich dachte: Wenn Ash keine Pause kriegt, verlieren wir sie." Mit 16 brach Barty beim Training zusammen, "ich konnte einfach nicht mehr", sagt sie heute.

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Tennisprofi Barty: Plötzlich Weltspitze

2014 zog Barty, die nach außen hin so australisch-relaxt wirkt, den Schlussstrich. "Ein großer Teil meiner Philosophie war, dass Tennis ein Spiel ist und ich es genießen wollte." Sie nahm die Pause, weil sie sich sonst noch mehr vom Tennis entfernt hätte.

Vom Tennis- zum Cricketprofi

In Australien begann in der Folge die Analyse: Ging für Barty alles zu schnell? Hat es sie belastet, dass sie im Einzel ihren Doppel-Erfolgen nicht gerecht wurde? An der Seite von Casey Dellacqua hatte sie 2013 drei Grand-Slam-Finals erreicht, im Einzel ging es "nur" auf Rang 129.

Barty reiste durch Australien, sie ging fischen und erholte sich am Strand. Sie zog wieder in die Nähe ihrer Familie. Sie wechselte zur australischen Nationalsportart Cricket und schaffte es direkt ins Team der Brisbane Heat. Barty tat der Teamgedanke gut. "Wir haben ein Spiel gewonnen, sind in einen Schuppen gegangen und haben ein Bier getrunken. Ich habe vorher noch nie ein Bier nach einem Sieg getrunken."

Vor wenigen Wochen erzählte Barty nun, was tatsächlich los war: Sie habe unter Depressionen gelitten - wie Vater Robert. Er war es, der sie ermutigt habe, ihre Tante zu konsultieren, eine Ärztin. Die beiden sprachen über Bartys Gefühle, über die "dunkle Wolke" über ihrem Kopf. Zwei Jahre lang nahm Barty Medikamente.

Ein überragendes Comeback

Anfang 2016 besuchte sie ihre Doppelpartnerin Dellacqua bei einem Turnier in Sydney. Die beiden schlugen ungeplant ein paar Bälle und Barty merkte: "Das bin ich - das ist es, was ich tun sollte." Ihr Comeback begann sie ganz unten. 2017 feierte sie Siege über Top-Stars wie Venus Williams, Garbiñe Muguruza und Karolína Plisková. Und nun steht sie eben auf Platz 17 im Einzel - und Rang 11 im Doppel.

Meist stellen Einzelspieler ihre Doppelkarriere zurück, wenn sie den Durchbruch geschafft haben. Nicht so Teamspielerin Barty. Als sie im Dezember mit der Newcombe-Medaille als bester australischer Tennisprofi geehrt wird, schwärmt sie von Partnerin Dellacqua: "Sie ist mein bester Kumpel. Aber ich glaube, dass sie nicht weiß, welch massiven Einfluss sie auf mein Leben hatte. Sie hat mir in meinen dunkelsten Stunden geholfen."

Sie fühle sich nun "erwachsener", erklärte sie vor ein paar Wochen. "Ich bin glücklich, frei zu sein, ich selbst zu sein, wenn ich auf den Platz gehe." Was sich noch geändert hat im Vergleich zur "ersten" Karriere: Barty will über Auszeiten selbst bestimmen im nur scheinbar glamourösen Tennis-Leben, das letztlich aus vielen Reisen und einsamen Stunden im Hotel besteht. Sie brauche ihr Zuhause, auch zwischen den Turnieren, und wenn es nur ein Abstecher für vier Tage ist. "Aber danach fühle ich mich zehntausendmal Mal besser", sagt sie.

Bei den Australian Open, die am Montag beginnen, geht Barty erstmals als Australiens Spitzenspielerin ins Rennen; einige haben sie als Geheimfavoritin auf dem Zettel in einem Damenfeld, das weit offen ist. Ihre Auslosung ist mittelprächtig: Sollte sie die ersten Runden überstehen, könnte bereits im Achtelfinale mit Simona Halep die Nummer eins der Welt warten.



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Seite 1
Sibylle1969 14.01.2018
1.
Verständlich, dass eine professionelle Tennisspielerin zwischen den Turnieren mal für ein paar Tage nach Hause möchte. Wenn das Zuhause aber in Australien ist, hat man es schwer, denn die meiste Zeit des Jahres finden die Turniere auf anderen Kontinenten statt, da ist ein Trip nach Hause im wahrsten Wortsinn eine Reise um die halbe Welt. Wahrscheinlich wird Ashleigh Barty sich daher zwischendurch immer wieder mal Pausen gönnen müssen, dh auch mal ein paar Wochen kein Turnier spielen. Angesichts ihrer Vorgeschichte sicher keine schlechte Idee.
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