Tennis-Profi Schwartzman Der Größte unter den Kleinen

Er zählt zu den spektakulärsten Tennis-Spielern: Diego Schwartzman ist bis zu 30 Zentimeter kleiner als viele Stars der Szene. Dennoch weiß der Argentinier, wie er seine Gegner besiegen kann.

John Isner und Diego Schwartzman
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John Isner und Diego Schwartzman

Von Philipp Joubert


Boris Becker reckte ungläubig die Faust. Selbst sein Mund stand leicht offen und genauso dürfte es an diesem spätsommerlichen Eröffnungsabend der US Open 2014 mehr als 20.000 New Yorkern gegangen sein. Es war ja auch unverschämt gut, was Beckers damaliger Schützling Novak Djokovic gerade gemacht hatte. Aus vollem Lauf hatte der Weltranglistenerste eine Vorhand zwischen Schiedsrichterstuhl und Netzpfosten hindurch gespielt. Wie ein Laser war der Ball auf der Linie seines Gegners gelandet.

Das gelingt auch Spielern wie Djokovic nur ein paar Mal in ihrer Karriere. Ein kleiner Moment für die Ewigkeit also - und zeitgleich einer der ersten großen Auftritte eines damals noch unbekannten Spielers. Diego Schwartzman verlor an diesem Tag deutlich - seither hat sich der Argentinier jedoch zu einer der erstaunlichsten Geschichten des Tennis entwickelt - was vor allem mit seiner Größe zusammenhängt.

Denn Schwartzman ist im Vergleich zu fast allen anderen Topspielern so klein und schmächtig, dass viele selbst die offizielle Größenangabe von 1,70 Meter für etwas zu dick aufgetragen halten. Doch war Schwartzman anfangs meist ein Kuriosum in einem Sport, der immer mehr von großen Athleten dominiert wird, stellt mittlerweile niemand mehr seine außergewöhnlichen Fähigkeiten infrage.

"Ich will, dass die Leute sehen, dass Tennis für jedermann ist"

Der 26-Jährige hat bei zwei der letzten vier Grand Slams das Viertelfinale erreicht, wird auf Platz 13 der Weltrangliste notiert und hat sich aufgrund seiner "Sag niemals nie"-Attitüde zum Fanliebling entwickelt. Auch die Konkurrenz schätzt ihn. Als die French Open während der diesjährigen Ausgabe einen seltenen wie kurzen Videoeinblick in die Herrenumkleide gestatteten, fiel vor allem einer auf: Diego Schwartzman. Hier eine Gratulation, dort ein Schulterklopfen, überall ein Lachen. Es ist nicht nur Rafael Nadals Coach Carlos Moya, der sich wünscht, dass es "noch mehr Schwartzmans auf der Tour gibt."

Diego Schwartzman
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Diego Schwartzman

Als Schwartzman während der US Open 2017, bei denen er erstmals die Runde der letzten acht auf Grand-Slam-Ebene erreichte, gefragt wurde, ob seine Körpergröße auch eine Inspiration für andere sein kann, antwortete er: "Ich will, dass die Leute sehen, dass Tennis für jedermann ist. Nicht nur für die großen Spieler." Aber wie hat es Schwartzman, dessen Spitznamen "El Peque" (der Kleine) ist, in die Weltspitze des Tennis geschafft? Zumal er zu den ineffektivsten Aufschlägern in den Top 50 gehört.

Abseits der Spielintensität und Genauigkeit der Schläge, des Kampfgeistes und der Beinarbeit, hat Schwartzman seinen Erfolg vor allem dem Fokus auf den unterschätztesten Schlag seines Sports zu verdanken. Denn der Argentinier hat sich zu einem der besten Returnspieler entwickelt, den sein Sport in den letzten Jahren gesehen hat.

Schwartzman betrachtet seine Größe nicht als Problem

So wie heutzutage Fußballmannschaften versuchen, das Spiel über den Ballbesitz zu kontrollieren, lautet die Devise im modernen Tennis, den Ball so tief wie möglich zu spielen. Am besten wieder und wieder an die Grundlinie des Gegners, bis sich eine Öffnung zum aussichtsreichen Angriff ergibt. Genau das beherrscht Schwartzman meisterlich. Angefangen mit seinen akkuraten wie tiefen Returns, macht er den Platz so lang und breit wie nur möglich. Mehr als 55 Prozent der Punkte gegen die zweiten Aufschläge seiner Gegner hat Schwartzman auf diese Weise während der letzten zwölf Monate gewonnen. Nur der Weltranglistenerste Nadal war in dieser Statistik noch erfolgreicher.

Schwartzman betrachtet seine Größe ohnehin nicht als Problem. Als er während der French Open als einziger Spieler den Seriensieger Nadal ernsthaft forderte, ihm sogar einen Satz abnahm, strich Schwartzman noch mal heraus, dass einer wie er früher gar nicht ungewöhnlich gewesen sei: "Als ich damals in Argentinien aufgewachsen bin, waren viele der Profispieler nicht größer als 1,80 Meter. Heutzutage ist das vielleicht anders, und diese Spieler haben natürlich einen Vorteil beim Aufschlag oder der Härte, mit der sie den Ball schlagen." In der Tat sind Spieler wie Alexander Zverev, Kevin Anderson oder Schwartzmans Landsmann Juan Martin der Potro rund 30 Zentimeter größer als Schwartzman.

Dass Schwartzman einst ein Grand-Slam-Turnier gewinnen wird, erscheint aufgrund dieser Kräfteverhältnisse unwahrscheinlich. Dass er aber bei diesen US Open, und für den Rest der Karriere, in weiteren, hochunterhaltsamen Tennisschlachten involviert sein wird, davon ist auszugehen. Denn darin ist "der Kleine" ein ziemlich Großer.



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