Tennis-Hype in China "Li Na, wir lieben Dich"

Ein Land im Tennis-Rausch: Li Nas French-Open-Sieg hat in China eine wahre Hysterie ausgelöst, über 60 Millionen Menschen verfolgten den historischen Triumph am TV. Die staatlichen Medien feiern nun ihre neue Volksheldin - ganz ohne die sonst übliche Bescheidenheit.

AFP

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Sie lachte, winkte, strahlte - doch zu übertriebenen Siegerposen ließ sich Tennisspielerin Li Na nicht hinreißen. Dabei hatte sie doch soeben die French Open gewonnen - und sich damit in den Geschichtsbüchern verewigt. Als erste Chinesin holte die 29-Jährige einen Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. Den größten Moment ihrer Karriere feierte sie voller Bescheidenheit.

Ganz anders verhielten sich ihre Landsleute in gut 8200 Kilometern Entfernung. Kurz nach dem entscheidenden Punkt in einem ziemlich einseitigen Tie-Break gegen die Titelverteidigerin Francesca Schiavone aus Italien flatterte ein rotes Banner durch das Bild des übertragenden chinesischen TV-Senders CCTV. "Li Na, we love you!" stand da in großen Buchstaben. Die TV-Anstalt war bestens vorbereitet, um Li Na umgehend als neue Volksheldin zu vereinnahmen.

Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Denn ihre Landsleute waren auch so völlig bezaubert von Li Na. "Wir haben uns einmal mehr in die Geschichtsbücher eingetragen", sagte der Chinese Lei Jianbo einem Reporterteam der "Los Angeles Times", welches das Finale von Roland Garros live in Peking verfolgte. "Wir übernehmen Schritt für Schritt die Welt und keiner kann uns stoppen", so Jianbo.

"Die strahlendste aller chinesischen Sportler"

Den Sieg der "Großen Schwester Na" - so der Spitzname - verfolgten in China über 60 Millionen Menschen vor dem Fernseher, obwohl das Match erst weit nach Mitternacht Ortszeit beendet war. Am folgenden Morgen sahen dann geschätzt 400 Millionen Menschen in den Nachrichten die jubelnde neue Volksheldin. "Eine Freundin hat mir eine SMS geschrieben, dass sie in China vor Freude weinen. Besonders, als hier im Stadion unsere Nationalflagge gehisst wurde", sagte Li Na nach ihrem Erfolg.

Das Internetportal Tengxun nannte sie die "strahlendste aller chinesischen Sportler". Das war zuvor immer Yao Ming. Zwar wurde auch Li Na schon im Alter von sechs Jahren gefördert, doch so geplant wie die Karriere des Basketball-Superstars war ihre Laufbahn nicht. Den Druck, das chinesische Volk zu repräsentieren und stolz zu machen, hatte Li Na nicht.

Yao Mings Eltern, selbst ehemalige Profi-Basketballer und überdurchschnittlich groß, wurden bewusst verkuppelt. Seine eigene Karriere gesteuert. Nach dem Wechsel des 2,26 Meter großen Centers in die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA musste er sofort überzeugen, er war das Aushängeschild Chinas. Mehrfach wurde er trotz etlicher schwerer Verletzungen bedrängt, weiter für die Nationalmannschaft zu spielen. Die Olympischen Spiele 2008 in Peking hatte er zu bestreiten, war Fackel- und Flaggenträger.

Mittlerweile fordern die Beinbrüche ihren Tribut. Ob Yao Ming jemals wieder spielen kann, ist offen. Einen solchen Druck hat auch ein anderer chinesischer Volksheld: Hürdensprinter Liu Xiang. 2004 wurde er Olympiasieger, 2007 Weltmeister, 2008 war die Erwartungshaltung immens. Nicht weniger als ein Triumph in Weltrekord-Zeit sollte es bei den Spielen im eigenen Land sein. Doch Liu Xiang konnte nicht. Eine schmerzhafte Achillessehnen-Verletzung zwang ihn zum Aufgeben. Das Publikum blieb mit Tränen in den Augen zurück. Am folgenden Tag musste er sich beim chinesischen Volk entschuldigen.

Tennis boomt in China

Li Na ging ihren eigenen Weg, auch wenn sie sich dadurch bei der Staatsführung nicht beliebt machte. Sie gilt als Rebellin, trägt ein Tattoo, erfüllt nicht das Klischee der braven Ehefrau. 2002 stieg Li Na aus der Nationalmannschaft aus, um Journalismus zu studieren. Nach ihrer Rückkehr 2004 löste sie sich 2008 endgültig vom Kader. Statt 65 Prozent ihrer Preisgelder muss sie nun nur noch zwölf Prozent an den Verband abtreten. Für den Staat war Li Na immer da, zwar kritisch beäugt, aber eben nie im Fokus. Bis jetzt.

Das hing auch mit der fehlenden Popularität des Tennis in China zusammen. Vor gar nicht langer Zeit wurde der Sport als Tischtennis mit einem größeren, fusseligen Ball erklärt. Mittlerweile ist Tennis hinter Basketball und Fußball der beliebteste Sport im Fernsehen, laut der Women's Tennis Association (WTA) gibt es geschätzt 30.000 Tennisplätze und rund 14 Millionen Spieler. 1988 seien es nur eine Million gewesen. "Ich hoffe, viele Kinder haben mich gesehen und sich vorgenommen: Da will ich auch einmal stehen", so Li Na nach dem Triumph bei Roland Garros.

Statt ihren Erfolg ausgiebig zu feiern, denkt sie nun schon an die nächste große Aufgabe. Am 20. Juni beginnt das wichtigste Tennisturnier der Welt in Wimbledon. Dort, wo sie 2006 als erste Chinesin ins Viertelfinale einzog. "Wenn ich dort nicht gut spiele, könnten mich die Leute schnell wieder vergessen", sagt Li Na.

Um dann immerhin für einen kurzen Moment ihre Bescheidenheit abzulegen. Natürlich nicht für sich, sondern für ihre Sportart: "Wenn ein Chinese ein Grand-Slam-Turnier gewinnt, sagt das eine Menge über Tennis in China aus. Ich glaube, Tennis wird in Zukunft bei uns immer größer und größer."

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unifersahlscheni 05.06.2011
1. ...ich bin ehrlich...
...bevor es einen Boris Becker und Steffi Graf gab, hab ich mich NICHT für Tennis interessiert... ...ähnlich bei Schumacher. Aber das hat halt heimatliche Gründe...! ;---) Chinesen interessieren mich nicht so...
metaller16 05.06.2011
2.
Glückwunsch an die Chinesin Li Na. Gut gespielt und gewonnen. Sie sieht auch aus wie eine Frau. Die Italienerin sieht nicht aus wie eine Frau. Eher wie Khedira rasiert und mit einem anderen Haarschnitt. (Hoffentlich wirds nicht vom Zensor kassiert):)
altais 05.06.2011
3. hysterisch
Tennis-Hysterie? 60 Mio Chinesen sind gerade mal 4% der Bevölkerung, die das Spiel angeblich verfolgt haben. Das ist schon Hysterie und Boom? Hmmm...
Youngle 05.06.2011
4. Wieviele Deutsche verfolgen Tennis?
Zitat von altaisTennis-Hysterie? 60 Mio Chinesen sind gerade mal 4% der Bevölkerung, die das Spiel angeblich verfolgt haben. Das ist schon Hysterie und Boom? Hmmm...
Also 60 Million ist doch nicht schlecht für ein Tischtennis Land. Das sind doch mehr als die hälfte Bewohner Deutschlands. Ausserdem muss man es so sehen. Tennis ist ein Oberklassen Sport. Da kann man nicht überall spielen. Wer sich dafür interessiert spielt es vermutlich auch. Vielleicht ist die chinesische Oberklasse gerade mal 100 Million Chinesinen. Da ist doch eine Einschaltquote von über 50 % gar nicht so schlecht oder? So muss man die Sache rangehen. Nicht an absolute Zahlen messen.
janeinistrichtig 05.06.2011
5. Masse und Klasse
So langsam bekomme ich "German Angst". Der gemeine Chinese haut ja sowas von rein, in allen Bereichen. Immerhin lebt der ungemeine Deutsche im Land der Dichter und Denker, in diesen Zeiten einmal mehr zu bemerken (Merkel, Westerwelle, Enzensberger etc.). Dieserhalb bin ich mir ziemlich sicher, dass die Redewendung "der/die ist ja ziemlich schlitzohrig" nicht zu "der/die ist ja ziemlich schlitzaugig" über die Jahrende mutieren wird. Gratulation ansonsten, Frau Li Na.
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