Interview mit Tennis-Star Lisicki: "Ich kenne keine Angst"

Sabine Lisicki: Stück für Stück zum großen Glück Fotos
DPA

Welche Spuren hat die Schlappe im Wimbledon-Finale hinterlassen? Sie fühle sich noch mehr motiviert, sagt Sabine Lisicki. Im Interview spricht sie über ihre neue Rolle als Deutschlands Tennis-Star und das große Ziel: die Nummer eins der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Lisicki, lassen Sie uns über Erfolg und Misserfolg reden. Als Sie am vergangenen Samstag das Wimbledon-Finale erreichten, dann allerdings verloren - war das eher ein Erfolg oder ein Misserfolg?

Lisicki: Eindeutig eher ein Erfolg. Es war ein Erfolg, da überhaupt hinzukommen. Leider ohne Krönung am Ende. Ich war so nah dran, mir meinen Lebenstraum zu erfüllen. Dass es nicht gereicht hat, ist zwar enttäuschend. Aber es gibt mir auch so viel Selbstvertrauen, wie weit ich gekommen bin und wen ich auf dem Weg ins Endspiel geschlagen habe. Das überwiegt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht eine einmalige Chance verpasst?

Lisicki: An so etwas denke ich überhaupt nicht. Wenn man die Nummer eins der Welt, Serena Williams schlägt, die als unschlagbar auf Rasen galt, zeigt das, wie stark man ist - und was ich noch erreichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber ausgerechnet im Endspiel konnten Sie nicht mehr nachlegen. Das muss doch frustrierend gewesen sein.

Lisicki: Schauen Sie sich meinen Weg durchs Turnier an! Ich musste von der ersten Runde an gegen schwere Gegner antreten. Im Gegensatz zu meiner Finalgegnerin Bartoli, bei der zuvor alle Favoritinnen rausgeflogen sind, so dass sie nur relativ leichte Matches hatte. Und wenn man gerade in der zweiten Woche Kräfte sparen kann, macht das einen gewaltigen Unterschied im Finale.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das als ungerecht empfunden?

Lisicki: Glück gehört eben auch dazu, und das hatte ich im gesamten Turnier nicht. Ich hab mir diesen Finaleinzug hart erkämpfen müssen. Aber das macht mich für die Zukunft vielleicht noch stärker. Es ist ja viel mehr wert, auf dem Weg ins Endspiel starke Gegnerinnen besiegt zu haben, als ins Finale zu spazieren.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sagen, Sie mussten sich alles erkämpfen, dann gilt das ja nicht nur für dieses Turnier. Sie und Ihre Eltern haben sehr viel investiert, um dort hinzukommen, wo Sie jetzt sind. Gab es in all den Jahren auch einen Moment, wo Sie dachten: Wir schaffen es nicht?

Lisicki: Nein, diesen Moment gab es nie. Ich hab immer an mich geglaubt, und meine Eltern haben das auch getan. Mein Vater hat von morgens um acht Uhr bis abends um neun Trainerstunden gegeben, um genug Geld zu verdienen, damit ich zu einem Turnier fahren konnte. Das werde ich meinen Eltern nie vergessen. Auch als ich Verletzungen hatte und nicht spielen konnte - all das hat uns eher zusammengeschweißt.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen es, verletzt zu sein, sind auch schon mal monatelang ausgefallen. Welche Rolle spielt die Angst, sich so zu verletzen, dass die Karriere in Gefahr ist? Es gibt ja auch eine Andrea Petkovic, die vor drei Jahren unter den Top Ten stand, so weit war wie Sie jetzt und danach durch Verletzungen immer weiter zurückgeworfen wurde.

Lisicki: So denke ich nicht, das kenne ich gar nicht. Wenn man mit Angst auf den Platz geht, hat man schon verloren. 2010 bin ich durch Verletzungen auf Platz 182 der Rangliste zurückgefallen, alle haben mich abgeschrieben und gesagt: Die kommt nie wieder hoch. Ich bin wiedergekommen, sogar besser als damals.

SPIEGEL ONLINE: Die Tennisbegeisterung, die Sie in Deutschland ausgelöst haben, kommt schon überraschend, oder? Sie sind schließlich kein No-Name. Sie standen in Wimbledon schon einmal im Halbfinale. Man konnte wissen, wie stark Sie auf Gras spielen.

Lisicki: Es hat mich überrascht, aber natürlich auch unheimlich gefreut. Tennis ist so eine tolle Sportart, die gehört einfach unter die Leute. Wenn Tennis wieder mehr im Fernsehen gezeigt wird, greifen auch mehr kleine Mädchen wieder zum Schläger. Ich finde das wichtig. Wenn Tennis nicht im Fernsehen zu sehen ist, wie sollen die Leute überhaupt mitfiebern?

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hängt der Boom mit Ihrer Person zusammen? Es gab im Vorjahr eine ähnlich stark spielende Deutsche, nämlich Angelique Kerber. Aber der Hype blieb aus.

Lisicki: Ich habe es über Twitter und Facebook mitbekommen, wie viele Leute mir geschrieben haben: Durch meine Art und Weise macht es ihnen wieder Spaß, Tennis zu gucken. Und dass sie schon lange kein Tennis mehr geschaut haben und es wegen mir wieder tun. Wohl weil sie mir die Freude am Spielen ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Es galt jahrelang als Tugend, seine Emotionen auf dem Platz zu verbergen.

Lisicki: Ich zeige einfach gerne meine Gefühle. Früher haben die Leute auch Tennis geguckt, um die Wutausbrüche von John McEnroe oder Jimmy Connors zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie auf den plötzlichen Ruhm vorbereitet? Jetzt werden auch Fragen nach Ihrem Privatleben gestellt.

Lisicki: Übers Privatleben spreche ich nicht. Und das will ich auch so beibehalten. Ich habe ein funktionierendes Umfeld. Ich habe keine Sorge, dass ich nicht auf dem Boden bleibe.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Sorge, dass Sie das Niveau, das Sie jetzt auf Gras hatten, nicht halten können? Bei den US Open wartet ein ganz anderer Belag. Wenn es dann nicht wie gewünscht klappt, ist die Euphorie auch wieder ganz schnell vorbei.

Lisicki: Ich hab auf jedem Belag bisher einen Titel gewonnen, ich hab schon gezeigt, dass ich überall gut spielen kann. Ich muss das gute Spiel von Wimbledon einfach mitnehmen, dann habe ich wenig Bedenken.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Gegnerinnen künftig noch motivierter gegen Sie antreten? Um die zu schlagen, die Serena Williams besiegt hat?

Lisicki: ich glaube schon, sie werden jetzt noch mehr Respekt haben. Ich freue mich drauf. Ich sehe darin keinen Druck. Druck ist keine Belastung, Druck ist ein Privileg.

SPIEGEL ONLINE: Druck haben Sie sich selbst gemacht. Sie haben gesagt, Sie wollen die Nummer eins der Welt werden. Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Und riskieren Sie nicht, dass die Leute Sie jetzt für arrogant halten?

Lisicki: Die vergessen, dass ich das schon vor zehn Jahren genauso gesagt habe. Das hat mit Arroganz doch nichts zu tun. Wenn ich mir niedrigere Ziele setzen würde, würden dieselben Leute wahrscheinlich sagen: Warum gibt sie sich denn mit so wenig zufrieden? Ich stelle mal die Gegenfrage: Warum soll ich nicht die Nummer eins werden wollen?

Die Fragen stellte Peter Ahrens

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Schönes Interview
Tom Joad 10.07.2013
Zitat von Lisicki:"Druck ist keine Belastung, Druck ist ein Privileg."
Auf jede noch so miesepetrige Frage hat Sabine Lisicki eine optimistische Antwort parat. Besonders gut gefallen hat mir der folgende Satz: So denken Sieger/innen!
2. erstmal find ich den erfolg gut
na!!! 10.07.2013
und habe großen respekt vor leistungssportler , außer den fußballern und handballern ( die bei weit wenniger leistung , viel mehr geld bekommen) ich selbst habe jahrelang leistungssportler gefördert und mit ihnen und sponsoren zusammengearbeitet ( siehe, Alife4sports.de ) daher weiß ich was leistungssport bedeutet . aber nun wird eine neue zeit anbrechen für frau lisicki ... den abgesehen vom sportlichen erfolg wird sie jetzt ein markenmerkmal erschaffen müssen , den damit verdienen sportler mehr geld als im sport selbst und es gehört eben zum werbebild , und es werden noch mehr neider des erfolgs hinzukommen ... Leistungssportler haben es schwer in deutschland , außer es sind Fuß-handballer .
3. Ist jetzt genug mit der Lisicki
dalethewhale 10.07.2013
Zitat von sysopWelche Spuren hat die Schlappe im Wimbledon-Finale hinterlassen? Sie fühle sich noch mehr motiviert, sagt Sabine Lisicki. Im Interview spricht sie über ihre neue Rolle als Deutschlands Tennis-Star und das großes Ziel: die Nummer eins der Welt. Tennis: Lisicki setzt sich nach Finale in Wimbledon hohe Ziele - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/tennis-lisicki-setzt-sich-nach-finale-in-wimbledon-hohe-ziele-a-910356.html)
oder ist schon sommer Flaute?
4. Jetzt fängt er an,
hermes69 10.07.2013
der mediale Overkill von Frau Lisicki. Bald wird es dann richtig nerven und das Mädel auch. Liebe Redaktionen: Bitte schraubt das Tempo etwas herunter.
5.
c.PAF 10.07.2013
Zitat von sysopWelche Spuren hat die Schlappe im Wimbledon-Finale hinterlassen?
So, in Wimbledon im Finale zu stehen ist also eine Schlappe? Das hat wahrscheinlich jemand geschrieben, der ohne Navi nicht mal nach Wimbledon finden würde...
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Lisickis Final-Pleite: Nervös, gefrustet, in Tränen
Zur Person
Sabine Lisicki, 23, ist seit 2007 Tennisprofi. Durch ihre Finalteilnahme am Wimbledon-Turnier dieses Jahres ist sie auf Platz 18 der Tennis-Weltrangliste vorgerückt. Rasen ist ihr Lieblingsbelag, in Wimbledon stand sie zuvor bereits je einmal im Viertel- und im Halbfinale. Die gebürtige Troisdorferin lebt in Berlin und Bradenton in Florida.

Alle deutschen Wimbledon-Sieger
AP
Dameneinzel
1996: Steffi Graf
1995: Steffi Graf
1993: Steffi Graf
1992: Steffi Graf
1991: Steffi Graf
1989: Steffi Graf
1988: Steffi Graf
1931: Cilly Aussem

Damendoppel
1988: Steffi Graf und Gabriela Sabatini
1987: Claudia Kohde-Kilsch und Helena Suková

Herreneinzel
1991: Michael Stich
1989: Boris Becker
1986: Boris Becker
1985: Boris Becker

Herrendoppel
2010: Philipp Petzschner und Jürgen Melzer
1992: Michael Stich und John McEnroe

Mixed
2009: Anna-Lena Grönefeld und Mark Knowles
1933: Gottfried von Cramm und Hilde Krahwinkel-Sperling