Djokovic-Triumph in Australien Viel zu gut

Novak Djokovic zwingt seine Gegner, gegen den eigenen Instinkt zu spielen. So erging es im Finale der Australian Open auch dem chancenlosen Andy Murray. Der Weltranglistenerste muss derzeit keinen Spieler fürchten.

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Von Philipp Joubert


Novak Djokovic begann die Antwort, wie er bisher alles an diesem letzten Tag der Australian Open gemacht hatte - in sich ruhend, konzentriert, schon längst verinnerlichtes Wissen abrufend. Die Hände waren unter dem Tisch. Er schaute den Fragesteller direkt an, so wie er es immer tut. Doch nach den ersten Worten stockte Djokovic kurz, überlegte vielleicht, was er wirklich erzählen oder preisgeben wollte.

Dabei war die Frage eigentlich schnörkellos gewesen. Ob er denn zwei, drei Faktoren benennen könne, wurde Djokovic gefragt, die aus ihm diesen dominanten Spieler gemacht haben? Diesen Spieler, der auch bei seinem klaren Finalsieg gegen Andy Murray wieder mit der Selbstgewissheit eines Athleten auftrat, der weiß, dass er im Moment kaum zu schlagen ist.

Djokovic erläuterte also kurz, dass es nicht den einen Faktor gäbe, sondern vieles zusammenkommen muss. Doch dann fuhr er fort, in abstrakter Sprache, aber über sich selbst sprechend, dass es nur einen Weg gibt, diesen Zustand zu erreichen. Mehr als eine Minute lang erzählte Djokovic, ohne zu konkret zu werden, wie er am Anfang seiner Karriere zu sich finden musste, feststellen musste, dass es keinen Unterschied geben darf zwischen dem Menschen und dem Tennisspieler. "Es geht darum, fast alle Zeit, Energie und Gedanken dem einen Ziel zu widmen, die beste Person und der beste Spieler zu werden, der man sein kann," fasste er seine aktuelle Sicht aufs Leben zusammen.

Perfekt auf jeden Gegner eingestellt

Wie diese Philosophie auf dem Platz aussieht und warum sich seine Rivalen so schwer gegen ihn tun, zeigte Djokovic beispielhaft im ersten Satz des Finals. Der 28-Jährige zwingt seine Gegner, gegen den eigenen Instinkt und Spielrhythmus zu handeln, während er vollkommen bei sich bleibt.

Andy Murray ist jemand, der Zeit braucht, um in einem Ballwechsel aber auch in einem Match anzukommen. Er hat kein Problem damit, den Ball zehn, fünfzehn Mal übers Netz zu spielen bis er sich sicher ist, dass die Lücke für den Gewinnschlag groß genug ist. Diese Taktik gibt dem spielerisch konservativen Murray Sicherheit und hat den positiven Nebeneffekt, dass seine Gegner im Laufe des Matches ermüden. Murray, der fitter als fast jeder andere Spieler ist, kann dann am Ende davonziehen.

Doch Murray weiß, dass er eigentlich den schnellen Punktabschluss suchen muss, um überhaupt eine Chance gegen Djokovic zu haben. Ansonsten wird er von Djokovic ausmanövriert. Schließlich sind die Grundschläge des Serben noch etwas sicherer und akkurater als seine. Djokovic ist noch fitter, spielt kompromissloser. Also kann Murrays Taktik nur lauten, mit aller Power, die er hat, die Defensive des Serben anzugreifen. Doch hat Murray - wie im ersten Satz - noch kein Vertrauen in seine Grundschläge gefunden, passieren ihm leichte Fehler.

Auf ähnliche Weise hat sich Djokovic all seine Rivalen zurechtgelegt. Er hat sein eigenes Spiel so lange verfeinert, um kleine technische und taktische Finessen erweitert, bis er für jeden wichtigen Gegner den Spielplan variieren konnte, ohne selber die spielerische Komfortzone verlassen zu müssen. Roger Federer wird vom Weltranglistenersten gezwungen, noch riskanter beim Punktabschluss vorzugehen, noch besser zu servieren, halsbrecherische Angriffe zu wagen. Schafft er das nicht, wird er wie im Halbfinale sofort von Djokovic bestraft. Rafael Nadal, einst der größte Rivale von Djokovic ist mittlerweile komplett chancenlos. Seine Vorhand wurde so lange von Djokovic bearbeitet, bis er das Vertrauen in seine größte Stärke verloren hatte. Genau wie Murray hat auch Nadal neun der letzten zehn Matches gegen den Tennis-Dominator verloren.

Kein dauerhafter Rivale in Sicht

Wer kann Djokovic also stoppen, wenn es schon Murray, Federer und Nadal nicht oder nur selten können? Ein Rivale ist nicht in Sichtweite. Sollte Djokovic sich nicht verletzen, dürfte er auch dieses Jahr als Nummer 1 abschließen.

Er ist sogar der klare Favorit bei den French Open, dem Turnier, dass er in seiner Karriere noch nie gewonnen hat, bei dem er aber drei Mal in den letzten vier Jahren im Finale stand. Im letztjährigen Finale könnte auch der Schlüssel liegen, wie und von wem Djokovic besiegt werden könnte. Damals schlug ihn Stan Wawrinka mit Urgewalt vom Platz. Wawrinka ist nicht konstant genug, um jedes Mal eine Chance gegen Djokovic zu haben. Aber der Schweizer muss sich dem Spiel von Djokovic nicht anpassen, und hat sich bisher auch noch nicht im Netz des Weltranglistenersten verfangen.

Jemand, der ebenfalls großes Talent und eine ähnliche Wucht im Spiel hat, ist der Kanadier Milos Raonic. Der verlor hier im Halbfinale, auch aufgrund einer Verletzung, gegen Andy Murray. Aber der 25-Jährige, der gerade erst in sein Spiel hineinwächst, und merkt, welche spielerischen Möglichkeiten er eigentlich hat, könnte einer der jungen, neuen Herausforderer von Djokovic werden. Nur so ein junger, mutiger Spieler wird Djokovic wohl vom Thron stoßen können. Selbst wenn das wohl noch einige Zeit dauern kann.

Denn Djokovic ist sowieso gewarnt, sagte in seiner Pressekonferenz: "Wenn du einmal oben bist, kannst du nicht nachlassen. Dann musst du doppelt hart arbeiten, um der Beste zu bleiben."

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
mira.aleksic 31.01.2016
1. dokovic
Macht die Serben glücklich und groß!
kopi4 31.01.2016
2.
Er kann nix dafür, aber Djokovics Dominanz schadet dem Herrentennis.
Bueckstueck 31.01.2016
3.
Zitat von kopi4Er kann nix dafür, aber Djokovics Dominanz schadet dem Herrentennis.
Das hört man über jeden in jedem Sport der eine Zeit lang der oder die Beste ist... Das gleiche hat man über den Mann vor ihm an der Spitze hinter vorgehaltener Hand gemunkelt. Federer ist 6 Jahre älter und kann Djokovic vielleicht an einem perfekten Tag auch noch schlagen, aber meist eben nicht mehr. Diese Zeit wird auch für Djokovic kommen (wenn er nicht vorher aufhört). Und dann wird man das gleiche über den nächsten Dominator sagen. Und den danach.
noalk 01.02.2016
4. im Gegenteil
Zitat von kopi4Er kann nix dafür, aber Djokovics Dominanz schadet dem Herrentennis.
Ich bin neugierig auf Ihre Begründung. Die Geschichte zeigt allerdings, dass eine Sportart profitiert, wenn sie von einer Person oder einer Mannschaft dominiert wird.
Steuerfuzzi 01.02.2016
5. Ein großer Champion
,aber leider spielt von der Spielweise genauso langweilig wie einst Ivan Lendl. Bedauerlicherweise haben Serve and Volley Spieler bei den derzeitigen Bodenbelägen und Bällen keine Chance mehr gegen die Grundliniendominatoren. Ich hoffe auf einen neuen Sampras, Becker oder Edberg.
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