Grand-Slam-Comeback bei den US Open Die zweite Karriere der Patty Schnyder

Patty Schnyder galt einst als kommender Grand-Slam-Champion. Dann führte sie ein Guru an den Abgrund. 2011 folgte der vorläufige Rücktritt. Nun ist sie zurück - mit 39 Jahren.

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Die Schweiz ist wie kaum ein anderes Land auf der Welt mit tollen Tennisprofis gesegnet. Bei den Männern gilt Roger Federer mit 20 Grand-Slam-Titeln als größter Spieler der Geschichte, Landsmann Stan Wawrinka setzte mit seiner einhändigen Rückhand neue Maßstäbe. Bei den Frauen zählte Martina Hingis bis zu ihrem Karriereende vor einem Jahr zu den erfolgreichsten Spielerinnen der vergangenen Jahrzehnte.

Eine Frau stand lange im Schatten der großen Stars. Aber nun steht sie - im Alter von 39 Jahren - erstmals seit 2011 im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers: Patty Schnyder. In der Qualifikation für die US Open gewann sie drei umkämpfte Partien gegen Spielerinnen, die 14, 15 und 18 Jahre jünger waren als sie. In der ersten Runde trifft Schnyder in der Nightsession im Arthur-Ashe-Stadion - mit einer Kapazität von 23.771 Plätzen das größte Tennisstadion der Welt - auf Maria Sharapova. Die Schweizerin ist klare Außenseiterin - dennoch ist allein die Teilnahme am letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres schon eine beachtliche Leistung. Aber um die ganze Geschichte von Schnyder zu verstehen, muss man weit zurückblicken.

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Tennis-Profi Schnyder: Rückkehr auf die große Bühne

Denn Schnyder galt einst als kommender Superstar. Bereits als 14-Jährige gelang ihr der Sprung auf die Profi-Tour, 1998 feierte sie erste größere Erfolge. In Hannover schlug sie im Endspiel die mittlerweile verstorbene Jana Novotna, im selben Jahr bezwang die Schweizerin Steffi Graf in deren letztem US-Open-Match. Auch bei Grand-Slam-Turnieren rückte sie erstmals bis ins Viertelfinale vor. Die Experten waren sich einig: Erfolge in Melbourne, Paris, London oder New York waren nur noch eine Frage der Zeit. Doch es kam alles anders.

Ein Guru führte sie an den Abgrund

1999 tauchte Schnyder bei den Australian Open mit einem Guru auf, der ihr Leben nachhaltig beeinflussen sollte. Sein Name: Rainer Harnecker. Schnyder sollte später sagen, dass sie sich "wie in der Hölle vorkam". Zehn Monate war Harnecker an der Seite der aufstrebenden Spielerin, viel Zeit, um Schnyder an den Abgrund zu bringen. Er wurde schnell zum Mann für alles: Partner, Trainer, Manager, Esoterik- und Meditationsexperte, Fitnessguru und Ernährungsberater. Schnyder folgte den teils obskuren Ernährungsanweisungen, sie verlor nicht nur viel Gewicht, sie verlor vor allem viele Spiele, ihre Familie und ihren einstigen Erfolgstrainer Eric van Harpen. Ihr Vater sprach von einer "sektenähnlichen Abhängigkeit".

Die Geschichte endete, als Harnecker wegen Betrugs und Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt wurde, unter anderem, weil er unheilbar kranke Patientinnen trotz fehlender Zulassung bis zu ihrem Tod behandelte. Anschließend verschwand er aus der Öffentlichkeit.

Bis Schnyder zurück zu alter Form fand, vergingen Jahre. Ab 2004 stabilisierte sie ihr Spiel, bei den Australian Open schied sie erst im Halbfinale gegen Kim Clijsters aus. Im November 2005 erreichte die Linkshänderin mit Platz sieben ihre beste Platzierung in der Weltrangliste. Schnyder war zurück, der große Triumph blieb jedoch aus. Ihr vorläufiges Karriereende 2011 erfolgte leise und ging medial fast unter.

Nun erregt sie wieder Aufmerksamkeit: Seitdem sie 2015 auf die Profi-Tour zurückgekehrt ist, hat sie vier kleinere Turniere gewonnen. Bei den US Open wäre ein Erfolg gegen Sharapova eine Sensation. Ziele setze sie sich ohnehin nicht mehr, wie sie kürzlich verriet. Vordergründig geht es nur noch darum, Spaß zu haben. Morgens trainiert sie, mittags und abends kümmert sie sich um ihre dreijährige Tochter.

"Es ist cool. Das ist so ein großes Event und die Leute kommen immer noch auf den Platz, sie kennen meinen Namen, wie ich spiele und meine Geschichte", sagte Schnyder nach ihrer geglückten Qualifikation. Vielleicht ist es der letzte große Auftritt unter dem Nachthimmel von New York.



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