Petra Kvitova vor den French Open Wie in einem Traum

Eine Messerattacke sorgte fast für ihr Karriereende, aktuell ist Petra Kvitova in der Form ihres Lebens. Aber hat die Spezialistin für Rasenbeläge tatsächlich Siegchancen auf dem Sand von Paris?

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Die Reaktion von Petra Kvitova auf die Behauptung, dass sie nun eine der Topfavoritinnen in Paris sei: ein Augenrollen. Und auf die anschließende Frage, ob ein French-Open-Sieg völlig verrückt klänge, meinte die Tschechin lachend: "Ja, das ist verrückt."

Kvitova ist seit elf Matches ungeschlagen, hat zwei Turniersiege mitgenommen, ihr Heimevent in Prag und das "Premier"-Turnier in Madrid. Kurz zuvor hatte sie im Fed Cup sowohl Julia Görges als auch Angelique Kerber vom Platz geschossen. Es gab schon schlechtere Bilanzen im Vorfeld eines Grand-Slam-Turniers, die eine Stellung als Titelkandidatin gerechtfertigt hätten.

Aber verrückt ist nun mal vieles, was in den vergangenen anderthalb Jahren im Leben von Petra Kvitova passiert ist. Kurz vorm Weihnachtsfest 2016 war die zweifache Wimbledonsiegerin in ihrer Wohnung von einem Einbrecher überrascht worden. Der hatte es nicht auf Kvitova abgesehen, es war ein Zufallseinbruch, aber die Dinge gerieten außer Kontrolle.

Kvitova versuchte sich zu verteidigen - der Einbrecher zerstach daraufhin ihre linke Schlaghand mit einem Messer. Wie schlimm die Verletzungen wirklich waren, merkte man daran, dass die Fotos der Hand nur von Boulevard-Medien im Internet aufgegriffen wurden.

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Petra Kvitova: Alles andere als eine normale Karriere

Kvitova spielt so erfolgreich wie nie zuvor

Über die Tschechin brach eine Welle der Sympathie hinein, und als Kvitova Anfang Mai 2017 ein Bild von sich beim Tennisspielen postete, war die Freude groß. Es gab unter Tennisfans selten ein schöneres Foto: Kvitova, die so bodenständige Dame aus Bilovec, vor der traumhaften Bergkulisse in Monaco, in der Sonne, bei einer Rückhand - nach allen Unsicherheiten, ob sie je wieder spielen könne. Ihr Comeback gab sie bei den French Open vor einem Jahr und gewann direkt ein Match; beim Turnier danach in Birmingham, auf ihrem geliebten Rasen, siegte sie fast schon sensationell.

Seit diesem Jahr spielt Kvitova so erfolgreich wie nie zuvor. Sie feierte Turniersiege in St. Petersburg und Doha sowie eben in Prag und Madrid, und das, obwohl sie in Teilen ihrer Hand nach wie vor nichts spüre, wie sie sagt.

"Meine Saison 2011 war großartig", ordnet die 28-Jährige ein, "aber diese Spielzeit ist noch spezieller." 2011 hatte Kvitova erstmals in Wimbledon gewonnen, 2014 folgte ein zweiter Sieg an der Church Road. "Ich konnte mir nicht vorstellen, wieder Tennis zu spielen. Jetzt habe ich fünf Titel seit meinem Comeback geholt. Ich glaube nach wie vor, dass das nur ein Traum ist."

Nun also Paris, und damit ein Turnier, das Kvitova eigentlich nicht gewinnen kann. Kvitova gilt neben Serena Williams zwar als Spielerin, die womöglich die Beste aller ist, wenn sie die Kugel trifft; an schlechten Tagen mag man ihr jedoch kaum zuschauen. Denn Kvitova gibt sich nur wenig Raum für Fehler, sie spielt die klassisch tschechische Schule: schnelle, flache Bälle mit wenig Spin, und bei erstbester Gelegenheit (und oft auch ohne Gelegenheit) geht sie auf den direkten Punkt - eigentlich kein Rezept für einen Sieg auf Sand. Zumal ihre Beinarbeit zu wünschen übrig lässt.

Kvitova hofft auf die Hitze von Paris

Auf Sand liegen Spieler vorne, die mit viel Topspin agieren, dem Ball also einen heftigen Vorwärtsdrall mitgeben. Wenn es trocken ist, springt der Ball unangenehm hoch ab, weshalb die Gegner gezwungen werden, auf Schulterhöhe zurückzuschlagen, statt im Bereich der Hüfte. Man muss bis ins Jahr 1984 zurückblicken, als eine Dame siegte, die zumindest gebürtig aus der Tschechoslowakei stammte, Martina Navratilova nämlich, und das sogar als Serve-and-Volley-Spielerin.

Andererseits ist Paris, je nach Wetterlage, für viele Spielertypen interessant. Der klassische Sandwühler und "Zurückbringer" hat seit den Neunzigerjahren ohnehin keine Chance mehr. Zu aggressiv ist das heutige Tennis geworden, auch dank leichterer Schläger und härterer Saiten. Bleibt es trocken und damit schnell, hat sowohl der offensive Topspin-Spieler als auch der normale "Hardhitter" wie eben Kvitova gute Chancen. Denn nirgendwo sonst bekommt man so viel Zeit, harte Schläge anzusetzen. Jüngstes Beispiel: Jelena Ostapenko aus Lettland, die sich 2017 mit Risiko-Tennis aus allen Lagen zum Sensationstriumph ballerte.

Ein Halbfinale (2012) und drei Achtelfinals (2008, 2011, 2015) stehen für Kvitova auf der Erfolgsliste in Roland Garros. Ob ein Überraschungssieg, der nach den jüngsten Erfolgen gar nicht mehr so überraschend wäre, für Kvitova möglich ist, hängt von vielen Faktoren ab. Eines davon eben: das Wetter. Das spielt in Paris bekanntlich gerne verrückt.



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