Tennis-Sensation Tsitsipas Der Überlebenskünstler

Mit Stefanos Tsitsipas steht erstmals ein Grieche im Finale eines Masters-Turniers. Als großes Plus des 20-Jährigen gilt die Nervenstärke. Diese verdankt er einem traurigen Ereignis aus seiner Jugend.

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Die griechische Tennis-Historie ist nicht eben reich an Geschichten. 1906, zu Zeiten der sogenannten Olympischen Zwischenspiele, gewannen griechische Athleten im Einzel-, Doppel- und Mixed-Wettbewerb den kompletten Medaillensatz. Das war wohl aber weniger der eigenen Überlegenheit, sondern vielmehr der Tatsache geschuldet, dass von 793 teilnehmenden Sportlern allein 312 griechischer Herkunft waren. Und da war Augustos Zerlendis. Ein gebürtiger Ägypter, der 1920 im Alter von 33 Jahren bis ins Achtelfinale von Wimbledon vorrückte und damit wohl schon zu den Tennis-Legenden seines Landes gezählt werden muss.

Fast ein Jahrhundert nach Zerlendis könnte nun Stefanos Tsitsipas die Tennis-Historie seines Landes um ein drittes Kapitel erweitern. An seinem 20. Geburtstag hat er die Chance, seinen ersten großen Titel zu gewinnen. Im Finale des Masters-Turniers in Toronto trifft er auf Rafael Nadal (22 Uhr). Tsitsipas gilt dort als krasser Außenseiter. Sein Gegenüber ist 17-facher Grand-Slam-Sieger und Weltranglistenerster. Der Spanier dürfte dennoch gewarnt sein.

Denn: Tsitsipas spielt momentan in der Form seines noch jungen Lebens. Der Grieche, dessen Habitus stark an Alexander Zverev erinnert, hat in Kanadas Metropole mit Dominic Thiem (Nr. 8), Novak Djokovic (Nr. 10), Zverev (Nr. 3) und Kevin Anderson (Nr. 6) bereits vier Top-10-Spieler bezwungen. Sollte er im Endspiel tatsächlich auch noch Nadal schlagen, wäre er der erste Profi seit Einführung der Weltrangliste 1973, der gleich fünf der zehn besten Spieler in einem ATP-Turnier besiegt.

Tsitsipas' Vater rettete ihm das Leben

Schaut man sich eine Partie von Tsitsipas an, fällt auf, wie ausgereift sein Spiel bereits ist. Seine einhändige Rückhand ließ zuletzt den wiedererstarkten Djokovic ratlos zurück, sein Aufschlag ist zwar noch verbesserungswürdig, aufgrund seiner Größe (1,93 Meter) aber schon sehr druckvoll. Tsitsipas mag es zudem - ganz im Gegensatz zu anderen Spielern in seinem Alter -, ans Netz vorzurücken. Der Grieche ist ausdauernd, sucht allerdings auch häufig den schnellen Punktgewinn.

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Tennis-Profi Tsitsipas: Griechenlands Wunderkind

Doch sein größtes Plus ist die Nervenstärke. Im Viertelfinale wehrte er gegen den ebenfalls formstarken Zverev im Tiebreak des zweiten Satzes einen Matchball ab und gewann wenig später. Gleiches gelang ihm eine Runde später gegen den Südafrikaner Anderson. Tsitsipas liebt es, sich aus brenzligen Situationen zu befreien und bietet den Zuschauern fast immer ein Spektakel - in Toronto stand er bereits 10:30 Stunden auf dem Feld, Nadal hingegen "nur" 7:35 Stunden.

Dass er mit Drucksituationen besser umgehen kann als viele Gegner, könnte mit einem Erlebnis aus seiner Jugend zusammenhängen. Während eines Kretaurlaubs wurde der damals 16-jährige Tsitsipas beim Schwimmen von heftigen Strömungen fast in den Tod gerissen. Sein Vater rettete ihn, 40 Meter vor der Küste auf dem Wasser treibend. "Dieser Vorfall hat mir die Angst auf dem Court genommen und geholfen, zu realisieren, wie wichtig mir das Tennis und mein Leben sind."

Der Nachfolger von Nadal?

Vater Apostolos hatte nicht nur in diesem Moment großen Einfluss auf das Leben seines Sohnes. Als Tennis-Trainer sorgte er dafür, dass der kleine Stefanos bereits im Alter von drei Jahren erstmals den Schläger schwang. Das Talent wurde ihm aber auch von seiner Mutter in die Wiege gelegt. Julija Salnikova-Tsitsipas, eine gebürtige Russin, spielte viele Jahre professionell Tennis auf der WTA-Tour.

Schon in seiner Jugend blieb Beobachtern sein Potenzial nicht verborgen. 2014 und 2015 stand er im Finale des prestigeträchtigen Orange Bowl, 2016 gewann er die Junioren-Doppel-Konkurrenz in Wimbledon, im selben Jahr rückte er zwischenzeitlich sogar an die Spitze der Weltrangliste vor.

Die Erfolge in der Jugend spielen vor dem wichtigsten Spiel seiner Karriere allerdings keine Rolle. Nadal, der seinen insgesamt 33. Masters-Titel einheimsen kann, hatte zum gleichen Zeitpunkt in seiner Karriere bereits zweimal die French Open gewonnen. Doch auch die Karriere des 32-Jährigen ist endlich. Tsitsipas zählt zu den Anwärtern auf die Nachfolge Nadals.



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Seite 1
kopi4 12.08.2018
1.
Thiem,Zverev, Anderson kann man in diesemZusammenhang vergessen. Top 10 aber sicher keine Über-Spieler. Sollte er gewinnen hätte er Djokovic und Nadal besiegt,das wäre die außergewöhnliche Leistung. Wird aber nicht passieren, Nadal ist bei Titeln unersättlich. 6:4 6:2 für den Spanier.
ceetee75 13.08.2018
2.
Zitat von kopi4Thiem,Zverev, Anderson kann man in diesemZusammenhang vergessen. Top 10 aber sicher keine Über-Spieler. Sollte er gewinnen hätte er Djokovic und Nadal besiegt,das wäre die außergewöhnliche Leistung. Wird aber nicht passieren, Nadal ist bei Titeln unersättlich. 6:4 6:2 für den Spanier.
Guter Tipp - waere fast so eingetreten, nachdem Nadal bei 6:2 5:4 zum Match servierte, bevor er das erste Break bekam. Ich wuerde jedoch nicht über 3 Top 10 Spieler so sprechen wie sie es tun, Thiem und Anderson standen in insgesamt 3 Grand Slam Finals und Zverev war Titelverteidiger bei diesem Masters (schlug Federer im Finale 2017) und nur weil sie alle 3 keine Überspieler sind wie Federer, Nadal oder Djokovic ist es trotzdem eine der außergewöhnlichsten Leistungen der letzten Jahre, 4 Top 10 Spieler in einem Turnier zu schlagen. Ich bezweifele auch stark, dass die Top 10 von heute schlechter sind als die der letzten Jahre...
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