Karriereende von Tommy Haas Was gefehlt hat

Tommy Haas' Abgang von der Tennis-Bühne war leise und unspektakulär. Der Deutsche beendet seine Laufbahn, ohne einen ganz großen Titel gewonnen zu haben. Das lag nicht nur am Verletzungspech.

DPA

Von


Eigentlich hätte der Deutsche Tennis Bund allen Grund zur Freude. Seit Anfang November steht mit Alexander Zverev erstmals seit 15 Jahren wieder ein deutscher Profi unter den besten drei Spielern der Welt. Der 20-Jährige qualifizierte sich dank seiner Masters-Erfolge in Rom und Montreal für die ATP-Finals, die am Sonntag in London beginnen. Außerdem gelang es den Verantwortlichen, Boris Becker für die neu geschaffene Stelle des "Head of Tennis" zu gewinnen. Bei den Frauen spielte sich zuletzt Julia Görges in den Vordergrund.

Doch in die gute Stimmung mischt sich Wehmut. Während sich der jüngere der beiden Zverev-Brüder allmählich in Position bringt, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, geht eine andere Karriere zu Ende: Thomas "Tommy" Haas hat sich leise von der großen Bühne verabschiedet. Als der mittlerweile 39-Jährige im August in Kitzbühel verlor, wusste er noch nicht, dass es sein letztes Match sein sollte. Sechs Wochen später verweigerten ihm die Veranstalter der US Open eine Wild Card, in Wien verzichtete Haas auf einen Start und ließ daraufhin von seinem Manager verkünden, dass die Saison (und damit auch die Karriere) für ihn beendet sei.

Kein großes Spiel mehr, kein weiterer Titel. Haas hätte einen Abgang verdient gehabt, der seiner Karriere gerecht geworden wäre.

Fotostrecke

10  Bilder
Tennis: Tommy Haas: 20 Jahre Wimbledon

In seiner 21-jährigen Profi-Laufbahn gewann Haas 15 Turniere, insgesamt stand er viermal in einem Grand-Slam-Halbfinale, 2002 verpasste er es nur knapp, die Weltranglistenführung zu übernehmen. Und dennoch werden ihn viele Fans als ewigen Pechvogel in Erinnerung behalten, als einen, der noch viel mehr hätte erreichen können, wenn sein Körper dauerhaft mitgespielt hätte. Die Krankenakte des Wahl-Amerikaners ist unendlich lang - immer wieder unterzog sich Haas Hüft-, Schulter- und Ellbogenoperationen.

Wie gut war Tommy Haas wirklich?

Das Fleisch war schwach, der Geist willig - aber in den entscheidenden Momenten war auch darauf kein Verlass. Das verlorene Finale bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney, das Halbfinal-Aus bei den Australian Open 2002 oder die Achtelfinal-Niederlage bei den French Open 2009 gegen den späteren Sieger Roger Federer - in all diesen Partien entschieden Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage. Haas hatte das nötige Glück nie auf seiner Seite.

Doch lag es wirklich nur am fehlenden Glück?

Haas hat im Laufe seiner Karriere nahezu alle großen Spieler der vergangenen zwei Jahrzehnte bezwingen können. Jewgeni Kafelnikow, Pete Sampras, Andre Agassi, Roger Federer, Novak Djokovic, Andy Murray - im Gegensatz zu Haas haben sie aber Grand-Slam-Titel gewonnen und zumindest vorübergehend die Weltrangliste angeführt. Vergleicht man die Zahlen dieser Spieler, wird deutlich, worin Haas' eigentliches Problem gelegen hat.

Fotostrecke

9  Bilder
Gescheiterte Tennis-Talente: Gasquet, Ancic, Elsner

Der ehemalige Schützling von Trainer-Ikone Nick Bollettieri konnte in 867 Spielen auf der ATP-Tour lediglich 40 Prozent seiner Breakbälle nutzen. Im Gesamttableau reicht das nur für den 121. Platz. Djokovic, Murray (jeweils 44 Prozent), Kafelnikow, Agassi (jeweils 43), Federer, Sampras (jeweils 41) stehen allesamt vor Haas.

Auch wenn es darum ging, Breakbälle abzuwehren, war ihm die Konkurrenz einen Schritt voraus. Haas wehrte lediglich 62 Prozent der Breakbälle ab. Sampras (68 Prozent) und Federer (67) zählen bis heute zu den nervenstärksten Spielern der Geschichte, profitierten im Gegensatz zu Haas von ihren varibablen und druckvollen Aufschlägen. Auch Agassi (65), Djokovic (65) und Murray (63), drei klassische Grundlinienspieler und Returnexperten, unterliefen in entscheidenden Momenten weniger Fehler.

Haas fehlte ein Schlag, den seine Gegner fürchten

Hinzu kam die Spielweise: Haas gilt in der Szene als Allrounder, auf nahezu allen Belägen spielte er mehr oder weniger gleich gut, wenngleich er auf schnellerem Untergrund mehr Titel sammeln konnte und Wimbledon zu seinen Lieblingsturnieren zählte. Seine einhändig gespielte Rückhand zählt zu den schönsten und sichersten Schlägen im Tennis, ein anderer Paradeschlag war der Topspin-Lob. Doch so schön das Spiel des Deutschen auch war - in wichtigen Momenten fehlte Haas eine besondere Stärke, die ihn von der Konkurrenz hätte abheben können. Ein Schlag, den seine Gegner fürchten.

Fotostrecke

12  Bilder
Die besten Aufschläger im Tennis: Kurz und schmerzlos

Sampras gewann vor allem wegen seines Aufschlags, der ihm den Namen "Pistol Pete" einbrachte, siebenmal Wimbledon. Federers Vorhand war immer der Schlag, den Gegner zu umgehen versuchten. Djokovic, dessen Spiel weniger ästhetisch erscheint, beherrscht die Kunst, jede aussichtslose Situation lösen zu können.

Alexander Zverev hat in diesem Jahr fünf Turniere gewonnen und sich dadurch für die ATP-Finals qualifiziert. Beides war Haas in seiner Karriere nie gelungen. Zverev ist 1,98 Meter groß und hat eine Rückhand, über die Federer sagt, "sie werde die nächsten Jahre im Tennis dominieren". Eine Rückhand wie Zverev - so ein Schlag hat Haas gefehlt.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mactruth81 10.11.2017
1. Der Biss
Tommy Haas hat vielleicht nicht den ganz großen Titel geholt, dennoch hat er mir als Tennisspieler immer gefallen. Sympathisch, vielleicht auch gerade weil ihm der letzte Biss gefehlt hat. Er kam immer locker rüber.
tmhamacher1 10.11.2017
2. Schlechtes Omen!
Thomas Haas, war das nicht der eine Teil von TOSA GmbH, einer Firma, die zwei jungen Tennisspielern mit dem Familiennamen Haas gegründet hatten, um mit Hilfe des Sportstudios Investoren suchten, die Geld in sie stecken sollten? Dieses Geld war im Falle des Scheiterns wie bei SA-bine Haas natürlich in den Sand gesetzt, im Falle des Erfolges (TOmmy) sah man sich dann vor Gericht wieder, weil "Tommy" natürlich nicht den zugesagten Anteil bezahlen wollte. In meiner kleinen Welt nennt man so etwas Betrug, und deshalb habe ich "Tommy" durchaus gegönnt, dass er nicht den Erfolg hatte, den er hätte haben können.
neu-stuttgarter 10.11.2017
3.
Zitat von tmhamacher1Thomas Haas, war das nicht der eine Teil von TOSA GmbH, einer Firma, die zwei jungen Tennisspielern mit dem Familiennamen Haas gegründet hatten, um mit Hilfe des Sportstudios Investoren suchten, die Geld in sie stecken sollten? Dieses Geld war im Falle des Scheiterns wie bei SA-bine Haas natürlich in den Sand gesetzt, im Falle des Erfolges (TOmmy) sah man sich dann vor Gericht wieder, weil "Tommy" natürlich nicht den zugesagten Anteil bezahlen wollte. In meiner kleinen Welt nennt man so etwas Betrug, und deshalb habe ich "Tommy" durchaus gegönnt, dass er nicht den Erfolg hatte, den er hätte haben können.
Korrekt. Aber das Problem war nicht Tommy, sonder sein Vater Peter Haas, der die GmbH gegründet hat und dann später Insolvenz angemeldet hat. Wobei das Gericht da wohl nicht mitgespielt hat... http://www.fr.de/sport/tommy-haas-spekulationsobjekt-tennistalent-a-701579
multi_io 10.11.2017
4.
Becker hat doch mal gesagt, Tennis wird zu 80% im Kopf entschieden. Das ist vielleicht übertrieben, aber es ist was dran. Hass war einer der ästhetischsten Spieler auf der Tour, seine Grundschläge werden bis heute regelmäßig als Vorlage in Tennislehrgängen rangezogen. Aber ihm fehlte irgendwie die Wettkampfhärte. Im Gegensatz beispielsweise zu Federer hatte man bei Haas in engen Matches nie das Gefühl, dass er genau jetzt erst recht fokussiert und sein bestes Tennis auspackt. Gregor Dimitrov scheint mir manchmal ein ähnliches Problem zu haben -- von den Anlagen und der Ästhetik her "Baby Federer", aber der letzte Biss fehlt.
jean-baptiste-perrier 11.11.2017
5. Mach es gut Tommy !
Das TOSA Konstrukt hat sich ja nicht Tommy Haas ausgedacht, sondern sein überehrgeiziger Vater. Diese ganze Geschichte mit der TOSA GmbH hat doch von Anfang an einen unmenschlichen Druck auf die Schultern von Sabine und Tommy geladen. Der Vater hat es gut gemeint und wollte damit die maximale Förderung für beide. Statt fernab der Heimat in Florida das fünfte Rad am Wagens Bolletieris zu sein, wäre es für den 13-jährigen Tommy besser gewesen in Deutschland zu bleiben. Mit 13 einen Jungen derart zu entwurzeln, wirkt sich zwangsläufig auf das Vertrauen eines Menschen aus. Vertrauen in die Umgebung, aber auch Vertrauen in sich selbst. Und Tommy Haas hatte immer großes Talent und hat hart trainiert. Doch auf dem Platz wirkte er häufig gehetzt. Er konnte sich selten in einen Flow spielen, so wie es für die ganz großen Erfolge notwendig ist. Man konnte ihm bei Big-Points häufig quasi beim Nachdenken zusehen. Ich hätte ihm mehr gegönnt. Er hätte vielleicht schon 2012 im damals schon stolzen Tennis-Alter von 34 Jahren nach seinem Final-Sieg in Halle gegen Roger Federer seinen Rücktritt erklären sollen. Das wäre der perfekte Moment gewesen. Er hat weiter gemacht, weil er auch den Wunsch hatte, dass ihn seine kleine Tochter noch spielen sieht. So bleibt er zwar nicht als der erfolgreichste Tennis-Spieler in Erinnerung, aber als einer der immer weiter gemacht hat (trotz der ganzen Verletzungen). Was die Langlebigkeit auf der Tour angeht, muss man ihn in einem Atemzug mit Jimmi Connors nennen. Mal sehen, ob er jetzt seinem Freund Roger Federer noch ein paar Tips hinsichtlich der körperlichen Fitness im Alter geben kann und der Roger auch bis 39 durchhält ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.