Lisicki und die Folgen: Ruhig mal einschalten!

Von Philipp Joubert, London

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Sabine Lisicki: Die Begeisterung war groß - doch was bleibt?

Es hätte so schön sein können: Sabine Lisicki siegt in Wimbledon, tritt Steffi Grafs Erbe als Deutschlands Tenniskönigin an. Doch es kam anders. Die Frage ist nun: Was bleibt von der Begeisterung der vergangenen Tage?

Ich bin alt genug, um mich an jene Zeit zu erinnern, in der Miriam Gössner noch Anke Huber hieß und Simon Schempp Carl-Uwe Steeb. Statt langer Wintersportsamstage liefen im Fernsehen von früh bis spät Grand-Slam-Turniere. Es waren die Zeiten, als Steffi Graf und Boris Becker große Titel in Serie einheimsten und viele meiner Altersgenossen in den Tennisverein eintreten wollten, statt Fußball zu spielen.

Ziemlich schnell nach dem Rücktritt von Becker, Graf und Michael Stich legte sich das Interesse der breiten Öffentlichkeit. Grand-Slam-Turniere wurden jetzt auf Eurosport statt in der ARD gezeigt, viele lokale Turniere wie in Leipzig oder Berlin fanden nicht mehr statt oder verloren wie der Rothenbaum seinen Top-Status.

Währenddessen erlebte Tennis außerhalb Deutschlands einen Boom. Hohe Einschaltquoten, Rekordzuschauerzahlen bei vielen großen Turnieren. Mit Serena Williams, Rafael Nadal und Roger Federer gingen drei charismatische Champions auf Rekordjagd, die den Ikonen der Achtziger in nichts nachstanden. Einer der drei Spieler spricht sogar Deutsch als Muttersprache.

Das Potential ist enorm, nicht nur bei Lisicki

Woran liegt also das gesunkene Tennis-Interesse in Deutschland? Ist der Sport langweiliger geworden oder gibt es einfach mehr Auswahl für die geneigten Zuschauer? Fehlen die deutschen Stars oder zeigen die Fernsehsender, allen voran die Öffentlich-Rechtlichen, einfach nicht genug Tennis, um die Jugend an den Sport heranzuführen?

An mangelnder Qualität liegt es sicherlich nicht. Werden die neuen Spitzenspieler wie einst Graf und Becker bei jedem Turnier um den Sieg mitspielen? Nein, dafür ist die Leistungsdichte im Tennis heute viel zu groß. Aber das Potential ist enorm, nicht nur bei Sabine Lisicki.

Angelique Kerber gehört seit mehr als einem Jahr zu den zehn besten Spielerinnen der Welt, und Mona Barthel hat das Talent, bald die ganz großen Turniere zu gewinnen. Andrea Petkovic, auch wenn immer wieder durch Verletzungen gebremst, ist eine der charismatischsten Sportlerinnen des Landes. Genau wie Julia Görges, Annika Beck und Carina Witthöft sind diese Spielerinnen jung genug, um noch Jahre auf höchstem Niveau zu spielen.

Miese Einschaltquoten

Zugegeben, auf der Herrenseite hat es trotz hoffnungsvollen Spielern noch keinen Durchbruch gegeben. Aber gerade das Männertennis wird heute von Mitt- und Endzwanzigern bestimmt, da kann ein Aufstieg schon mal ein paar Jahre dauern.

Die Forderung nach mehr Tennis auf öffentlich-rechtlichen Sendern wird gerade unter Tennisfans immer wieder laut. Aber man muss auch ehrlich sein: Wenn mal Tennis gezeigt wird, sind die Quoten nicht gut. Selbst bei einem Match wie zuletzt zwischen Federer und Thomas Haas in Halle schalten kaum mehr als eine Million Menschen ein.

Wenn demnächst die Bundesliga wieder startet, wird der Ruf nach Tennis auf prominenten Sendeplätzen sowieso wieder leiser werden. Nächstes Jahr findet Wimbledon übrigens während der Fußball-WM statt, kaum vorzustellen, dass es dann ähnlich große Empörung über ein nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigtes Wimbledon-Finale gäbe wie dieses Jahr.

Deutscher Tennis Bund ohne offensive Vermarktung der Stars

Der Deutsche Tennis Bund ist in den letzten Jahren das ein oder andere Mal durch fragwürdige Entscheidungen und interne Streitigkeiten aufgefallen. Der Verband hat es trotzdem geschafft, die WTA-Rechte bei einem TV-Partner (Sat.1 Gold) unterzubringen, nachdem die WTA Tour den langjährigen Partner Eurosport mit hohen Preisforderungen aus dem Markt gedrängt hatte.

Dennoch: Was von Verbandsseite fehlt, ist eine offensive Vermarktung der eigenen Stars abseits des Fed und Davis Cup. Warum zum Beispiel hat Andrea Petkovic, die heimliche Social-Media-Königin der WTA-Tour, keinen eigenen Blog auf der DTB-Website? Wo sind die regelmäßigen Interviews mit Haas oder den kommenden Stars?

Kehrt also die Tennisbegeisterung wieder dauerhaft zurück nach Deutschland? Nein, das braucht Zeit und wohl weitere große Erfolge. Aber das Potential ist da, vor allem auf Spielerseite.

Und Sie als Zuschauer, schalten Sie ruhig mal ein beim Tennis. Auch wenn keine Deutschen spielen. Denn bei keiner anderen Sportart können Sie Weltklasseathleten derart nah bei einer physischen und mentalen Auseinandersetzung beobachten: wie sie leiden - oder eben große Glücksmomente erleben.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Wo einschalten?
Mannheimer011 07.07.2013
Habe kein Pay-TV und werde es mir auch nicht zulegen. Dafür gab es gestern Damentriathlon und Rollstuhlbasketball für die fleißig bezahlten GEZ-Gebühren. Und der Wintersport bis zum Erbrechen kann von mir aus auch ersatzlos gestrichen werden. Zum Glück gibt´s noch TdF bei Eurosport!
2. Hype
EvilGenius 07.07.2013
Zitat von sysopDie Frage ist nun: Was bleibt von der Begeisterung der vergangenen Tage?
Die Erkenntnis, dass man den Tag nicht vor dem Abendprogramm loben soll? Ich meine: es ist toll, dass eine deutsche Tennisspielerin ins Wimbeldon-Finale einzieht, da kann man ruhig auch mal drüber berichten, aber dieser Medienrummel der letzten Tage, wie beliebt sie doch ist, bei Deutschen, Berlinern, Engländern, Profis, Amateuren, Hunden, Katzen, Hobbyanglern, hätte man sich mal dezent verkneifen können. Tennis ist halt kein Beliebtheitswettbewerb.
3.
Icke. 07.07.2013
Zitat von sysopEs hätte so schön sein können: Sabine Lisicki siegt in Wimbledon, tritt Steffi Grafs Erbe als Deutschlands Tenniskönigin an. Doch es kam anders. Die Frage ist nun: Was bleibt von der Begeisterung der vergangenen Tage? Tennis und Wimbledin: Was vom Hype um Sabine Lisicki bleibt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/tennis-und-wimbledin-was-vom-hype-um-sabine-lisicki-bleibt-a-909840.html)
Erstmal ganz herzlichen Glückwunsch Sabine, zu diesem großartigen Erfolg. Lisicki hat ein schnelles, aggressives und kraftvolles Tennis gespielt und wenn es auch jetzt mit dem 1. Platz um ein Haar nicht gereicht hat, die Troisdorferin wird sich nochmals steigern und hat dann für nächstes Jahr die allerbesten Chancen und Voraussetzungen auf den Titelgewinn.
4. Guter...
merapeak75 07.07.2013
...unpolemischer Artikel. Ich sehe gelegentlich auch Tennis, wenn kein(e) deutsche(r) Spieler(in) dabei ist, da es auch andere charismatische Sportler gibt. Sicher wird es auch bei diesem Artikel wieder die typisch deutschen Dauernörgler geben, aber ich finde ihn gut und unaufgeregt geschrieben
5. Auch wenn mich Tennis kaum interessiert,
vask 07.07.2013
wäre ich gern bereit "Wetten dass..?" zu opfern, damit die entsprechenden Rechte gekauft werden können.
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2010: Philipp Petzschner und Jürgen Melzer
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2009: Anna-Lena Grönefeld und Mark Knowles
1933: Gottfried von Cramm und Hilde Krahwinkel-Sperling
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Jahr Männer Frauen
2013 Andy Murray Marion Bartoli
2012 Roger Federer Serena Williams
2011 Novak Djokovic Petra Kvitová
2010 Rafael Nadal Serena Williams
2009 Roger Federer Serena Williams
2008 Rafael Nadal Venus Williams
2007 Roger Federer Venus Williams
2006 Roger Federer Amélie Mauresmo
2005 Roger Federer Venus Williams
2004 Roger Federer Marija Scharapowa
2003 Roger Federer Serena Williams
2002 Lleyton Hewitt Serena Williams
2001 Goran Ivanisevic Venus Williams
2000 Pete Sampras Venus Williams