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Mutmaßlicher Wettbetrug im Tennis: Fehler im System

Von Philipp Joubert

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Tennissport: Verworrene Strukturen, gegensätzliche Interessen

Die Berichte über möglichen Wettbetrug erschüttern die Tenniswelt. Die nun drohende Krise ist hausgemacht: Das interne Kontrollsystem hat versagt - und ist auf Hilfe von außen angewiesen.

Der Zeitpunkt der Enthüllung war perfekt gewählt. Der erste Tag der Australian Open. Für die meisten Beobachter und Fans beginnt die Tennissaison erst mit dem ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres. Die Aufmerksamkeit war den Enthüllern von BBC und "BuzzFeed" also gewiss: Bis zu 16 ehemalige und aktuelle Herrenspieler aus den Top 50 sollen Spiele verschoben haben, um mit der Manipulation Geld zu verdienen. (Hier finden Sie alle Infos zum Thema im Überblick.)

Die Vorwürfe um Wettbetrug im Tennis sind nicht neu. Sie bekommen mit den jüngsten Berichten allerdings eine neue Dimension. Gerade in Anbetracht des Skandals um den internationalen Leichtathletikverband IAAF werfen sie bekannte Fragen auf: Tun die Tennis-Funktionäre genug, um die Integrität des Sportes zu bewahren? Schützen sie gar die Täter? Und sollten tatsächlich diejenigen, die den Sport vermarkten, ihn auch selber überwachen dürfen?

Tennis folgt dem aus anderen Sportarten bekannten und kritisierten Modell der Selbstregulierung. Sollten die aktuellen Vorwürfe stimmen, ist dieses Modell im Tennis gescheitert. Denn aus dem BBC-Bericht geht hervor, dass die Tennis Integrity Unit (TIU), die 2008 von den Tennisverbänden zur Überwachung von verdächtigen Wettaktivitäten gegründet wurde, nicht konsequent jedem Verdacht nachgegangen ist. Stattdessen hat sie Möglichkeiten zur Manipulationen zumindest in fahrlässiger Weise zugelassen.

Gesperrt werden nur die kleinen Fische

Verdächtige Tennisstars werden in Ruhe gelassen, um die Reputation des Sports nicht weiter zu beschädigen: Das ist der Eindruck, der durch die Berichte entstanden ist. Dass es ein Problem mit manipulierten Matches gibt, streitet niemand ab. Doch erwischt und gesperrt werden von der TIU meist nur kleine Fische, die ihr Geld auf kleineren Turnieren verdienen.

Die neuen Vorwürfe legen nahe, dass auch größere Namen aktiv manipuliert haben und es wohl auch jetzt noch tun. Sogar ein ehemaliger Grand-Slam-Sieger im Einzel soll betrogen haben. Allen Beschuldigten sämtliche Vergehen nachzuweisen, dürfte für die BBC und "Buzzfeed" wohl unmöglich sein. Dazu müssten sie Einblicke in Bankbewegungen und Telefonverbindungen erhalten. Doch ihre Arbeit suggeriert, dass die TIU, die genau diese Mittel hat, sie bisher nicht konsequent genutzt hat.

Chris Kermode, der Chef der Spielervereinigung ATP, versuchte den Vorwürfen auf einer bemerkenswert kurzen Pressekonferenz entgegenzutreten. Natürlich sei an den Vorwürfen nichts dran, alle verdächtigen Matches würden von der TIU konsequent untersucht, nichts werde verheimlicht, sagte der Brite.

Es geht um Prestige, Geld und Einfluss

Das ist klassische Funktionärssprache. Doch Kermode, der seinen Job erst vor 22 Monaten antrat, ist in keiner einfachen Position. Denn Tennis, mit seinen verworrenen Strukturen und konkurrierende Interessen, bietet den perfekten Nährboden für einen solchen Skandal. Die ATP und WTA, beide jeweils ein Zusammenschluss von Turnierveranstaltern und Spielern, organisieren den Touralltag. Der Weltverband ITF hingegen verantwortet die prestigeträchtigen Grand-Slam-Turniere und die beiden Länderwettbewerbe Davis Cup und Fed Cup. Alle drei Organisationen kommen sich immer wieder in die Quere. Es geht um Prestige, Geld und Einfluss.

Der Ruf des Sports ist ohnehin schon lange angeschlagen. Ein richtiges Anti-Dopingprogramm wurde nur auf Druck von außen angeschoben. Noch heute kritisieren viele, inklusive Spitzenspieler wie Roger Federer und Andy Murray, den Mangel an Trainingskontrollen. Dazu kommt eine Kommunikationspolitik, die, statt Transparenz zu erzeugen, meist nur schon längst gefallene Entscheidungen verkündet.

Dass gerade Tennis für Wettmanipulationen so anfällig ist, ist in der Struktur des Sports angelegt. Nur wer gewinnt, verdient auch Geld. Garantierte Einnahmen sind rar. Wer einem wohlhabenden Nationalverband angehört, wird eventuell beim Organisieren von Flügen und Unterkünften unterstützt. Doch die allermeisten Profis sind auf sich gestellt. Sind sie verletzt oder schlecht in Form, ist niemand da, der sie auffängt. Wer zur Weltspitze gehört, ist finanziell unabhängig, der Rest steht unter Druck.

Die Tenniswelt braucht Druck von außen

Die Turnierveranstalter reagierten mit teils massiven Preisgelderhöhungen in den vergangenen Jahren. So sollte die Versuchung, die von potenten Wettsyndikaten ausgeht, verringert werden. Wer finanziell unabhängiger ist, ist weniger empfänglich für Schmiergeld. Doch mit der Finanzierung tun sich gerade die Ausrichter kleinerer Turniere schwer. Sie sind oft auf Sponsorengelder angewiesen. Insbesondere in Europa stammen diese oft von Wettanbietern.

Welche Folgen die Vorwürfe haben werden, ist noch nicht abzusehen. Einige Reaktionen aus der Tenniswelt klangen reserviert. "Wettbetrug gibt es leider Gottes in jeder Sportart", kommentierte Deutschlands bester Tennisspieler Philipp Kohlschreiber die jüngsten Ereignisse. Man dürfe jetzt nicht alles schlecht machen. Die Bereitschaft der Beteiligten, das System zu ändern, wird kaum steigen. Die Frage ist, ob der Druck von außen stark genug wachsen wird, um eine unabhängige Untersuchung einzuleiten und so die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Dem Tennissport wäre es zu wünschen.

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Tennis: Die wichtigsten Schläge
Beginnt der Aufschläger nicht mit einem Ass und der Rückschläger spielt den Ball zurück übers Netz, läuft der Ballwechsel. Dann kann es zu folgenden Schlägen kommen:

  • VOLLEY: Der Ball wird noch vor dem Aufkommen auf dem Boden geschlagen. Dieser Schlag wird vorwiegend am Netz gespielt und soll den Ballwechsel beenden.

    PASSIERSCHLAG: Ist der andere Spieler ans Netz vorgerückt, kann er nicht die gesamte Breite des Feldes abdecken - und mit einem Schlag seitlich an ihm vorbei passiert werden.

    STOPP: Ein zumeist mit Rückwärtsdrall gespielter Ball, der kurz hinter dem Netz aufkommt und für den Gegner schwer zu erreichen ist. Wird vorwiegend auf dem langsamen Belag Sand gespielt.

    LOB: Nach einem gespielten Stopp rückt der Spieler zumeist ans Netz vor. Dann ist es möglich ihn mit einem hoch geschlagenen Lob-Ball zu überspielen.

    SCHMETTERBALL: Wird der Lob zu flach gespielt, bietet sich für den Gegner die Möglichkeit, den Ballwechsel mit einem Schmetterball zu beenden. Der Schlag ähnelt sehr dem Aufschlag und ist ein mit hohem Tempo gespielter Überkopfschlag.

  • Zudem lassen sich die Schläge von der Grundlinie unterteilen, egal ob Vor- und Rückhand:

  • TOPSPIN: Durch eine von unten nach oben durchgeführte Schlagbewegung wird dem Ball Vorwärtsdrall verliehen. Der Ball steigt dadurch zunächst relativ hoch an, fällt dann aber steil nach unten. So können auch sehr diagonal oder schnell gespielte Bälle noch im Feld landen.

    SLICE: Ist das Gegenteil vom Topspin. Die Schlagbewegung ist von oben nach unten, der Ball erhält damit Rückwärtsdrall. Der Ball wird möglichst am höchsten Punkt getroffen, die Flugkurve ist dann sehr flach und stetig sinkend. Der Ball ist dadurch relativ lange in der Luft, so dass der Schlag entweder als Verteidigungsschlag oder als Vorbereitung zum Aufrücken ans Netz verwendet wird.

    DRIVE: Der Ball wird sehr direkt getroffen und damit nur mit sehr wenig oder gar keiner Rotation versehen.

Jeder dieser drei Schläge kann entweder cross, also quer, oder longline, der Linie entlang, gespielt werden. Ein Longline-Schlag erfordert eine hohe Präzision, da der Ball leicht im Aus landen kann - und das Netz zudem außen höher ist als in der Mitte. Cross gespielte Schläge hingegen fordern weniger Genauigkeit, können dafür aber mit mehr Tempo gespielt werden.

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