Rücktritt von Wimbledon-Siegerin Bartoli "Madame Einstein" geht vom Platz

Tränen auf der Pressekonferenz, Emotionen auf Twitter: Einen Monat nach ihrem größten Erfolg tritt Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli zurück. Die Französin mit dem IQ von 175 und dem unorthodoxen Spiel blieb immer eine Außenseiterin. Für ihren einen großen Titel gab sie alles.

AFP

Von Philipp Joubert


Die Emotionen, die Aufregung und die Rührung waren selbst um fünf Uhr morgens noch nicht abgeklungen. "Ich konnte noch nicht schlafen, ich habe all eure Nachrichten gelesen und Tränen in den Augen. Danke euch allen für eure Liebe", twitterte Marion Bartoli da. Einige Stunden zuvor hatte sie dem Tennissport - völlig unerwartet - Adieu gesagt.

Jede Woche neue Turniere, ein neues überraschendes Ergebnis, ein neuer Star - das Profitennis ist selbst in der schnelllebigen Sportwelt eine Ausnahme. Da ist kaum Platz für Sentimentalitäten. Bartoli, vor einem Monat noch Wimbledon-Siegerin, verlor auf einem Nebenplatz beim US Open-Vorbereitungsturnier in Cincinnati ihr Auftaktmatch gegen die Rumänin Simona Halep. Kann passieren, gerade nach einem großen Triumph. Aber für Bartoli war es der Anlass zum Abschied.

"Ich habe mir meinen Traum erfüllt, und das wird mir ewig bleiben", sagte sie bei ihrer Abschiedsrede in Cincinnati. Sie habe alles in Wimbledon gegeben.

Bartoli, wie die meisten Tennisspieler von ständigen Verletzungen geplagt, sprach von akuten Rücken-, Achillessehnen- und Hüftschmerzen. Das ist nicht ungewöhnlich für eine Spielerin, die ihr erstes Profimatch 1999 im Alter von 14 spielte und insgesamt 788-mal auf dem Court stand. Der Rücktritt war aber sicherlich auch Ausdruck mentaler Erschöpfung.

"Vor dem Spiel weißt du nie, ob es dein letztes ist", sagte Bartoli, "aber nach dem Spiel habe ich so gefühlt".

Ihre ganze Karriere hatte die Rechtshänderin mit dem IQ von 175 auf das eine große Ziel hingearbeitet, einen Grand-Slam-Sieg. 47-mal, so oft wie vor ihr keine andere Spielerin, war sie vor ihrem Titel bei Grand Slams angetreten. Erst nach dem Wimbledon-Sieg hatte sie sich nichts mehr zu beweisen.

Die damals unterlegene Sabine Lisicki war eine von vielen Spielerinnen, die Bartoli nach dem Rücktritt auf Twitter alles Gute wünschten: "Viele Erinnerungen werden bleiben. Dicke Umarmung."

Spielstil verhinderte lange großen Erfolg

Bartolis Auftreten auf dem Platz war für Außenstehende oft exzentrisch, doch in der Welt der Französin machten die Schattenschläge und das ständige Bewegen vor Ballwechseln Sinn. Sie wollte immer bereit sein für den nächsten Schlag, Energie ausstrahlen, ihr Schicksal in der eigenen Hand haben. So spielte sie dann auch: flache, aggressive Schläge, immer den Winner suchend, bloß nicht der Gegnerin die Initiative überlassen. Ein Spielstil, der über die Jahre einige große Siege wie zum Beispiel gegen Serena Williams und Justine Henin in Wimbledon brachte. Aber eben auch viele Niederlagen - und bis zu diesem Sommer auch den ganz großen Durchbruch verhinderte.

Bartolis Spiel war wie ihre Persönlichkeit von ihrem Vater geprägt. Walter Bartoli hatte den Sieg von Monica Seles gegen Steffi Graf bei den French Open 1992 gesehen und mit Hilfe ungewöhnlicher Trainingsmethoden das Spiel der Amerikanerin imitiert und seiner Tochter beigebracht.

Im Gegensatz zu vielen anderen Tenniseltern trat er dabei nicht aggressiv und laut auf, sondern blieb höflich und nachdenklich - aber er forderte auch viel. Nach Niederlagen schickte er seine Tochter oft noch auf den Platz: Aufschlagtraining auf leere Plastikflaschen hieß die Bestrafung.

Der späte Erfolg in Bartolis Karriere war auch eine Versöhnung mit dem französischen Tennis-Establishment. Bartoli, die selbst in ihrem Heimatland als Außenseiterin galt, hatte jahrelang mit dem mächtigen französischen Tennisverband im Streit gelegen. Sie wollte ihren Vater bei den Fed-Cup-Partien als Trainer dabeihaben. Der Verband untersagte Privattrainer. Bartoli blieb standhaft, spielte seit 2004 nicht mehr für die Nationalmannschaft und wurde so auch nicht für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London nominiert.

Eigen, aber beliebt

Bartoli hatte an der Entscheidung zu knabbern, beschwerte sich aber nicht. Anfang des Jahres, als sie sich doch von ihrem Vater als Trainer trennte und die ehemalige französische Weltklassespielerin Amélie Mauresmo als Nachfolgerin engagierte, kehrte sie in die Nationalmannschaft zurück.

Mauresmo hatte offenbar den Knoten gelöst. "Hart zu arbeiten und Spaß zu haben, das schließt sich ja nicht aus", sagte die Trainerin.

Bartoli wirkte tatsächlich gelöster in den folgenden Monaten, wurde in Paris bei den French Open endlich frenetisch vom Heimpublikum unterstützt und brachte dem französischen Tennis mit ihrem Wimbledon-Sieg einen lang erwarteten großen Triumph. In ihrer Siegesrede zeigte Bartoli, warum sie trotz ihrer Eigenheiten bei Kolleginnen und Journalisten so beliebt war. In ihrer herzlichen, nachdenklichen Art dankte sie ihrem Team, aber auch ihrer Gegnerin.

Einen echten Plan für das, was sie künftig machen will, hat sie zwar noch nicht, aber: "Es gibt so vieles außer Tennis. Ich bin ganz sicher, dass ich einen guten Weg finden werde, ich muss nur erst ein bisschen zur Ruhe kommen." Am 2. Oktober wird Bartoli 29, und auch Mutter zu werden, kann sie sich gut vorstellen: "Aber ich will sorgfältig über alles nachdenken, ehe ich mich entscheide."

Es ist übrigens nicht nur der Wimbledon-Sieg, der sie im Rückblick auf ihre Karriere mit Stolz erfüllt. Sie sei sich selbst immer treu geblieben, ehrlich, aufrichtig, loyal zu ihrem Team, ihren Freunden, den Menschen, die sie begleitet haben: "Ich glaube, wenn man diese Leute fragt: Wie ist Marion Bartoli denn so?, werden sie antworten, 'Sie ist ein netter Mensch'. Das macht mich stolz."

Mit Material von dpa



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
gweihir 15.08.2013
1. IQ 175 geht nicht
Liebe Leute, nach europaeischen Messverfahren geht der IQ von 50 bis 150, mehr ist nicht. Alles was drueber ist, ist amerikanisch und eher zweifelhaft, da es da eine Inflation der Zahlen gab. Wenn man sowas halt kommerzialisiert betreibt, dann gehen die Kunden zu dem, der einem die hoechste Zahl gibt. Z.B. liegt Marilyn vos Savant nach Amerikanischen Messlatten bei einem IQ von 167 bis 228, was schon die Untauglichkeit der nackten Zahl zeigt. Das heist nicht, dass die Dame nicht schlau ist, aber in Europa hat sie eben keinen IQ von 175 und in den USA hat sie "175 bei Test x". Wieder mal Journalismus ohne Ahnung, 5 Minuten Wikipaedie haetten geholfen...
preteatro 15.08.2013
2. "Wikipaedie" fördert
Zitat von gweihirLiebe Leute, nach europaeischen Messverfahren geht der IQ von 50 bis 150, mehr ist nicht. Alles was drueber ist, ist amerikanisch und eher zweifelhaft, da es da eine Inflation der Zahlen gab. Wenn man sowas halt kommerzialisiert betreibt, dann gehen die Kunden zu dem, der einem die hoechste Zahl gibt. Z.B. liegt Marilyn vos Savant nach Amerikanischen Messlatten bei einem IQ von 167 bis 228, was schon die Untauglichkeit der nackten Zahl zeigt. Das heist nicht, dass die Dame nicht schlau ist, aber in Europa hat sie eben keinen IQ von 175 und in den USA hat sie "175 bei Test x". Wieder mal Journalismus ohne Ahnung, 5 Minuten Wikipaedie haetten geholfen...
zwar nicht das Denkvermögen, gebiert aber nicht nur Wissen sondern vor Allem reihenweise Besserwisser.
fsdarlwie13 15.08.2013
3.
Zitat von gweihirLiebe Leute, nach europaeischen Messverfahren geht der IQ von 50 bis 150, mehr ist nicht. Alles was drueber ist, ist amerikanisch und eher zweifelhaft, da es da eine Inflation der Zahlen gab. Wenn man sowas halt kommerzialisiert betreibt, dann gehen die Kunden zu dem, der einem die hoechste Zahl gibt. Z.B. liegt Marilyn vos Savant nach Amerikanischen Messlatten bei einem IQ von 167 bis 228, was schon die Untauglichkeit der nackten Zahl zeigt. Das heist nicht, dass die Dame nicht schlau ist, aber in Europa hat sie eben keinen IQ von 175 und in den USA hat sie "175 bei Test x". Wieder mal Journalismus ohne Ahnung, 5 Minuten Wikipaedie haetten geholfen...
An einem kleinen und bedeutungslosen Nebensatz ziehen Sie Ihre gesamte Kritik an dem Artikel auf??? Wenn der Neid aus einem spricht und man inhaltlich nichts beizutragen hat, dann ergötzt man sich eben an formellen Mängeln. Jeder macht das, was er am besten kann; Menschen wie Sie sollten morgens einfach im Bett bleiben...
BlakesWort 15.08.2013
4.
Hätte sie nicht Wimbledon gewonnen, niemand würde Notiz von diesem Abschied nehmen. Sich mit einem IQ von 175 für das Verhauen von Bällen zu entscheiden, ist natürlich auch sehr speziell. Immerhin hat sie damit eine Nische besetzt, die ihr eine gewisse Bekanntheit sicherte. Mit ihren 11 Millionen Dollar Preisgeld wird sie sicher etwas anzufangen wissen, da sie mit 28 jung ist und hoffentlich ihren Körper nicht verschlissen hat, wie der Artikel suggeriert.
gannicus 15.08.2013
5.
Danke für den interessanten Artikel!
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