Rücktritt von Wimbledon-Siegerin Bartoli: "Madame Einstein" geht vom Platz
Tränen auf der Pressekonferenz, Emotionen auf Twitter: Einen Monat nach ihrem größten Erfolg tritt Wimbledon-Siegerin Marion Bartoli zurück. Die Französin mit dem IQ von 175 und dem unorthodoxen Spiel blieb immer eine Außenseiterin. Für ihren einen großen Titel gab sie alles.
Die Emotionen, die Aufregung und die Rührung waren selbst um fünf Uhr morgens noch nicht abgeklungen. "Ich konnte noch nicht schlafen, ich habe all eure Nachrichten gelesen und Tränen in den Augen. Danke euch allen für eure Liebe", twitterte Marion Bartoli da. Einige Stunden zuvor hatte sie dem Tennissport - völlig unerwartet - Adieu gesagt.
Jede Woche neue Turniere, ein neues überraschendes Ergebnis, ein neuer Star - das Profitennis ist selbst in der schnelllebigen Sportwelt eine Ausnahme. Da ist kaum Platz für Sentimentalitäten. Bartoli, vor einem Monat noch Wimbledon-Siegerin, verlor auf einem Nebenplatz beim US Open-Vorbereitungsturnier in Cincinnati ihr Auftaktmatch gegen die Rumänin Simona Halep. Kann passieren, gerade nach einem großen Triumph. Aber für Bartoli war es der Anlass zum Abschied.
"Ich habe mir meinen Traum erfüllt, und das wird mir ewig bleiben", sagte sie bei ihrer Abschiedsrede in Cincinnati. Sie habe alles in Wimbledon gegeben.
Bartoli, wie die meisten Tennisspieler von ständigen Verletzungen geplagt, sprach von akuten Rücken-, Achillessehnen- und Hüftschmerzen. Das ist nicht ungewöhnlich für eine Spielerin, die ihr erstes Profimatch 1999 im Alter von 14 spielte und insgesamt 788-mal auf dem Court stand. Der Rücktritt war aber sicherlich auch Ausdruck mentaler Erschöpfung.
"Vor dem Spiel weißt du nie, ob es dein letztes ist", sagte Bartoli, "aber nach dem Spiel habe ich so gefühlt".
Ihre ganze Karriere hatte die Rechtshänderin mit dem IQ von 175 auf das eine große Ziel hingearbeitet, einen Grand-Slam-Sieg. 47-mal, so oft wie vor ihr keine andere Spielerin, war sie vor ihrem Titel bei Grand Slams angetreten. Erst nach dem Wimbledon-Sieg hatte sie sich nichts mehr zu beweisen.
Die damals unterlegene Sabine Lisicki war eine von vielen Spielerinnen, die Bartoli nach dem Rücktritt auf Twitter alles Gute wünschten: "Viele Erinnerungen werden bleiben. Dicke Umarmung."
Spielstil verhinderte lange großen Erfolg
Bartolis Auftreten auf dem Platz war für Außenstehende oft exzentrisch, doch in der Welt der Französin machten die Schattenschläge und das ständige Bewegen vor Ballwechseln Sinn. Sie wollte immer bereit sein für den nächsten Schlag, Energie ausstrahlen, ihr Schicksal in der eigenen Hand haben. So spielte sie dann auch: flache, aggressive Schläge, immer den Winner suchend, bloß nicht der Gegnerin die Initiative überlassen. Ein Spielstil, der über die Jahre einige große Siege wie zum Beispiel gegen Serena Williams und Justine Henin in Wimbledon brachte. Aber eben auch viele Niederlagen - und bis zu diesem Sommer auch den ganz großen Durchbruch verhinderte.
Bartolis Spiel war wie ihre Persönlichkeit von ihrem Vater geprägt. Walter Bartoli hatte den Sieg von Monica Seles gegen Steffi Graf bei den French Open 1992 gesehen und mit Hilfe ungewöhnlicher Trainingsmethoden das Spiel der Amerikanerin imitiert und seiner Tochter beigebracht.
Im Gegensatz zu vielen anderen Tenniseltern trat er dabei nicht aggressiv und laut auf, sondern blieb höflich und nachdenklich - aber er forderte auch viel. Nach Niederlagen schickte er seine Tochter oft noch auf den Platz: Aufschlagtraining auf leere Plastikflaschen hieß die Bestrafung.
Der späte Erfolg in Bartolis Karriere war auch eine Versöhnung mit dem französischen Tennis-Establishment. Bartoli, die selbst in ihrem Heimatland als Außenseiterin galt, hatte jahrelang mit dem mächtigen französischen Tennisverband im Streit gelegen. Sie wollte ihren Vater bei den Fed-Cup-Partien als Trainer dabeihaben. Der Verband untersagte Privattrainer. Bartoli blieb standhaft, spielte seit 2004 nicht mehr für die Nationalmannschaft und wurde so auch nicht für die Olympischen Sommerspiele 2012 in London nominiert.
Eigen, aber beliebt
Bartoli hatte an der Entscheidung zu knabbern, beschwerte sich aber nicht. Anfang des Jahres, als sie sich doch von ihrem Vater als Trainer trennte und die ehemalige französische Weltklassespielerin Amélie Mauresmo als Nachfolgerin engagierte, kehrte sie in die Nationalmannschaft zurück.
Mauresmo hatte offenbar den Knoten gelöst. "Hart zu arbeiten und Spaß zu haben, das schließt sich ja nicht aus", sagte die Trainerin.
Bartoli wirkte tatsächlich gelöster in den folgenden Monaten, wurde in Paris bei den French Open endlich frenetisch vom Heimpublikum unterstützt und brachte dem französischen Tennis mit ihrem Wimbledon-Sieg einen lang erwarteten großen Triumph. In ihrer Siegesrede zeigte Bartoli, warum sie trotz ihrer Eigenheiten bei Kolleginnen und Journalisten so beliebt war. In ihrer herzlichen, nachdenklichen Art dankte sie ihrem Team, aber auch ihrer Gegnerin.
Einen echten Plan für das, was sie künftig machen will, hat sie zwar noch nicht, aber: "Es gibt so vieles außer Tennis. Ich bin ganz sicher, dass ich einen guten Weg finden werde, ich muss nur erst ein bisschen zur Ruhe kommen." Am 2. Oktober wird Bartoli 29, und auch Mutter zu werden, kann sie sich gut vorstellen: "Aber ich will sorgfältig über alles nachdenken, ehe ich mich entscheide."
Es ist übrigens nicht nur der Wimbledon-Sieg, der sie im Rückblick auf ihre Karriere mit Stolz erfüllt. Sie sei sich selbst immer treu geblieben, ehrlich, aufrichtig, loyal zu ihrem Team, ihren Freunden, den Menschen, die sie begleitet haben: "Ich glaube, wenn man diese Leute fragt: Wie ist Marion Bartoli denn so?, werden sie antworten, 'Sie ist ein netter Mensch'. Das macht mich stolz."
Mit Material von dpa
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| Die Wimbledon-Sieger seit 2000 | ||
| Jahr | Männer | Frauen |
| 2013 | Andy Murray | Marion Bartoli |
| 2012 | Roger Federer | Serena Williams |
| 2011 | Novak Djokovic | Petra Kvitová |
| 2010 | Rafael Nadal | Serena Williams |
| 2009 | Roger Federer | Serena Williams |
| 2008 | Rafael Nadal | Venus Williams |
| 2007 | Roger Federer | Venus Williams |
| 2006 | Roger Federer | Amélie Mauresmo |
| 2005 | Roger Federer | Venus Williams |
| 2004 | Roger Federer | Marija Scharapowa |
| 2003 | Roger Federer | Serena Williams |
| 2002 | Lleyton Hewitt | Serena Williams |
| 2001 | Goran Ivanisevic | Venus Williams |
| 2000 | Pete Sampras | Venus Williams |
VOLLEY: Der Ball wird noch vor dem Aufkommen auf dem Boden geschlagen. Dieser Schlag wird vorwiegend am Netz gespielt und soll den Ballwechsel beenden.
PASSIERSCHLAG: Ist der andere Spieler ans Netz vorgerückt, kann er nicht die gesamte Breite des Feldes abdecken - und mit einem Schlag seitlich an ihm vorbei passiert werden.
STOPP: Ein zumeist mit Rückwärtsdrall gespielter Ball, der kurz hinter dem Netz aufkommt und für den Gegner schwer zu erreichen ist. Wird vorwiegend auf dem langsamen Belag Sand gespielt.
LOB: Nach einem gespielten Stopp rückt der Spieler zumeist ans Netz vor. Dann ist es möglich ihn mit einem hoch geschlagenen Lob-Ball zu überspielen.
SCHMETTERBALL: Wird der Lob zu flach gespielt, bietet sich für den Gegner die Möglichkeit, den Ballwechsel mit einem Schmetterball zu beenden. Der Schlag ähnelt sehr dem Aufschlag und ist ein mit hohem Tempo gespielter Überkopfschlag.
Zudem lassen sich die Schläge von der Grundlinie unterteilen, egal ob Vor- und Rückhand:
TOPSPIN: Durch eine von unten nach oben durchgeführte Schlagbewegung wird dem Ball Vorwärtsdrall verliehen. Der Ball steigt dadurch zunächst relativ hoch an, fällt dann aber steil nach unten. So können auch sehr diagonal oder schnell gespielte Bälle noch im Feld landen.
SLICE: Ist das Gegenteil vom Topspin. Die Schlagbewegung ist von oben nach unten, der Ball erhält damit Rückwärtsdrall. Der Ball wird möglichst am höchsten Punkt getroffen, die Flugkurve ist dann sehr flach und stetig sinkend. Der Ball ist dadurch relativ lange in der Luft, so dass der Schlag entweder als Verteidigungsschlag oder als Vorbereitung zum Aufrücken ans Netz verwendet wird.
DRIVE: Der Ball wird sehr direkt getroffen und damit nur mit sehr wenig oder gar keiner Rotation versehen.
Jeder dieser drei Schläge kann entweder cross, also quer, oder longline, der Linie entlang, gespielt werden. Ein Longline-Schlag erfordert eine hohe Präzision, da der Ball leicht im Aus landen kann - und das Netz zudem außen höher ist als in der Mitte. Cross gespielte Schläge hingegen fordern weniger Genauigkeit, können dafür aber mit mehr Tempo gespielt werden.
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