Tennislegende Fred Perry "Ich war das dreckige Arbeiterkind"

Dreimal gewann er Wimbledon, trotzdem musste der Brite lange auf die Anerkennung seiner Landsleute warten. Fred Perry war der wohl beste Tennisspieler seiner Zeit. Auch heute ist sein Name für viele Menschen ein Begriff - wegen einer Modelinie. An diesem Montag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von


Deutschland, Anfang der neunziger Jahre. Dumpfe Parolen hallen durch die Innenstädte, junge Männer marschieren durch die Straßen von Rostock, Mölln und Solingen und grölen ihr braunes Gedankengut heraus. Viele von ihnen tragen schwarze Sonnenbrillen, dunkle Jeans und Polo-Shirts mit einem feingestickten Lorbeerkranz über dem Herzen - Marke Fred Perry.

Deutschland, 2001: Moderator Markus Kavka berichtet während der MTV-News von übergewichtigen, drogensüchtigen oder frischverliebten Pop-Stars und Sternchen. Er trägt einen frechen schwarzen Kurzhaarschnitt, dunkle Jeans und ein Poloshirt mit Lorbeerkranz - Marke Fred Perry.

Zwei Szenen, zwei Welten - ein Name. Wer war Fred Perry?

England, 1936. Ein junger Mann mit Brillantine im schwarzen Haar und Flanellhosen über den durchtrainierten Beinen - er reckt die Arme in die Höhe. Gerade hat der drahtige 27-jährige Tennisspieler zum dritten Mal in Folge die All England Championship von Wimbledon gewonnen - in nur 40 Minuten und das mit einem sensationellen Ergebnis: 6:1, 6:1, 6:0. Der unterlegene Gegner, der Deutsche Gottfried von Cramm, war zwar nach eigenen Angaben verletzt, dennoch war es ein großer Triumph des Sohns eines Baumwollspinners: Er war der erste Champion, der aus der Arbeiterklasse kam.

Fred Perry, nach jüdischem Glauben erzogen, war einer der besten Tennisspieler seiner Zeit, der vor allem im Einzel als unschlagbar galt. Dennoch bekam er von der feinen Tennis-Gesellschaft nie die Anerkennung, die ihm gebührte. "Ich war das dreckige Arbeiterkind, das ihr weißes Tennis beschmutzte", sagte er einmal über sich selbst. Bei seinem ersten Wimbledon-Sieg 1934 wurde ihm die Clubkrawatte, die jeder Sieger bekam, nicht verliehen, sondern einfach in die Umkleidekabine gehängt. Perry versuchte trotz dieser offen gezeigten Ablehnung, eben diesen Leuten zu gefallen. Er wollte unbedingt zur High Society gehören.

Ursprünglich spielte Perry Fußball und Tischtennis, 1929 konnte er sogar den Weltmeistertitel mit dem kleinen Schläger feiern. Später wechselte er dann zum Tennis. Seine Spielweise war sehr von Athletik geprägt, die er sich im Training mit den Fußballern des FC Arsenal holte.

Acht Grand-Slam-Turniere, die damals noch Internationale Meisterschaften hießen, konnte Perry gewinnen. Im Davis Cup triumphierte er mit dem britischen Team von 1933 bis 1936 dreimal, bevor er einen Profivertrag unterschrieb und in die USA übersiedelte. Dort heiratete er die Schauspielerin Helen Vinson und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Kino, Glamour, Hollywood: Perry genoss das Leben und war nicht nur auf dem Tennisplatz aktiv. Parallel zu seiner Sportlerkarriere gründete er eine eigene Modelinie. Als Markenzeichen wählte er das Lorbeerblatt, das er dreimal in Wimbledon verliehen bekommen hatte - und das seinem späteren Ruhm zugrunde lag. Auch auf diesem Feld war er erfolgreich: In den frühen sechziger Jahren stieg das Unternehmen zu einem der größten Sportartikelhersteller auf.

Abseits des Platzes blieb er dem Tennis auch immer als Besucher treu. Bis ins hohe Alter gehörte Perry zu den gern gesehenen Gästen der Grand-Slam-Turniere weltweit - das mittlerweile graue Haar immer noch stramm nach hinten gezogen. Fast keinen Wettkampf ließ er aus - Tennis war und blieb bis zu seinem Tode 1995 seine größte Leidenschaft. Er starb am Rande des Grand-Slam-Turniers von Melbourne, nachdem er sich bei einem Sturz mehrere Rippen gebrochen hatte und Komplikationen aufgetreten waren.

Mittlerweile gilt das Klischee von den Fred-Perry-tragenden Neonazis nicht mehr. Im Gegenteil: Die Modemarke ist zu einem festen Bestandteil der linken Skinhead- und Ska-Szene geworden. Elektropopper wie Jan Delay rühmen sich - wie im Song "Klar" - ebenso mit der Marke wie in die Jahre gekommene Punkrocker, denen Polohemden mittlerweile besser stehen als Nietenjacken.

Der Ruhm von Fred Perry ist jedoch nicht verblasst. Im hohen Alter von fast 80 Jahren bekam er endlich die Würdigung, die er verdiente: Am Eingang zum Tennisgelände von Wimbledon steht eine Statue des Mannes, der das "weiße Tennis beschmutzte" und von dem der Präsident der International Tennis Federation (ITF), Brian Tobin, später sagen sollte: "Er war ein großer Champion, doch das waren andere auch. Das Besondere an Fred Perry war, dass er bis zuletzt praktisch ein Stück des Sports war und dass er bei den Jüngeren nicht nur bekannt, sondern für sie auch ein Vorbild war."

An diesem Montag wäre Fred Perry 100 Jahre alt geworden.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.