Hamburg - Es sind vor allem seine Niederlagen, die in Erinnerung bleiben werden. Einen großen Sieg hat Rainer Schüttler während seiner 17 Jahre auf der ATP-Tour verpasst. Die dramatischste aller Niederlagen kassierte er im Sommer 2004. An der Seite von Nicolas Kiefer kämpfte er im olympischen Doppelfinale bis 2.39 Uhr um die Goldmedaille. Vier Matchbälle vergaben die Deutschen gegen das chilenische Duo Fernando González und Nicolas Massú und verloren schließlich 2:6, 6:4, 6:3, 6:7 (7:9), 4:6.
Schüttler ließ kreidebleich und mit Tränen in den Augen die Siegerehrung über sich ergehen. Dieses Bild dürfte in Erinnerung bleiben von einer Tennisspielerkarriere, die am Dienstag ihren Abschluss fand. "Mittlerweile weiß ich, wie außergewöhnlich dieser Erfolg war", sagte er später zum "schönsten und schlimmsten Erlebnis" seiner Karriere.
Acht Jahre später hat der "Shaker", wie Schüttler auch genannt wird, seine aktive Karriere, in der er vier Turniere gewonnen und gut 7,4 Millionen Dollar Preisgeld eingespielt hat, nun offiziell für beendet erklärt. "Es ist keine Wehmut dabei. Irgendwann wird es Zeit. Nach den vielen Verletzungen war es zuletzt schwierig, die Motivation zu finden", sagte der 36-Jährige zu seinem Rücktritt, der sich schon seit längerem angedeutet hatte.
Sein letztes offizielles Spiel auf der Tour hatte er am 13. Januar dieses Jahres bei den Australian Open in Melbourne in der zweiten Qualifikationsrunde bestritten. Dort hatte er gegen den Russen Alexander Kudrjawzew 6:7, 6:0, 6:8 verloren. In der Weltrangliste wurde Schüttler zuletzt auf Platz 846 geführt. Er sei schon seit Monaten gedanklich ganz woanders, so Schüttler.
Agassi verhindert großen Triumph
Die beste Zeit als Tennisprofi lag ohnehin längst hinter ihm. Sein erfolgreichstes Jahr war 2003, als er sensationell das Finale der Australian Open erreichte. Schüttler war der erste deutsche Spieler seit Michael Stich 1996 bei den French Open und bis heute auch der Letzte, der im Endspiel eines Grand-Slam-Turniers stand. Im Finale war er chancenlos und wurde vom US-Amerikaner Andre Agassi 6:2, 6:2, 6:1 deklassiert.
Im gleichen Jahr gewann er die Turniere in Lyon und Tokio und qualifizierte sich für das Saisonfinale der besten Acht in Houston. Dort scheiterte er erneut an Agassi. Im April 2004 erreichte er mit dem fünften Platz seine höchste Position in der Weltrangliste. Über viele Jahre war Schüttler in den Top Ten präsent.
Eine Karriere, die ihm kaum jemand zugetraut hätte. Erst mit knapp zehn Jahren hatte er mit dem Tennisspielen begonnen, erst mit 17 setzte er auf die Karte Profitennis. Seine Mitstreiter Thomas Haas und Kiefer galten lange Zeit als die legitimen Nachfolger von Stich und Boris Becker, den Arbeiter Schüttler hatte niemand auf der Rechnung.
Überschaubares Talent, großer Trainingsfleiß
Sein Talent war überschaubar, seinem Spiel fehlte die gefährliche Waffe. Schüttler war sich dessen bewusst und investierte mehr als die meisten anderen in seine Karriere. Lange Zeit galt er als der fitteste Spieler auf der Tour, er war berühmt für seinen Trainingsfleiß und seine Extraschichten. Sein Trainer Dirk Hordorff, der ihn seit 1992 betreute, lobte Schüttler oft als "grundsolide, freundlich, fleißig, ehrlich und vor allem ohne Flausen".
Diese Eigenschaften führten dazu, dass Schüttler immer wieder unterschätzt wurde - auch von seinen Gegnern. Als viele ihn schon abgeschrieben hatten, kam er noch einmal zurück und schaffte 2008 in Wimbledon eine bemerkenswerte Siegesserie. Zwei spektakuläre Fünf-Satz-Krimis brachten ihn bis in die Runde der letzten Vier des wichtigsten Tennisturniers der Welt. Erst Rafael Nadal verhinderte einen Finaleinzug des Deutschen. Es war das letzte aufsehenerregende Ereignis in seiner aktiven Laufbahn. Danach begann der Abstieg. Es hagelte Erstrundenniederlagen, Schüttler wurde immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen.
Umsoweniger überrascht die Tatsache, dass Schüttler mit seinem Rücktritt bereits detaillierte Pläne für seine Zukunft parat hatte. Gemeinsam mit dem ehemaligen Boris-Becker-Manager Ion Tiriac hat der 36-Jährige die Lizenzrechte vom Rochusclub für ein Nachfolgeturnier des eingestellten World Teams Cups erworben. "Unser Ziel ist, dieses Turnier langfristig in Düsseldorf auszurichten, um Spitzentennis in dieser Region zu zeigen", sagte Schüttler. Außerdem will er Seminare für Profitrainer anbieten. Mit hartem Training kennt Schüttler sich schließlich aus.
rei/dpa
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