Tennys Sandgren bei den Australian Open Alt+Right+Entf

In der Weltrangliste steht Tennys Sandgren nur auf Platz 97, in Melbourne kämpft er um den Halbfinaleinzug. Eine Heldengeschichte? Ja, wären da nicht Tausende gelöschte Tweets.

Tennys Sandgren
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Tennys Sandgren


Ja, er heißt wirklich so. Tennys Sandgren spielt Tennis und das ziemlich gut. Er steht im Viertelfinale der Australian Open. Dass Tennys Sandgren auch noch aus Tennessee stammt - geschenkt. Dass es sich lohnt, sich nicht nur mit Sandgrens Potenzial für Wortspiele zu beschäftigen, sondern mit der Person, hat der US-Amerikaner in den vergangenen Tagen in Melbourne gezeigt.

Er besiegte zuletzt Österreichs Dominic Thiem in fünf Sätzen. Es war sein zweiter Top-Ten-Erfolg nach dem klaren Sieg über den nach einer Knie-OP noch strauchelnden Stan Wawrinka.

Sandgren steht im Viertelfinale der Australian Open, und statt eines Matchs zwischen Dominic Thiem und Novak Djokovic heißt das Spiel in der Nacht auf Mittwoch nun Sandgren gegen Hyeon Chung - die Nummer 97 gegen die 58 der Welt. Zuletzt standen sich beim Wimbledon-Turnier 2008 mit Rainer Schüttler gegen Arnaud Clement zwei Spieler außerhalb der Top 50 in einem Grand-Slam-Viertelfinale gegenüber, in Melbourne muss man gar ins Jahr 1991 und auf Patrick McEnroe und Cristiano Caratti zurückblicken.

Spätstarter in der Weltspitze

Sandgren ist mit seinen 26 Jahren kein Newcomer im Tenniscircuit. Er kam über das amerikanische College-Tennis auf die Tour, es ist ein Weg, den auch die deutschen Profis Benjamin Becker oder Yannick Hanfmann gegangen sind: Studium in den USA, oft dank eines Stipendiums, recht spät dann erst der Einstieg ins Profitennis, in Sandgrens Fall im Alter von 20 Jahren. Ein Jahr später knackte er zwar die Top 300 der Welt, zum großen Durchbruch kam es im Anschluss jedoch nicht, 2014 fiel Sandgren aufgrund einer Hüft-Operation lange aus.

Zwar steht Sandgren mittlerweile unter den ersten einhundert der Welt, aber gäbe es seinen Vornamen nicht, hätten viele noch nie von ihm gehört. Vor den diesjährigen Australian Open hatte er bei den Grand-Slam-Turnieren noch kein Spiel gewonnen, überhaupt auf Tourlevel erst zwei Matches, ein Mal davon dank der Aufgabe seines Gegners.

Tennys Sandgren mit Zuschauern
REUTERS

Tennys Sandgren mit Zuschauern

Nun der Lauf in Melbourne, den Sandgren recht gefasst annimmt. "Ich weiß, dass ich gut genug bin, um das zu leisten", sagt er. Sandgren ist zudem erfahren genug, um zu wissen, wie er sich seine Kräfte einteilen muss. Jüngere Spieler verausgaben sich nach ersten großen Erfolgen häufig beim Jubeln, so Sandgren.

"Das passt im Tennis nicht zusammen, vor allem nicht in einem Match über drei Gewinnsätze. Da hast du nicht genug Energie, um sie bei Gefühlsausbrüchen zu verschwenden", gibt sich Sandgren weise, obwohl er vor den Australian Open erst zwei Matches über den Best-of-Five-Modus gespielt hatte.

Djokovic-Doppelgänger Chung: Einer aus der #NextGen

Sein kommender Gegner feierte seinen noch größeren Erfolg noch gefasster. Hyeon Chung ist mit 21 Jahren zwar jünger, aber auf Major-Ebene erfahrener. Im Gegensatz zu Sandgren wird er als kommender Mann für die Spitze gelabelt und kam in Australien mit den Lorbeeren des Sieges bei den Next Gen ATP Finals an.

Das Event in Mailand brachte im November die acht besten U21-Spieler zusammen, nur der Beste unter ihnen fehlte, weil er bereits für die "echten" ATP Finals qualifiziert war: Alexander Zverev. Ausgerechnet ihn nahm Chung in Runde drei aus dem Rennen, einerseits weil Zverev nach einer 2:1-Satzführung einbrach - andererseits, weil Chung groß und nervenfrei aufspielte.

Hyeon Chung
AP

Hyeon Chung

Auch gegen Novak Djokovic bewies der Südkoreaner spielerische Klasse, er wirkte teilweise wie das Ebenbild seines Vorbilds gegenüber zu dessen besten Zeiten. "Wenn er in Not war, hat er unglaubliche Bälle ausgepackt", lobte der ehemalige Weltranglistenerste und ließ einen Satz folgen, den seine Gegner jahrelang nach Matches gegen ihn gepachtet hatten: "Von der Grundlinie war er wie eine Wand."

Sandgren oder Chung - einer von den beiden wird also ins Halbfinale einziehen und somit die größte Überraschung des Turniers werden, nach dem Briten Kyle Edmund, der nach seinem Sieg über Weltmeister Grigor Dimitrov auch erstmals in der Vorschlussrunde eines Majors steht.

Fragwürdige Twitter-Aktivitäten

Die eigentlich schöne Geschichte vom Überraschungsturnier wird jedoch getrübt durch ein weniger schönes Thema, das seit Montag in Melbourne die Runde macht. Sandgren werden, aufgehängt an seinen Twitter-Aktivitäten, Sympathien für die Alt-Right-Bewegung in den USA nachgesagt. Sandgren folgt dort vielen Personen mit sehr rechten Ansichten, klickte bei deren Äußerungen oft den "Gefällt mir"-Knopf, kommentierte oder teilte sie.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Thiem wies er diese Anschuldigungen zurück, "welche Informationen man aufnimmt, sagt nicht aus, was man denkt", sagte Sandgren. Er finde manche Inhalte interessant, unterstütze diese Bewegung aber keinesfalls. In einem späteren Interview sprach er davon, gerne alle Seiten zu hören und lernen zu wollen, weil er erst 26 Jahre alt sei.

Bis zum Dienstagvormittag waren viele seiner rund 5.000 Tweets aus den vergangenen fünf Jahren gelöscht.



insgesamt 6 Beiträge
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Reddington 23.01.2018
1. Ja und?
Wenn ich mir ein Tennisspiel anschaue, dann tue ich das weil mich der Sport interessiert und in der Hoffnung ein spannendes Match zu sehen. Wen stört dann die eventuellen politischen Meinungen des Spielers? In einer pluralistischen Gesellschaft sollte dies keine Rolle spielen.
gandalf446 23.01.2018
2.
Zitat von ReddingtonWenn ich mir ein Tennisspiel anschaue, dann tue ich das weil mich der Sport interessiert und in der Hoffnung ein spannendes Match zu sehen. Wen stört dann die eventuellen politischen Meinungen des Spielers? In einer pluralistischen Gesellschaft sollte dies keine Rolle spielen.
Sehe ich auch so. Leider werfen das manche aber in einen Topf und versuchen dann, wie es auch hier durchklingt, Leistungen von Sportlern mit nicht genehmen Ansichten madig zu machen. Leider hat die politische Diskussion mittlerweile nahezu sämtliche Gesellschaftlichen Felder vereinnahmt - eben auch den Sport.
DerDifferenzierteBlick 23.01.2018
3. Noch besser wäre es gewesen...
...wenn er einen zweiten Vornamen hätte, der mit C anfängt... @Erste Kommentare: Solange er nicht aufgrund gesetzeskonformer Handlungen oder Aussagen sportliche Nachteile hat (was ja wohl nicht der Fall ist), ist es aber auch völlig legitim, über die von ihm persönlich öffentlich gemachten politischen Positionierungen zu berichten und gegebenenfalls eine eigene Meinung zu entwickeln. Schließlich ist er eine öffentliche Person und dann gehört auch das zur Presse- und Meinungsfreiheit. Und gerade bei der rechtsextremen (einfach mal alt right leader bei Youtube eingeben) Alt-Right-Bewegung halte ich einen solchen Artikel für absolut gerechtfertigt.
Larnaveux 23.01.2018
4. Meinungsbildung durch Spitzelsystem
Ich finde das Verhalten langsam krank. Kaum äußert sich jemand in irgendeiner Weise im Internet, hat er sofort tausende kleiner Sittenwächter an der Backe, die das, was er geäußert oder angeklickt hat, auswerten, interpretieren und anschließend erst so richtig in die weite Welt tragen. Ganz ehrlich, auch wenn ich die Alt-Right-Bewegung nicht gerade schätze, diese widerliche Blockwart-Mentalität im Internet ist wirklich zum Kotzen. Darüber hinaus bin ich nicht interessiert an jeder einzelnen politischen Meinung von irgendwelchen Sportlern, Musikern, Models, C-, D- und F-Promis und so weiter. Ich kann sogar mit Leuten im Beruf arbeiten, ohne ihnen zwangsnotorisch hinterherzuspionieren, was sie in ihrer Freizeit im Internet treiben. Beispielsweise wäre es vermutlich 99,9% der Spiegelleser verborgen geblieben, was der sehr wahrscheinlich 95% der Leser vollkommen unbekannte und belanglose Tennisspieler da in seinem reinen Privatleben (auch Tennisspieler haben so was) so treibt. Und sie hätten auch damit gut gelebt, und die Welt hätte sich auch nicht verändert. Bei allem, was recht ist: Vorsicht gegenüber radikalen Ansichten ist schon okay. Aber dieses jegliches Maß übersteigende Spitzelverhalten gewisser Kreise ist manisch und pathologisch und im Endeffekt, wenn es bis zum Exzess getrieben wird, nicht weniger gefährlich als so mancher radikale Gedanke selbst. Mit derartigen Spitzeln möchte ich privat absolut nichts zu tun haben.
fatal.justice 23.01.2018
5. Grundsätzlich...
... kann man wohl jedem Sportler zugestehen, auf seinem Twitter-Account zu veranstalten, was immer er möchte - solange er sich nicht außerhalb der Rechtsnorm bewegt. Allerdings muss man auch jedem Rezipienten zugestehen, sich eine Meinung über diese Person zu bilden. Twitter ist kein Poesiealbum, dass man zu Hause unterm Bett versteckt - es ist eine Plattform, auf der Meinungen veröffentlicht werden können - für alle zugänglich und damit selbstverständlich auch für alle bewertbar. Man sollte schon annehmen können, dass ein erwachsener Mensch sich dessen bewusst ist und seine Schlüsse daraus zieht. Offensichtlich tat er dies auch, indem er mit dem großen Wegwischschwamm durch seinen Account feudelte... ;-)
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