IOC-Präsidentenwahl Bach und der Strippenzieher-Scheich

In einer Woche wird in Buenos Aires der IOC-Präsident gewählt, DOSB-Boss Thomas Bach ist Top-Favorit. Stoppen könnte den ehemaligen Fechter, der von mächtigen Männern unterstützt wird, nur noch eine Absprache seiner fünf Konkurrenten.

AP

Aus Buenos Aires berichtet


Die letzte Etappe im Langstreckenrennen des Thomas Bach beginnt am Terminal des Flughafens Ezeiza in Buenos Aires. Am Sonntag dockt die Lufthansa-Maschine LH 510 um 6.59 Uhr an, Bach entsteigt mit Gattin Claudia der First Class, ein Empfangskommando wartet bereits am Gate auf ihn und die fünf Mitglieder seiner Expedition. In Buenos Aires, wo er 1977 Team-Weltmeister mit den deutschen Florettfechtern wurde, will Bach am 10. September die wichtigste Goldmedaille seines Lebens erringen. Die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) soll ihn unter sechs Kandidaten zum Präsidenten küren. Bach wäre am Ziel.

Der 59-Jährige ist Favorit auf den IOC-Thron, und er trifft als erster aller Bewerber in der argentinischen Hauptstadt ein, wo er im bereits hermetisch abgeschotteten Hilton-Hotel sofort ein erstes Gespräch mit dem türkischen IOC-Mitglied Ugur Erdener führt, mitten in der Lobby. Bach überlässt nichts dem Zufall - Erdener kämpft mit Istanbul um die Olympischen Spiele 2020 gegen Madrid und Tokio (diese Entscheidung fällt das IOC am 7. September) und gilt als Parteigänger von Bach. Die Herausforderer Bachs sind zu diesem Zeitpunkt noch in Rio de Janeiro beschäftigt, wie Richard Carrión (Puerto Rico) und Sergej Bubka (Ukraine) als Mitglieder der IOC-Koordinierungskommission für die Sommerspiele 2016, oder bei der Ruder-WM in Südkorea, wie der Schweizer Denis Oswald. Ser Miang Ng aus Singapur und Ching-Kuo Wu aus Taiwan sind auf dem Weg nach Buenos Aires.

Die Programme der Kandidaten finden Sie in Jens Weinreichs Blog

Bach ist schon vor Ort. Zwar verbreitet seine Entourage demonstrativ gute Stimmung und geht weiter von einem souveränen, vielleicht sogar einem Erstrundensieg am 10. September aus. Das ist nach wie vor der wahrscheinlichste Wahlausgang. Doch die Schlagzeilen in Deutschland werden auch im IOC aufmerksam verfolgt, und die Herausforderer sorgen dafür, dass sich alle Geschichten herumsprechen. Da war die Diskussion über die Studie zur Dopingvergangenheit West, die viele IOC-Mitglieder interessierte. Da waren die aggressiven Gebärden von Bachs Anwalt Christian Schertz gegenüber Journalisten. Und da ist nun angeblich die IOC-Ethikkommission mit der Frage befasst, ob eine Äußerung des einflussreichen Bach-Unterstützers Scheich Ahmad Al-Sabah aus Kuwait aus dem Mai 2013 gegen den so genannten Ethikcode verstoße oder nicht.

Bach und Madrid, darauf steht der Scheich

Scheich Al-Sabah, einer der Strippenzieher des Weltsports und Bach seit zwanzig Jahren eng verbunden, hatte während des Sport-Gipfeltreffens Sportaccord in St. Petersburg gegenüber einer ARD-Fernsehcrew das gesagt, was er damals auch etlichen anderen Journalisten gesagt hatte und was ohnehin jeder wusste: dass er Bach unterstützt. Der Scheich ist ein Unikum im IOC, er neigt zum großspurigen klaren Wort. Im aktuellen SPIEGEL etwa bestätigt er, was sich in den vergangenen Monaten unschwer beobachten ließ: Er will die Olympischen Spiele 2020 in Madrid. Bach und Madrid, darauf steht der Mann, wenn es zwischen ihm und dem Deutschen auch schon mal krachte.

Damit hätte er den neuen IOC-Präsidenten Bach, der auch wirtschaftlich eng mit Kuwait verbandelt ist (etwa über die Tauberbischofsheimer Weinig AG), einigermaßen im Griff. Das Szenario Olympische Spiele in Madrid würde den Konkurrenten Istanbul für 2020 ausbooten und dem Scheich die Option eröffnen, Olympia im nächsten Jahrzehnt an den Persischen Golf zu holen. Nur dürfen IOC-Mitglieder nicht offen über ihre Wahl-Präferenzen reden - das verbietet der angeblich so gestrenge Ethikcode, der bei Milliardenbetrügern und Korruption jedweder Art hingegen viele Schlupflöcher lässt.

Das Interview, das allenfalls interessant ist, weil der Scheich erzählt, man habe seit 2001 eine Abmachung, wird derzeit also etwas hochgespielt. Dabei gab es bei der IOC-Präsidentenwahl 2001 in Moskau, als der Belgier Jacques Rogge gewann, eine viel brisantere Geschichte: Damals zeigte Willem-Alexander, der heutige König der Niederlande, den Präsidentschaftskandidaten Kim Un Yong (Südkorea) bei der Ethikkommission an, weil dieser IOC-Mitgliedern eine jährliche Apanage von 50.000 Dollar versprochen hatte. Willem-Alexander attackierte Kim, der IOC-Mitglieder gern "Hurensöhne" schimpfte, sogar öffentlich und sicherte Rogge damit vielleicht sogar die Wahl.

"Anyone but Bach"

Andererseits ist es interessant, wer die Ethikkommission, wenn sie denn tatsächlich ermittelt (auch das bleibt unklar, wie so vieles im intransparenten IOC), beauftragt haben könnte. War es der scheidende Präsident Rogge, der Bach gewiss nicht als Nachfolger favorisiert? Warum handelt die Ethikkommission - möglicherweise - erst jetzt und hat nicht schon im Mai reagiert, als der Scheich sein Interview gab? Und warum hat Rogge die keinesfalls unabhängigen, sondern quasi direkt an seinem Büro angedockten Ethiker nicht schon vor Jahren gegen den Scheich losgeschickt, der doch im olympischen Weltsport und in seiner Heimat im Zusammenhang mit etlichen Korruptionsaffären genannt wurde?

Im Frühjahr 2012 hat beispielsweise das damalige IOC-Mitglied Mario Vazquez Rana den Scheich in einem offenen Brief beschuldigt, sich Stimmen zu kaufen. Der Mexikaner Rana, ein Freund Rogges, trat als Chef der Weltvereinigung aller Nationalen Olympischen Komitees (Anoc) zurück. Al-Sabah wurde sein Nachfolger als Anoc-Präsident. Und Rogge setzte ausgerechnet ihn an die Spitze jener IOC-Kommission, die mehr als 400 Millionen Dollar aus einem Topf für Entwicklungshilfe verteilt. Dabei wurde Al-Sabah in Kuwait schon 2011 von Parlamentsabgeordneten vorgeworfen, er solle Geld aus einem Investitionsprogramm für das asiatische Olympiakomitee Oca, dem er ebenfalls vorsteht, zweckentfremdet haben.

Keiner von Bachs fünf Gegenkandidaten scheint bisher mehrheitsfähig. Problematisch für Bach könnte es allenfalls werden, wenn sich seine Herausforderer gegen ihn verbünden sollten und dem seit den Frühjahr im IOC grassierenden Slogan ABB ("Anyone but Bach", jeder außer Bach) praktisch umsetzen würden. Doch wie sollten derlei Absprachen funktionieren? Dazu scheint das Wahlvolk von 103 Mitgliedern (wovon wahrscheinlich 102 in Buenos Aires sein werden) zu heterogen strukturiert. Das IOC hat sich insofern gewandelt, als dass sich riesige Stimmenblöcke nicht mehr beherrschen lassen - anders als bis 2001 unter Samaranch und Kim Un Yong, jenen Figuren, denen Bach eng verbunden war und auf deren Stimmpakete er immer bauen durfte.

Ginge es nach Sympathiepunkten, müsste der Machtstratege Bach die Herausforderer wirklich fürchten. Denn er ist im IOC nicht beliebt. Man respektiert ihn, manche fürchten ihn, einige hat er mit seiner Sieger-Attitüde und seinen harschen Reaktionen nach der Niederlage des Olympiakandidaten München vor zwei Jahren verärgert. Er wird auch in seiner Heimat Deutschland kaum noch Herzen erobern. Damit hat er sich abgefunden.

Acht Tage noch. Acht Tage, in denen Bach auf der Hut sein wird. In den letzten Tagen vor IOC-Wahlen sind schon manche Favoriten gestrauchelt. Er aber wird sich von seinem Weg auf den Gipfel nicht abbringen lassen.

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